Zwischen Hoffnung und Todesfurcht

Mit einem tief bewegenden Friedenskonzert zum Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren beendeten die Internationalen Musikfestspiele Saar in Verdun ihr diesjähriges Programm

Blick in die mit 2.000 Zuhörern und Musikern gefüllte Kathedrale. Links stehend: Sopranistin Sofia Fomina; Rechts sitzend (v.l.): Tenor Ian Storey und Bass Wolfgang Schöne // Copyright: privat


Zwischen Hoffnung und Todesfurcht

Mit einem tief bewegenden Friedenskonzert zum Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren beendeten die Internationalen Musikfestspiele Saar in Verdun ihr diesjähriges Programm.

von Eva-Maria Reuther

Auch wenn sie an diesem 11. November in den warmen Farben des Herbstes leuchtet, die Landschaft um Verdun ist voller Narben. Auf Schlachtfelder und Militärfriedhöfe verweisen die Schilder am Straßenrand. Erinnerungen an den Tod und eine der grausamsten Schlachten des Ersten Weltkriegs, wohin man sich wendet. Nach Verdun fährt man nicht wie in irgendeine andere Stadt. Eine Reise dorthin ist stets eine tiefgreifende existentielle Erfahrung. Kaum anderswo ist die Dialektik von Tod und Leben so alltäglich sichtbar wie in der kleinen Festungsstadt an der Maas, die wie keine andere mit dem Grauen des Ersten Weltkriegs verbunden ist. Und kaum anderswo stellt sich der Irrsinn des Krieges und die Absurdität des Sieges so monumental dar, wie hier in der Nachbarschaft von 200 000 begrabenen Soldaten und weiteren über 100.000 Gefallenen, von denen nur noch die namenlosen Gebeine geborgen werden konnten. Und doch ist die lothringische „Stadt des Friedens“, mit ihren grünen Parks und ihrem belebten Fluss, auch ein vitales Beispiel für Lebenswillen, Hoffnung und Versöhnungsbereitschaft. Gemeinsam haben hier Helmut Kohl und François Mitterand 1984 der Toten des Krieges gedacht und sich die Hand über den Gräbern gereicht. Genau der passende Ort also, um bei einem Friedenskonzert über die Grenzen hinweg des Waffenstillstands von Compiègne zu gedenken, dem Ende des Ersten Weltkriegs, das sich an diesem 11.November zum hundertsten Mal jährt. Das deutsch-französische Konzertprojekt, für das Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Jean-Claude Juncker mit anderen die Schirmherrschaft übernommen haben, ist der Höhepunkt und Abschluss der Internationalen Musikfestspiele Saar 2018. Bis auf den letzten Platz gefüllt ist die mächtige Kathedrale hoch über der Stadt, in der Hausherr Bischof Jean-Paul Gusching zur Begrüßung auf die Notwendigkeit von Versöhnung und Frieden hinweist. Ausgesprochen passend ist das Programm gewählt. Um Hoffnung über die Todesfurcht hinaus geht es in den beiden Totenmessen und um den Glauben an jenes göttliche Licht, das sich noch gegen die größte Finsternis durchsetzt. Ein Licht, das wie Vladimir Spivakov, der das Konzert leitet, in einem Interview im Vorfeld sagt, auch im Menschen Gestalt annehmen muss. Mit Wolfgang Amadeus Mozarts berühmtem Requiem d-Moll KV 626 und Camille Saint-Saëns Messe de Requiem op.54 kommen an diesem Nachmittag nicht nur zwei unterschiedliche Musiksprachen zu Wort, sondern auch unterschiedliche Arten der Frömmigkeit. Dem aufgeklärten Katholiken Mozart – wie Hans Küng den Komponisten einmal nannte- steht das schlichte Gottvertrauen der französischen Totenmesse gegenüber. Eindrucksvoll machen die 180 Mitglieder des deutsch-französischen Projektchors gemeinsam mit der Russischen Nationalphilharmonie und vier Solisten die Spannungsverläufe zwischen Schrecken und Trost in Mozarts Requiem erlebbar. Düster erklingt zu Beginn das Kyrie, von apokalyptischer Todesfurcht ist das „Dies irae“, bei dessen hochdramatischen Klängen Bilder der irdischen Apokalypse des Krieges unmittelbar im Raum stehen. Der Tod habe für ihn durchaus auch etwas Beruhigendes schrieb Mozart an seinen schwerkranken Vater. Wunderbar tröstlich erklingt in Verdun das „Recordare“. Himmelwärts strebt das ätherische „Sanctus“. Wo in Mozarts Totenfeier dem göttlichen Zorn, Hoffnung und Abgeklärtheit entgegenstehen, da bestimmen Wärme, tiefe Frömmigkeit und Glaubensschlichtheit Saint-Saëns Requiem. Einfühlsam dirigiert Spivakov das feinsinnige wie einfallsreiche Werk. Innig und beseelt singen Chor und Solisten, beredt veräußert das Orchester die Seelenlagen der Musik. Ängstlich seufzen die Geigen zu Beginn im Kyrie, ergreifend erklingt der Wechselgesang zwischen Chor und Orchester, geradezu überirdisch das „Te decet hymnus Deus in Sion“. Großartig: das „Dies irae“ mit seinem gewaltigen Orgelpart und den zum Jüngsten Gericht rufenden Bläsern, denen der Chor seelenvoll antwortet. Voll Gottvertrauen: das Gebet im Hostias. Eindrücklich besetzt sind die Solopartien mit Sofia Fominas schlankem Sopran, Anke Vondungs warmem Mezzo, Ian Storeys ausdrucksstarkem Tenor und Wolfgang Schönes stattlichem Bass. Ergriffenes Schweigen herrscht im Kirchenraum als das letzte Amen verklingt. Dann bricht begeisterter Beifall los. Nachdenklich und bewegt macht man sich auf den Heimweg.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.