Überraschungen mit Jelinek und Lessings „Nathan“

Bodo Busses Saarbrücker Schauspielstart macht mit einem tollen Ensemble Lust auf mehr

Das Licht im Kasten“.

Copyright Foto: Saarländisches Staatstheater

Jedem Anfang wohnt bekanntlich ein Zauber inne: So auch Bodo Busses Schauspielstart am Saarländischen Staatstheater mit Elfriede Jelineks „Das Licht im Kasten“ und „Nathan oder Das Märchen von der Gleichheit“ nach Gotthold Ephraim Lessing. Diese magischen Momente lagen in beiden Aufführungen an der unbändigen Spielfreude des nahezu vollständig neu zusammengestellten Ensembles, die das Publikum mitgerissen hat. Doch, um noch eine andere Binsenweisheit zu zitieren, kommt es meistens anders, als man denkt. Während der Einstand mit Jelineks Textlandschaft „Das Licht im Kasten“ eher als herausfordernd und als Wagnis eingestuft wurde, galt Nathans inzwischen Schulstoff-Lektüre gewordener Klassiker eher als sichere Nummer. Weit gefehlt! In der Inszenierung von Matthias Rippert entwickelte sich der scheinbare sperrige Text der mit inzwischen ungezählten Preisen überhäuften österreichischen Literatur-Nobelpreisträgerin zu einer nicht für möglich gehaltenen Komödie: ein Fest für ein ausdrucksstarkes, buchstäblich bis in die Haarspitzen motiviertes Ensemble, ein Füllhorn verblüffender Regie-Einfälle. Alles passt an diesem ungewöhnlichen Theaterabend um Modediktat und Schönheitswahn zusammen: Obwohl alles um Models, Designerklamotten kreist, tragen die sechs Protagonisten keine aufwändigen Kostüme, sondern Strumpfhosen, quasi ihre nackte Haut zu Markte (Kostüme: Johanna Lakner), Fabian Listz‘ strahlend weiß lackierte Bühne wird durch eine ausgeklügelte Lichttechnik für jeden Spielort kompatibel, das bisweilen enervierende Sounddesign von Robert Pawliczek leistet sein Übriges. Allen voran aber das Ensemble mit Verena Bukal, Lisa Schwindling, Martina Struppek, Marcel Bausch, Raimund Widra, Philipp Weigand: wunderbare Kabinettstückchen am laufenden Band, die Jelineks Textkaskaden zum Schweben bringen! Chapeau!

Gemischte Gefühle bei Lessing’s Nathan

Diese innere Mitte aber fand Bettina Bruiniers Inszenierung des Lessing-Stoffes nicht. Mag sein, dass sie im Verein mit ihrem Dramaturgen Horst Busch der Wirkmächtigkeit der vielzitierten Ring-Parabel nicht traute – und der Untertitel „Das Märchen von der Gleichheit“ ist da sicher mehr als ein Fingerzeig. Auf jeden Fall arbeitete sie mehrere Aktualisierungsstränge in den Lessing-Stoff ein, bemühte Mark Ravenhills 2007 als Reaktion auf die Londoner U-Bahn-Anschläge verfasste Textpassagen aus „Wir sind die Guten“ und ließ auch noch einen vermeintlichen Theatermitarbeiter auftreten, um wegen einer tödlichen Attacke auf ein Ensemblemitglied die Vorstellung unterbrechen zu lassen. Spätestens mit dem Auftritt des Gläubigen Volkes, gebildet aus dem neugegründeten Bürgerensembles des Staatstheaters, als Begriffe wie Angst und das Sicherheitsbedürfnis ins Spiel kommen, läuft das Stück aus dem Ruder und verliert seine Linie. Lessings aufklärerischer Impuls, sein Ruf nach tolerantem Miteinander der Religionsgemeinschaften, verliert sich irgendwo zwischen den Warnungen vor Salafismus und Pegida. Und Bodo Busse sollte sich überlegen, ob der grundsätzliche Zugriff auf Mikroports, wenn man ausschließlich den vorderen Bühnenbereich bespielt, wirklich der Weisheit letzter Schluss ist. So aber brachte die Technik die ein oder andere veritable Schauspielerleistung um ihre authentische Wirkung.

Burkhard Jellonnek

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