Tradition pflegen und die Zukunft gestalten

Der Trierer Generalmusikdirektor Jochem Hochstenbach im Gespräch

Der Trierer Generalmusikdirektor Jochem Hochstenbach // Foto: Marco Piecuch


von Eva-Maria Reuther

„Musik bedeutet für mich Leben“, wenn er das sagt, klingt mit, dass sich das Ausmaß der Bedeutungsfülle ohnehin nicht in einen Satz fassen lässt. Dann wird Jochem Hochstenbach doch noch etwas präziser: „Für mich spiegelt Musik sämtliche Stimmungen und Facetten des Lebens“. Seit dieser Saison ist der Niederländer Generalmusikdirektor am Theater Trier. Damit obliegt ihm neben der musikalischen Leitung des Hauses auch die Leitung des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier. Blond, hochgewachsen mit offenem Blick, so wie man sich üblicherweise einen Niederländer vorstellt, sitzt er an diesem Morgen in seinem Büro, ein aufmerksamer Zuhörer, der mit Bedacht, aber entschieden antwortet. „Open-minded“ sagen die Engländer dazu. Seine Visitenkarte hat der neue GMD bereits mit seinem ersten Sinfoniekonzert abgegeben. Neben Haydn und Brahms wurde auch György Ligetis berühmtes Violinkonzert gespielt. Ein Programm, in dem sich gleichermaßen die künftige Ausrichtung der hauseigenen Konzerttätigkeit wie Hochstenbachs Idee seiner künstlerischen Arbeit darstellt. „Ich wollte ein Zeichen setzen“, bestätigt der GMD. Das Signal war eindeutig. Es gilt die Tradition zu pflegen und sie weiterzuentwickeln.
Auch weiterhin werde man bekannte Meisterwerke spielen – so der Musikchef – aber nicht nur die: „Für mich muss es ein Menü sein, das über das Herkömmliche hinaus neue Horizonte eröffnet“. Eigentlich eine ganz traditionelle Haltung. Hatte doch schon das Genie Goethe erkannt: „Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke“. Vorwärts strebt der gebürtige Tilburger (Jahrgang 1970) fraglos seit jeher. Wer seine Biografie betrachtet, begegnet einem Musiker mit ausgeprägt europäischer Erfahrung. Vor Trier hatte der Dirigent und studierte Pianist als Erster Kapellmeister am Konzert-Theater Bern gearbeitet. Die Schweizer Hauptstadt war nur eine der zahlreichen Stationen auf seinem Weg. In Utrecht, Freiburg und Prag studierte er zunächst Klavier, bevor er in Wien ein Dirigierstudium begann. Es folgten Tätigkeiten in Österreich, Deutschland und zuletzt in der Schweiz. Die unterschiedlichen Arten des musikalischen Zugriffs und der Klangsinnlichkeit hätten ihn durchaus geprägt, bestätigt der GMD. Völlig neue Eindrücke vermittelten dem Wiener Studenten zudem die berühmte hauptstädtische Oper mit ihren Heroen. „Ich war fast jeden Abend in der Oper“, erinnert sich Hochstenbach. Die musikalische Leitung der Musiktheater-Aufführungen ist neben der Konzerttätigkeit eine der spannenden künstlerischen Herausforderungen im Trierer Drei-Sparten-Haus. Auch da gilt Hochstenbachs Grundsatz: „Wir müssen die Stücke hierher bringen“, soll heißen, ihre Aktualität erfahrbar machen. Von zwanghafter Avantgarde hält allerdings auch der GMD nichts. Neues als Selbstzweck, bei dem das Regiekonzept überhaupt nicht mehr mit der Musik zusammengehe, könne nervig sein, erklärt Hochstenbach. Starres Festhalten am Althergebrachten hingegen führe geradewegs ins Museum.
Der 48-jährige Niederländer weiß um die Notwendigkeit von Teamwork. Der Umgang mit seinen Orchestermusikern, von denen er ebenso respektvoll wie von seinem Vorgänger spricht, ist gleichsam kammermusikalisch. „Jeder Musiker hat eine Stimme“, sagt der Orchesterchef. „Ich muss erreichen, dass jeder, ohne sich zu verleugnen, mit seinem Verständnis so spielt, dass es der Sache und dem Ganzen dient und wir am Ende zu einem Konsens kommen“. Der GMD, der Carlos Kleiber und Claudio Abbado, dessen Assistent er war, zu seinen Vorbildern zählt, ist ein leidenschaftlicher Kulturaktivist. „Ohne Kultur verfällt die Gesellschaft in Barbarei“. Unverständnis für diejenigen, die das noch nicht begriffen haben, schwingt in seiner Stimme. Das öffentliche Theater habe beim Erhalt der Kulturgesellschaft einen unverzichtbaren Auftrag, erklärt Hochstenbach. Woraus sich einmal mehr die Notwendigkeit zeitgenössischer künstlerischer Formen und Ästhetiken für ihn ergibt. Ein Theater, das sich nicht weiterentwickle, verliere den Bezug zur Gegenwart. Die fatale Folge: „Wenn man nur an dem hängen bleibt, was schon bekannt ist, kann man schwer vertreten, dass Theater wichtig ist“.
Und überhaupt sei das eigentlich Spannende das, was man nicht erwarte. Da dürfe auch schon mal etwas schief gehen. „Der Weg ist das Ziel“, resümiert der GMD. Aufregend verspricht die Trierer Wegstrecke auf jeden Fall zu werden angesichts der zahlreichen Aufgaben und Herausforderungen. Nicht zuletzt darin besteht für den Neu-Trierer der Reiz: „Hier in Trier kann ich Musik richtig leben“.

Ein Kommentar

  1. Wir sind sehr dankbar, solch einen hervorragenden Dirigenten und Musiker als ‘Chef’ zu haben!

    Martin Folz
    Designierter Chordirektor am Theater Trier

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