Theater Trier: Rückwärts in die Zukunft

Eine Zeitenwende sollte es nach der Ära Weber werden, als Karl Sibelius 2015 seinen Dienst als Intendant des Theaters Trier antrat. Inzwischen hat sich dort die Zeit schon zweimal gewendet. Erstmals mit der Einstellung eines Verwaltungsdirektor zum 1.Oktober 2016 , zum zweiten Mal mit der Vertragsauflösung des Theaterchefs und der Einführung einer neuen Führungsstruktur bis zum Amtsantritt eines künftigen Intendanten in der Spielzeit 2018/19. Schon nach knapp zwei Monaten stellt sich die neue Trierer Theater –Zeit, allerdings als nach rückwärts orientierte, alte Zeit heraus.

 

Seit Dezember 2016 hat im Theater Trier ein siebenköpfiges Leitungsteam das Sagen, das mehrheitlich seine Entscheidungen in Fragen der Theaterführung fällt. Bereits nach knapp zwei Monaten Arbeit lässt sich feststellen, dass das Trierer Geschäftsmodell in seiner Größe und Zusammensetzung nicht nur in der deutschsprachigen Theaterlandschaft einmalig, sondern auch dem Theater nicht förderlich ist. Nicht nur, dass die Kunst, die gleichermaßen inhaltliches Zentrum wie Geschäftsidee des Kunstortes und Unternehmen Theaters ist, schlecht aufgestellt ist. Im siebenköpfigen Team können jederzeit die drei Spartenleiter (Musiktheater, Schauspiel und Tanzsparte) von Orchesterchef, Verwaltungsdirektor, Technischem Direktor und Chefdisponent überstimmt werden. Was die Personalquerelen angeht, weist sich das Team als veritabler Nachlassverwalter des ausgeschiedenen Intendanten aus. Statt zu integrieren, um effizient zu arbeiten und die von Oberbürgermeister Leibe geforderte Konsolidierung, Kontinuität und Sparsamkeit zu realisieren, kultivieren einzelne Mitglieder ihre persönlichen Animositäten und bauen Fronten auf statt ab. So wie im Fall von Schauspieldirektor Ulf Frötzschner, dessen Vertragsverlängerung das Team in Abwesenheit des erfolgreichen Spartenleiters und seiner Kollegin der Operndirektorin und Teamsprecherin Katharina John ablehnte, entgegen jeglicher Sach-und Fachargumente und ohne Rücksicht auf die vernünftige und kostensparende Empfehlung des Oberbürgermeisters, der derzeit für das Theater zuständig ist. Zum fehlenden Integrationswillen kommt offensichtlich auch fehlende Kompetenz. Er habe noch nie vorher einen Spielplan gemacht, erklärte bei einer Pressekonferenz Verwaltungsdirektor Herbert Müller, der bislang Controller im Dezernat des abgewählten Kulturdezernenten Egger war. Müllers Ehrlichkeit ehrt ihn. Allerdings erstellen Verwaltungsdirektoren üblicherweise auch keine Spielpläne, ebenso wenig wie künstlerische Anforderungsprofile. Sie prüfen lediglich ihre Finanzierbarkeit. Absolut unüblich ist zudem, dass Chefdisponenten und Technische Direktoren so wie im Trierer Team über Spielpläne abstimmen. Als Exekutive müssen sie hingegen ihre Dispositionen mit den Spartenleitern abgleichen, um die Produktionsprozesse und Aufführungen zu sichern. Künstlerische Entscheidungen bleiben in allen Theatern Sache des Intendanten und der Spartenleiter. Angesichts der vakanten Intendantenstelle, ist damit Katharina John, die laut Vertrag stellvertretende Intendantin ist, gemeinsam mit den Spartenchefs derzeit für künstlerische Fragen zuständig. Die künstlerischen Sparten seien selbständig und eigenverantwortlich, bestätigte Müller vor der Presse, betonte aber gleichzeitig, dass über die Entscheidungen der Spartenleiter anschließend gleichberechtigt mehrheitlich abgestimmt werde. Letzteres vermag nicht nur die Arbeit der Sparten zu blockieren und die Selbständigkeit der Sparten einzuschränken. Das Stimmrecht der fachfremden Teammitglieder erhöht auch die Beliebigkeit der Beschlüsse. Zudem erlaubt die doppelte Verantwortlichkeit, genau jenes Hin-und Herschieben von Verantwortung, das entscheidend zum Trierer Theaterdesaster geführt hat. Statt nach vorne geht im Trierer Theater der Blick zurück. Nach eigenem Bekunden lässt sich Müller im Theater Pforzheim beraten. Dort arbeitet der ehemalige Trierer Chefdramaturg Peter Oppermann. Pikanterweise leidet das städtische Theater der Goldstadt seit Jahren laut Theaterstatistik an einem massiven Besucher-und Abonnentenschwund. Ob der seit 2015 amtierende Intendant Thomas Münstermann und Verwaltungsdirektor Uwe Dürigen in der abgelaufen Spielzeit das Ruder herumreißen konnten, bleibt abzuwarten. Wie die Pressestelle des Theaters mitteilt, kann die Theaterstatistik für die Spielzeit 2015/16 erst im Februar veröffentlicht werden. Vom Theater Pforzheim kommt auch Caroline Stolz, die in Trier als Favoritin für die Nachfolge des amtierenden Schauspieldirektors gehandelt wird. Die Regisseurin, die seit 2014 dort als künstlerische Spartenleiterin arbeitet, ist mit einer wenig denkwürdigen Trierer Inszenierung der Komödie „Der Vorname“ in Erinnerung. Mit im Beraterboot des Theaters soll auch Ex-Intendant Gerhard Weber sitzen. Eine entsprechende Nachfrage dazu bei Weber, blieb bislang unbeantwortet. Gemessen an den Standards privatwirtschaftlicher Unternehmen lässt sich auch wenig Hoffnungsfrohes in Verwaltung und Marketing des städtischen Theaterbetriebs sichten. Zwei Wochen vor der Premiere der Piazolla Oper „Maria de Buenos Aires“ und der Inszenierung von Hesses „Steppenwolf“ sind in der Stadt keine Plakate dazu zu sehen. Gedruckte Monatsvorschauen wie sie bei Theatern, Museen und anderen Spielstätten üblich sind, fehlen in Trier derzeit gänzlich. Bis heute hat der zum 1.Oktober wiedereingestellte Schauspieldirektor kein Büro im Haus. Was dagegen sichtbar wird, ist eine Fülle an Neulasten. Der längst überfällige Spielplan im Schauspiel ist nicht erstellt, da der amtierende Spartenleiter dafür keinen Vertrag besitzt. Stattdessen muss zusätzlich zum Amtsinhaber, vorzeitig die künftige Schauspielleitung zur Spielplanerstellung kostentreibend engagiert werden. Ganz abgesehen von den 50 000 Euro, die dem Schauspielchef beim Ausscheiden als Abfindung zustehen. Mit seinem scheidenden Leiter droht sich auch das exzellente Schauspielensemble aufzulösen, so dass auf die Schnelle für die nächste Spielzeit nicht nur Regisseure, sondern auch neue Spieler aus den „Restbeständen“ rekrutiert werden müssen. Das Engagement eines neuen Schauspielleiters plus Ensemble bedeutet zudem eine erhebliche Hypothek für den kommenden Theaterchef. Schließlich ist es das Recht eines neuen Intendanten, selbst die künstlerische Ausrichtung des Theaters zu bestimmen und das künstlerische Personal auszuwählen. Fazit: Was sich derzeit am Theater Trier als zukunftssichernde Maßnahme darstellt, ist ein die Kunst wie das Unternehmen gefährdendes Geschäftsmodell mit rückwärts gewandtem Blick. Man wäre gut beraten, das überdimensionierte Leitungsteam schnellstens auf das übliche geschäftsführende Modell aus Verwaltungsdirektor und Spartenleitung zu reduzieren und die Verwaltungsdirektion auf ihre klar definierten Aufgaben (Verwaltung und Finanzen) zu beschränken. Empfehlenswert wäre auch, die Marketing Abteilung Profis zu überlassen. Nicht zuletzt stellt sich angesichts der Trierer Verhältnisse die Frage, wieweit das Land, das jährlich sechs Millionen Euro Steuergelder zum Theater beisteuert, unbeschadet der kommunalen Selbstverwaltung, es ernst meint, mit der Aufsicht über eine sachkundige und sparsame Verwendung seiner Fördergelder. Sibelius habe kompetente künstlerische Leiter für die Sparten Schauspiel, Musiktheater und Tanz nach Trier geholt, aber dann nicht mit deren „kraftvollen Persönlichkeiten“ umgehen können, stellte der Saarbrücker Fernsehjournalist Uwe Loebens fest. Das mag seinen Nachfolgern zum Teil auch so gehen.

Eva-Maria Reuther

Foto:(C)Eva-Maria Reuther

2 Kommentare

  1. Sehr geehrte Frau Reuther, Ihre Aussage, dass das Leitungsteam Frötschners Vertrag nicht verlängert habe ist irreführend. Das Leitungsteam hat nicht die Vertragsverlängerung des Schauspieldirektors abgelehnt, sondern den Auflösungsvertrag, den Herr Frötschner selbst ausgehandelt hat, nicht aufgehoben. Dass der Betroffene bei der Beratung in seiner eigenen Angelegenheit selbst nicht involviert wird ist doch wohl selbstverständlich. Er hatte sicher reichlich Gelegenheit, sich den Kolleginnen und Kollegen zu empfehlen.

    Sollten Sie wirklich an der Zukunft des Theaters interessiert sein, wovon ich ausgehe, dann sollten Sie es unterlassen, die Namen von Bewerbern für eine Funktion in der Leitungsebene in der Zeitung zu veröffentlichen und sie damit möglicherweise zu „verbrennen“. Das ist völlig inakzeptabel! Solche Informationen gehören nicht in die Öffentlichkeit. Das führt doch nur dazu, dass sich Menschen, die gerade jetzt und in naher Zukunft dringend gebraucht werden, unter Umständen nicht mehr bewerben. Ich unterstelle Ihnen nicht, dass gerade dies die Absicht Ihres Artikels war. Aber ich gestehe, dass es mir schon schwer fällt zu glauben, dass ein so unprofessioneller Umgang mit vertraulichen Personalinformationen lediglich einem mangelhaft ausgeprägten Berufsethos geschuldet ist.

    Ihr Hinweis, die jetzige Leitungsstruktur sei ein rückwärts orientiertes Geschäftsmodell, ist völlig überflüssig. Es ist kein Geschäftsmodell, sondern eine, aus der puren Not erwachsene Übergangslösung, die erforderlich war, weil einige, sich selbst überschätzende Protagonisten, die Leitungsebene eines Theaters ganz offensichtlich mit einer Spielwiese zur Befriedigung ihrer egozentrischen Bedürfnisse verwechselt haben. Tolle, sehr kompetente Kunstschaffende, die es geschafft haben die Zuschauerzahlen in kürzester Zeit regelrecht implodieren und den Haushalt explodieren zu lassen. Ja, Sibelius und sein kompetentes Team, wie Sie schreiben! Was soll denn diese Panikmache, von wegen, dass „Theaterlaien“ (nichts anderes unterstellen Sie doch den „Nichtkünstlern“ und „Fachfremden“) die Fachleute im jetzigen Leitungsteam überstimmen könnten. Wissen Sie ob das je passiert ist? Und sollte es passieren, muss gesunder Menschenverstand, was Sie „Fachfremden“ ja sicher nicht pauschal absprechen wollen, immer zwingend schädlich für das Theater und die Kunst sein? In den vergangenen zwei Jahren hätte es unter Sibelius oft sicher nicht geschadet, wenn sich gesunder Menschenverstand in seinem „Kompetenzteam“ artikuliert hätte.

    Es wäre dem Theater sehr geholfen, wenn man denen, die den Karren nicht in den Dreck gefahren haben gerade jetzt die Zeit und Ruhe gönnen würde, das menschenmögliche zu tun, um dieses Theater wieder in eine Bahn zu bringen, die eine Zukunft für das Haus wieder ermöglichen wird. Dann können auch Sie, liebe Frau Reuther, die künstlerische Qualität wieder mit Sach- und Fachverstand kommentieren. Dazu ist aber erforderlich, dass wir in zwei Jahren noch ein Theater haben. Artikel, wie der Ihrige tragen dazu wenig bei!

    Gerd Dahm

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