Statt germanischem Bärenfell internationales Global Playing

Im Theater Trier wurde das Musik-Projekt „Der Ring- Babybabyballaballa“ nach Richard Wagners Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ als spartenübergreifende Produktion von Musiktheater und Schauspiel uraufgeführt. Mit dabei der Opernchor.

Eins steht fest: Eine neue Version von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ zu fassen, ist eine echte Steilvorlage. Als Auftragswerk des Theaters Trier haben sich der südafrikanische Komponist Richard van Schoor und sein Librettist Thomas Goerge der Herausforderung gestellt. Zum Glück machen sich die beiden erst gar nicht daran, eine neue Oper nach Art der alten anzustreben, schon gar keine zweistündige Kurzfassung des im Original 16stündigen Werks. Stattdessen halten Sie es, wie weiland Wagner selbst und „brechen“ in ihrem Ring-Musik-Projekt mit der „formellen Gegenwart“ der historischen Vorlage. Dazu haben sie den Sagenzyklus destilliert, quasi entmythologisiert und internationalisiert. Statt nordisch-germanischer Bodenhaftung ist Global Playing angesagt. Aus ihrem Extrakt haben Goerge und Schoor eine Collage gemacht, deren Gerüst die zentralen Motive des Wagner`schen Zyklus bilden, die sie mit zeitgenössischen Links, Zitaten der jüngeren Geschichte und interkulturellen Hinweisen versetzen. Wie hier zu sehen, gibt es die gleichen sagenhaften Drachen am Rhein wie in Afrika. Van Schoor und Goerges Verschnitt von alt und neu ist eine erhellende wie unterhaltsame Mischung an Typen und Themen von Gott Wotan bis zum ermordeten Kongo-Premier Lumumba, von Kapitalismuskritik bis Klimaerwärmung, die geeignet ist, auch Wagner Muffel und ein jüngeres Publikum für das Werk des Großmeisters zu interessieren. Was schon Richard Wagner wusste, belegen Goerge und Van Schoor zeitgenössisch: Alberichs Fluch wirkt fort. Die uralte Geschichte von der Jagd nach dem Ring, dem Symbol für Macht und Reichtum, die unsägliches Unheil anrichtet, darunter stolze sieben Morde, nebst Neid und Betrug, ist eine Allerweltsgeschichte, die heute genauso aktuell ist, wie ehedem. Ebenso zeitlos wie die Zerstörung der Natur und ihre Entfremdung davon. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Goyas berühmter Werkstitel steht auf dem Schild rechts am Bühnenrand, wo Gott Wotan, ganz im Sinne Schopenhauers und Wagners, träumend aus dem eigenen Willen seine Allmachtsphantasien entwickelt. Wie sich zeigt, zeitigt die schlafende Vernunft allerdings nicht nur Monster, sondern auch jede Menge Absurditäten. Gleich mit dem Bauvorhaben fängt es an. Als Dreh-und Angelpunkt hat Daniel Angermayr (Bühne und Kostüm) mitten auf die Bühne ein monumentales Walhall gebaut, ein Zeichen des Größenwahns, errichtet aus List und Betrug. Bauherr Wotan will nämlich die Bauarbeiter nicht bezahlen, die beiden King Kong Riesen Fasolt (André Meyer) und Fafnir (Christian Beppo Peters). Ehefrau Fricka(Vera Illieva) bemüht sich vergebens um Einsicht, so wie Erdgöttin Erda (Silja Schindler), deren Weltesche der machthungrige Gott ruiniert hat. So nimmt dann das Geschehen seinen unausweichlich verhängnisvollen Lauf. Es ist eine typische Angermayr Welt, die sich in Trier als Götter-und Menschenwelt auftut, bunt, phantasievoll und von lustvoller Opulenz, ein Panoptikum, in dem sich Poetisches mit Unheimlichem, Skurriles mit Tragischem vor dem Hintergrund zeitgenössischer Videos zusammenfindet. Manchmal wird es allerdings zuviel an Fülle. Fraglos ist Alberich die tragischste Gestalt in dieser World Vision, der Zwerg, der nach dem Gold giert, das ihm Statur verleihen, und wenn schon nicht Liebe beschaffen, doch Lust erkaufen soll. Mit geradezu physisch schmerzhafter Eindringlichkeit verkörpert ihn der gehandicapte Erwin Aljukic. Der „freie Mensch“ taucht bestenfalls, wie hier zu sehen, zur Karikatur. Julian Michael Boines Siegfried ist ein geflügelter Halbstarker, der es mit seinen Liebesschwüren nicht so genau nimmt und dem dekadenten König Gunther (André Meyer) auf den Leim geht, so wie dem hinterhältigen Kämpen Hagen (Frank Ramirez), dessen Geschäft Intrige und Mordstrategien sind. Im Fall Siegfried dient ihm der Mord an Lumumba als Vorlage. Eindrücklich: Claudio Gatzke als Erzähler, sowie der Afrikaner Lionel Poutiaire Somé als Mann mit Wagner-Maske und Abdoul Kader Traoré als Chef de Terre. In Trier sprechen die Menschen, die Götter und Halbgötter singen dagegen. Allen voran die fantastische Mona Somm als Brünnhilde, gesanglich das absolute Highlight des Abends. László Lukács singt einen soliden unbelehrbaren Wotan in der Uniform eines Operettengenerals. Seelenvoll: Bonko Karadjov als Alberichs Bruder und Schmied Mime, sowie Loge. Wie von Wagner gewünscht, entwickelt sich auch in Trier das Drama aus der Musik. Als gelungene Symbiose verdichtet Van Schoors Komposition, Wagner-Motive mit zeitgenössischen und interkulturellen Musikelementen. „Wagala weia“ singen zu Beginn die Rheintöchter (Silja Schindler, Noriko Kaneko, Hee-Gyoung-Jeong). Später wird’s poppig. Am Ende steht der Weltbrand der Götterdämmerung. Große romantische Gesten und Bögen der Wagner Musik halten das Geschehen zusammen, das Wouter Padberg einfühlsam dirigiert. Sehr schön: die Bläser des hochpräsenten Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier. Engagiert wie stets der Opernchor (Einstudierung Angela Händel).Anders als bei Wagner endet der Trierer Ring optimistisch, eine Hoffnung, die allerdings aus der Todeserfahrung kommt. Wer einmal den Tod erlebt hat, fürchtet ihn nicht“ sagt das (Flüchtlings?)Kind Luis Grammatikou. „Es geht immer weiter von einem Leben zum andern“. Da spürt man Gänsehaut. Mit minutenlangem stürmischem Beifall feierte das Publikum die Trierer Uraufführung.

Weitere Aufführungen 21. Apr 2017, 29. Apr 2017, 02. Mai 2017, 10. Mai 2017

Eva-Maria Reuther

Bildunterschrift: Der intrigante Hagen (Frank Ramirez) und die betrogene Brünnhilde (Mona Somm)

Foto:(C) ArtEO

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