Siegfried- oder der unfreie freie Mensch

Thorleifur Arnarsson inszeniert den dritten Teil von Wagners „Ring des Nibelungen“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Auch sein  „Träumen ist Sinnen“. Was Erda in Richard Wagners Oper „Siegfried“ über die eigene Traumarbeit  berichtet, lässt sich ebenso von Thorleifur Örn Arnarsson sagen. Der isländische Regisseur ist ein Meister der Phantasmagorie. Sein Schwelgen in  phantastischen oft hochpoetischen Bildern erschöpft sich allerdings nicht im ästhetischen Genuss und sich selbst genügendem Fabulieren. Arnarssons einfallsreiches, lustvolles Bildschöpfen ergibt sich zwingend aus der geistigen und emotionalen Durchdringung seines Themas. Einmal mehr zeigt sich das in seiner Inszenierung des „Siegfried“ im Rahmen des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe.

Nun ist es ja an sich schon eine Herausforderung, sich in die Reihe zu stellen und als einer von vier Regisseuren einen Teil der gigantischen Tetralogie zu inszenieren, ohne den Faden zu verlieren. Ganz abgesehen von der Komplexität und der Wirkungsgeschichte, die jeder neue Ring Aspirant im Gepäck hat.

Der Isländer Arnarsson, von Haus aus mit Mythen vertraut, hält sich an den Mythos und schafft dabei sinnstiftend, worüber Nietzsche noch stöhnte „Man übersetzt Wagner ins Reale, ins Moderne – seien wir noch grausamer! ins Bürgerliche“. Was in Karlsruhe dabei herauskommt, ist erhellend wie vergnüglich und opulent im Bilderreichtum. Arnarsson inszeniert seinen „Siegfried“ als schlüssige, frische Entwicklungsgeschichte, in der Befreiung von den alten Verhältnissen dringlich ist, aber auch der „freie Mensch“ schuldig und zum Instrument wird. Gekonnt hält der Regisseur dabei die Balance zwischen Mythos und Realität, zwischen Erhabenheit und Groteske, wie sie nun einmal Heldensagen und von Menschen gemachten Götterbildern eigen sind.

Die Karlsruher Götter, Helden und Nibelungen entstammen unverkennbar einer entlegenen Sagenwelt. Und doch sind sie mit ihrer Gier, ihrem Größenwahn, ihren Intrigen und Machtgelüsten, ihrer Liebessehnsucht und nicht zuletzt in ihrer Ohnmacht gegenüber der Eigendynamik der von ihnen angezettelten Katastrophen, zeitlos gegenwärtig und ewig menschlich. Die Götterburg Walhall mit Glaskuppel gleicht auf Vytautas Narbutas Bühne dem umgebauten Berliner Reichstagsgebäude. Davor hausen unter altdeutschem Gebälk Siegfried und sein  Ziehvater, der Schmied und Alberich Bruder Mime in einem Multifunktionsraum aus Werkstatt, Wohnküche und Wohnzimmer. Auf dem Tisch ein symbolisch aufgeladenes Schachspiel, in dem jeder einmal ein paar Figuren rückt. Das spießige Ambiente ist verortet in einem Bering aus  Requisiten des „Ring“-Universums wie seines geistesgeschichtlichen Hintergrundes darunter Wagner Bild, Ritterrüstung, Königskrone und antike Statue. Als Spiel im Spiel steuert Wotan im Regieraum am Rande der Bühne das Geschehen.

Die zügige Inszenierung lebt von ihren herausragenden Sängern. In der Titelrolle ist Erik Fenton  ( bis auf einen vorübergehenden Durchhänger) ein überzeugender Wälsungenspross, der sich vom pubertären Halbstarken zum „furchtlosen freien Menschen“ entwickelt und seine Disko Klamotten in jenem Feuer verbrennt, mit dem er sein Schwert Nothung schmiedet, bevor er sich aufmacht, in Brünnhilde die Frau zu erobern und die Mutter zu finden. Als betrogener Betrüger Mime ist der großartige  Matthias Wohlbrecht in der psychologischen Ausdeutung seiner Rolle, stimmlich wie spielerisch die herausragende Gestalt des Abends. Ein wenig arg nordisch mit blondem Zopf und drallem Leibchen ist Heidi Melton eine stimmgewaltige, emotional vorerst zugeknöpfte Brünnhilde, deren Kirschmund und Wimpernschlag etwas arg melodramatisch als Video im Hintergrund locken (Kostüme und Video: Sunneva Ása Weisshappel). Herrlich warm und beseelt: Katharine Tier als Erda mit Renatus Meszar  als Wanderer Wotan in der innigsten Szene der Oper. Fließend und mit großer Sensibilität dirigiert der Wagner erfahrene Justin Brown die Badische Staatskapelle, die bis auf ein paar kleine anfängliche Unsicherheiten, die Musik in ihrer Lyrik wie in ihrer Dramatik spannend und sprechend macht. Am Ende verschwinden Brünnhilde und Siegfried unter der geerdeten Glaskuppel.

Man weiß wie die Geschichte endet. Das Spiel, das Wotan, Alberich (Jaco Venter) und Mime spielen geht nicht auf. Am Ende bleiben einzig Verlierer. Die alten Götter und ihre Institutionen haben sich selbst erledigt.

 

Weitere Aufführungen:

02.07.2017
03.12.2017
31.03.2018
10.05.2018

Eva-Maria Reuther
Foto: Katharine Tier (Erda) © Falk von Traubenberg

 

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