Saarländisches Staatstheater: Die Verführung zum HJ-Trommler

Unbedingt empfehlenswerte Dramatisierung von Ludwig Harigs eigener HJ-Geschichte auf der Bühne des Saarländischen Staatstheaters

Das süße Gift der Verführung: Silvio Kretschmer (l.) und Fabian Gröver in „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“, Dramatisierung des Romans von Ludwig Harig in „Sparte4“ des Saarländischen Staatstheaters / © Foto: Astrid Karger (Saarländisches Staatstheater)

Dramatisierungen nicht zuletzt von Erfolgsromanen haben es oft schwer bei Publikum und Kritik. Diese oder jener wichtige Erzählstrang fehlt bei der Verdichtung, manche Romanfigur hat man sich im eigenen Kopfkino und auf der Bühne doch ganz anders vorgestellt. Kurzum: die Liste der Verrisse ist lang. Nicht so bei Bettina Bruiniers Theaterfassung von „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“, Ludwig Harigs schonungslose Aufarbeitung der eigenen Hitlerjungen-Laufbahn im Dritten Reich. Der 1927 im saarländischen Sulzbach geborene Schriftsteller ging der Frage nach, wie aus dem siebenjährigen Knaben am Ende ein glühendes Alter Ego des „Hitlerjungen Quex“ werden konnte, der die Fahne vor sich voran flattern liess, im schlimmsten Fall bis in den Tod. Als zweiter Aufschlag der dreiteiligen Saarland-Saga, sich wohltuend abhebend vom misslungenen Mettlach-Auftakt, fokussiert sich Bruinier mit Unterstützung der Dramaturgin Simone Kranz auf die Rahmenbedingungen des Kampfes um die Saar-Abstimmung 1935, zeichnet mit filmischer Dokumentation und etlichen Zeitzeugeninterviews ein vielschichtiges Bild der Auseinandersetzungen zwischen Deutscher Front und dem Widerstand, der am 26. August 1934 in Sulzbach immerhin 60.000 Gegner des „Heim ins Reich“- Begeisterung auf die Straße brachte. Dazwischen der heranwachsende Ludwig, der sich von der Welt der Trommeln, Uniformen, Fahnen anstecken lässt, mit seinen Klassenkameraden den gleichaltrigen René wegen seines französischen Vornamens und seines etwas anderen Aussehens zum Außenseiter abstempelt. Am Ende steigt er zum glühenden Nazi auf, der als Eliteschüler bei seinen „braunen“ Lehrern mit antisemitischen Aufsätzen reüssiert. Mit schauspielerischer Brillanz versprühen Fabian Gröver und Silvio Kretschmer, beide neu im Ensemble, das süße Gift der Verführung (aasig und tänzelnd Silvio Kretschmer) auf den Sparte4-Bühnenboden, zeigen wie leicht die Menschen den NS-Machthabern auf den Leim gingen, wie sie etwa durch die Posener Rede eines Heinrich Himmler auf die Judenvernichtung eingeschworen wurden. Dazu die ständigen Schnitte in die Jetztzeit: Sulzbach und sein hinduistischer Tempel mit der gelungenen Integration von Tamilen in den 1990-er Jahren bis hin zu den von Rechtsextremen befeuerten Auseinandersetzungen um den aktuellen Moschee-Bau. Nur einmal greift Bruinier in dieser nicht nur für Schulklassen unbedingt empfehlenswerten Aufführung daneben: Dass letzte Wort in dieser Aufführung hätte nicht ein sich an rechtsextremen Umtrieben abarbeitender Pädagoge des Adolf-Bender-Zentrums haben dürfen, sondern nur einer: Ludwig Harig. Im Gras liegend, von der Sonne gewärmt, empfindet er bei Kriegsende nur eines: das wiedergewonnene Gefühl von Freiheit. Und das hätte als starker Schlussakkord gereicht!

Burkhard Jellonnek

Info: www.staatstheater.saarland

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