Saarländisches Staatstheater: EINE KURZE CHRONIK DES KÜNFTIGEN CHINA

Europäische Erstaufführung: Schauspiel von Pat To Yan | Deutsch von John Birke

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EINE KURZE CHRONIK DES KÜNFTIGEN CHINA
Europäische Erstaufführung: Schauspiel von Pat To Yan | Deutsch von John Birke

»Anpassungsfähigkeit ist zum Überleben das Wichtigste.«
 In unserer globalisierten Welt scheint China einerseits ein unmittelbarer Nachbar, anderseits noch immer ein befremdendes Land voller Gefahren zu sein. In dem wundersam surrealen Traum-Stück des 1975 in Hongkong geborenen Theaterautors Pat To Yan ist China ein Synonym für Welt und die Zeit immer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich. So erzählt ein Mann seine Geschichte in dem Bewusstsein, dass man nur so in Erinnerung bleibt. Es ist die Geschichte einer Reise in unruhigen Zeiten. Geheimnisvolle Figuren treten auf und erzählen von Liebe, Opferbereitschaft, Veränderung und Anpassung. Ein Stück voller fantastischer Zeit- und Realitätsverschiebungen. Ein Theatertext, der sich liest wie ein chinesischer ,,Blade Runner“ und schon vor der Corona-Krise auf unseren Spielplan kam!

Hoffnung für die Demokratie?
Von Horst Busch
Pat To Yans Theatertext scheint so komplex wie das Land in dem es spielt: das heutige China. Auf der einen Seite Deutschlands immer noch wichtigster Handelspartner, die Volksrepublik China mit ihrem kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Zentrum der kommunistischen Zentralregierung in Peking und auf der anderen Seite die ehemalige britische Kronkolonie Hongkong mit ihrem Sonderstatus. Ein Land zwei Systeme. Der Norden und der Süden.
Doch seit September 2014 befindet sich Hongkong in Aufruhr. Die sogenannte „Regenschirm-Revolution“ bringt tausende Demonstranten gegen die pekingfreundliche Regierung auf Straßen und Plätze oder in Einkaufzentren zusammen, um Hongkong als chinesische Sonderverwaltungszone unter Beibehaltung einer freien Marktwirtschaft und ihrer inneren Autonomie zu verteidigen.

In dieser Situation schreibt der 1975 in Hongkong geborene Dramatiker, Regisseur und Lehrer Pat To Yan sein Stück „Eine kurze Chronik des künftigen China“, um darin die Ereignisse, aber auch seine persönlichen Erlebnisse, Alpträume von Verfolgung, Ängste vor Verhaftung und Hoffnung auf Veränderung zu verarbeiten. Dabei ist sein Schreiben als ehemaliger Student des „Szenischen Schreibens“ an der Royal Holloway University in London beeinflusst von Theaterautor*innen wie Sarah Kane, Martin Crimp oder Tim Crouch, aber auch von dem Roman „Die Geschichte der Drei Reiche“ des chinesischen Schriftstellers aus dem 13. Jahrhundert Luo Guanzhong und von dem israelischen Friedensaktivisten und Romanautor David Grossmann und seinem Werk „Aus der Zeit fallen“.
Geschickt verschiebt Pat To Yan die Raum- und Zeitdimensionen der verschlungenen Geschichten seiner Figuren, die wundersame Namen tragen wie „Der Außenstehende“, „Die weiße Knochenfrau“ oder „Die Katze mit einem Loch“, aber auch „Das Mitglied der politischen Partei“ oder schlicht „Der Vorsitzende“. Auf magische, fast surreale Weise scheinen sich dabei die westliche Welt und China zu begegnen. Doch wenn Pat To Yan über China schreibt, meint er immer auch unsere globalisierte, vernetzte und digitale Welt mit all ihren wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen. Dabei ist die Zeit, über die er schreibt, immer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich, denn noch immer bestimmen vergangene Kriege und Aufstände nicht nur die politische Ordnung, sondern auch das berufliche wie private Leben. Was bleibt ist die Hoffnung des Autors auf eine bessere Zukunft, denn für Pat To Yan bedeutet Hoffnung, ganz der Autorin Rebecca Solnit und ihrem Werk „Hope in the Dark“ folgend, die Möglichkeit des Handelns. Handeln, um etwas zu verändern, auch wenn es evolutionsmäßig lange dauert. Will man Pat To Yans gleichermaßen poetischen wie politischem Schreibstil einen Namen geben, so bietet uns der Autor den Begriff „magischer Realismus“ an.
Doch wovon erzählen nun seine geheimnisvollen, ja manchmal magischen Figuren in diesem surrealen Traumspiel oder chinesischen „Blade Runner“? Denn was bei Ridley Scott Replikanten waren, sind bei Pat To Yan hölzerne Puppen, die man „zum Leben schnitzen“ kann. Entscheidend dabei die dahinterstehenden Fragen: Wer hat das Wissen, die Macht und das Privileg, dies zu tun? Und vor allem wie soll dieses zukünftige „geschnitzte Leben“ aussehen? Ist es ein Leben voller Liebe und Schmerz? Vergleichbar mit dem natürlichen Leben von der Geburt bis zum Tod? Frei und selbstbestimmt oder gesteuert und vorprogrammiert? Und wie beeinflusst diese nicht nur ethische, sondern höchst politische Entscheidung das Leben der Menschen in einer scheinbar so attraktiven, zukünftigen Roboter-Welt? Ist die Frage nach einem geglückten Leben noch zu beantworten? Für das „Mitglied der politischen Partei“ ist die Frage längst beantwortet:
„You wanna feel happy, I’ll make you feel happy /
every day after day after day!”

Diesem Glücks-Terror setzt der Autor nach 13 Szenen und einer langen Reise durch Traum und Realität in seinem Epilog eine einfache, kleine menschliche Regung entgegen. Aus einem Düsenjet auf die brennende Welt blickend sagt der „Außenstehende“:

„Ich fühle langsam wieder Schmerz, /
nach /
und nach. /
Mein alter Freund klopft an die Tür. /
Er ist zurück.“
Auch in Hongkong hatte die Corona-Pandemie das öffentliche Leben und damit auch die Demokratiebewegung lahmgelegt. Doch im Mai 2020 wurde der Protest langsam wieder laut. Hunderte Menschen demonstrierten trotz Versammlungsverbot wieder in mehreren Einkaufzentren der Millionenmetropole. Gibt es noch Hoffnung für die Demokratie? Wie sieht Chinas Zukunft aus und in welcher Welt wollen wir leben?

Besetzung
Inszenierung: Moritz Schönecker
Bühnenbild: Benjamin Schönecker
Kostüme: Veronika Bleffert
Musik: Kiko Faxas
Choreographische Mitarbeit: Zufit Simon
Licht: Patrik Hein
Dramaturgie: Horst Busch

Mit
Der Außenstehende: Silvio Kretschmer
Der Mann, der Schmerz mitansieht: Bernd Geiling
Das unheimliche Mädchen: Barbara Krzoska
Die weiße Knochenfrau: Verena Bukal
Das Mitglied der politischen Partei: Jan Hutter
Antigone: Gaby Pochert
Der wütende Mann: Martina Struppek
Der Mann, der ohne Herzschlag existiert: Martina Struppek
Die Katze mit einem Loch: Verena Bukal
Der Vorsitzende: Jan Hutter
Chor – Roboter, Geister, Angeklagter 1; Ein Mann, der einen Hammer hält; Ein Mann und eine Frau: Ensemble

Premiere verschoben
EINE KURZE CHRONIK DES KÜNFTIGEN CHINA
Weitere Termine (voraussichtlich)
Freitag, 4. Dezember 2020, 19:30 Uhr
Donnerstag, 17. Dezember 2020, 19:30 Uhr
Sonntag, 27. Dezember 2020, 18 Uhr
Weitere Termine folgen.

Karten Vorverkaufskasse, Schillerplatz 2, 66111 Saarbrücken Montag bis Freitag: 10 – 18 Uhr, 
Samstag: 10 – 14 Uhr Telefon (0681) 3092-486 | Fax (0681) 3092-416 | E-Mail kasse@staatstheater.saarland
Stand: 19.10.2020

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