Reizvolle Konfrontation: Auguste Rodin und Bruce Nauman in der Modernen Galerie Saarbrücken

Ausstellung "Rodin / Naumann" bis 26.1.2020

Bruce Nauman, Marching Man, 1985 © Hamburger Kunsthalle,bpk, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto Elke Walford

Kann man den französischen Bildhauer Auguste Rodin (1840–1917) und den US-amerikanischen Konzeptkünstler Bruce Nauman (77) in einer Ausstellung zeigen? Beide sind zwar innovative Künstler ihrer Zeit, aber es trennt sie ein Jahrhundert. Den Versuch unternimmt derzeit die Moderne Galerie in Saarbrücken und bringt Nauman und Rodin mit mehr als 130 Werken in einen künstlerischen Dialog.

Es ist erstaunlich, wie wunderbar die Ausstellung in Saarbrücken tatsächlich funktioniert. „Rodin/Nauman“ erschließt neue Sichtweisen auf das Œuvre der beiden. Insbesondere Rodin erscheint in neuem Licht. Seine Arbeiten sind ein kontinuierliches Erforschen von Körper und Raum. Er tut das mit äußerster Vehemenz und ähnlich brachial wie Nauman. Post-Minimalist und Konzeptkünstler Bruce Nauman spielt mit Grenzen, lotet die Möglichkeiten von Kunst aus und hinterfragt dabei die Natur des Menschen. Dabei besticht er durch seine ungeheure Vielfalt künstlerischer Ansätze, nutzt Video, Performance, Installation, Fotografie und Bildhauerei.

Die Ausstellung kreist in fünf Kapiteln um die Leitmotive Körper, Raum, Fragment und Psyche und beleuchtet das künstlerische Selbstbild der Protagonisten. Die Gegenüberstellung offenbart erstaunliche Parallelen. Für beide manifestiert sich in der Präsenz und in den Aktionen des Körpers eine Befindlichkeit des Menschen. Der Körper wird zum Ausdruck emotionaler Zustände. Konstruktion und Dekonstruktion des menschlichen Körpers sind dabei wesentliche Elemente in der künstlerischen Arbeit beider Künstler.

Am auffälligsten werden die Gemeinsamkeiten im Kapitel „Fragmente“. Nauman bleibt näher am realen Objekt und lädt es künstlerisch auf. Rodin spielt geradezu revolutionär mit der Form. Während der Amerikaner vor allem sich selbst und den eigenen Körper als Material nutzt, arbeitete Rodin vor allem mit Gips, modellierte Körper und kombinierte Körperfragmente zu skulpturalen Ensembles. Den Torso erhob er zum eigenständigen Kunstobjekt und trug so zur Überwindung des traditionellen Verständnisses von Vollendung und Harmonie bei. Auch Nauman fragmentiert den Körper und gruppiert Hände oder Köpfe zu skulpturalen Assemblagen der Wirklichkeit, die Emotionen offenlegen.

Mönig verzichtet auf eine chronologische Hängung. „Die Ausstellung ist keine Doppelretrospektive“, betont der Museumsleiter, „wir haben eine thematische Hängung gewählt, um die Künstler einander besser gegenüberstellen zu können.“ Die ausgeklügelte Ausstellungsarchitektur erlaubt einen spannenden Dialog, immer wieder lässt Mönig Querverweise, Durchblicke und Echos der Werke zu, spielt aber auch mit Brüchen im Erzählrhythmus und fordert so das Auge.

Die Idee, Rodin nicht etwa in einer erneuten Retrospektive zu zeigen, sondern ihn einem zeitgenössischen Künstler gegenüberzustellen, erweist sich als kluger Schachzug. Nie war Rodin so modern wie in der Saarbrücker Ausstellung. Sie zeigt uns den Bildhauer als radikalen Wegbereiter der Moderne und lässt uns zugleich Naumans figurative Exzesse verstehen.                                                                                        

Bülent Gündüz im OPUS Kulturmagazin Nr. 76 (November / Dezember 2019) auf S. 36. Weitere Beiträge zur aktuellen Kunst finden Sie in der Rubrik “Farben und Formen”.

Auguste Rodin, Der Schreitende, (L’homme qui marche), ca. 1899 © Musée Rodin, Foto Christian Baraja

Info: www.kulturbesitz.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.