Protest und Ohnmacht in Zeiten von Social Media

von Steffen Telch

Protest am Place de la République in Paris © Olivier Ortelpa

Bedingt durch die modernen Kommunikationsformen des Internets hat sich das Kommunikationsverhalten zwischen einzelnen Nutzern, aber auch zwischen Unternehmen und deren Followern in der letzten Dekade massiv verändert. Durch die Präsenz auf den Social-Media-Plattformen – vornehmlich Facebook, Instagram und Twitter – verstärkt sich das Risiko, dass eigene oder unternehmerische Handlungen sowie Entscheidungen von der Online-Community kritisch beäugt und kontrovers diskutiert werden. Diese Gefahr entsteht insbesondere dadurch, dass negative Botschaften und Statements eine erhöhte Aufmerksamkeit erzeugen und sich im Online-Netzwerk sehr schnell verbreiten. Das Internet suggeriert dabei, dass individuelle Meinungen und Aussagen schnell in der Masse an Beiträgen untergehen. Dies senkt automatisch die Hemmschwelle der persönlichen Zurückhaltung: Der User vergreift sich in der Wortwahl und äußert sich unsachlich oder sogar aggressiv zu einem Beitrag. Schnell lassen sich im Internet Vertreter der eigenen Meinung finden, die Kritik summiert sich. Ein derartiger „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“ (Duden) wird im modernen Sprachgebrauch als Shitstorm tituliert.

Eines der bekanntesten Beispiele zum Thema Shitstorm stellt wohl der virtuelle Aufschrei auf der Facebookseite des Onlineversandhändlers Amazon aus dem Jahre 2013 dar. Nach einer ARD-Reportage über skandalöse Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern brach eine Welle der Empörung über die deutsche Facebookseite des Etailers ein. Die 2,8 Millionen Facebookfans sorgten für die unerwünschte virale Verbreitung von massiver Kritik. Der Tenor reichte dabei von menschenunwürdiger Sklavenhaltung bis hin zur Verbreitung von Links zur Löschung des Amazon-Kontos. Das Management von Amazon reagierte relativ gelassen auf die Kritik:  Zum Geschäftsmodell gehöre es, dass etwa zwei Drittel der Vollzeitkräfte befristet beschäftigt sind oder als Leiharbeiter in den einzelnen Logistikcentern arbeiten. Aus heutiger Sicht tat dieser Zwischenfall der Marktführerschaft von Amazon keinen Abbruch, was die Wirksamkeit dieses Onlineprotestes folglich in Frage stellt.

Gemeinsam das Ziel erreichen

Soziale Medien sind die moderne Antwort auf das menschliche Bedürfnis, die eigene Meinung öffentlich kundzutun und auf Missstände zu reagieren. Gerade die Zusammenkunft von mehreren gleichgesinnten Meinungsbildnern kann eine Chance oder eine Gefahr darstellen, weil sich die Durchsetzungskraft der einzelnen Protestteilnehmer durch eine Zunahme der Wahrnehmbarkeit und eine Vergrößerung der Reichweite im Kollektiv multipliziert.

Zusammenschlüsse zur gemeinsamen Interessenvertretung und -durchsetzung sind dabei im Grundsatz nicht neu. Aber traditionelle Formen des Protestes, wie Demonstrationen oder der Aufruf zur Beteiligung an einer Petition, können selten eine vergleichbar breite Unterstützung mobilisieren. Im Internet entsteht diese dadurch, dass die Möglichkeit Kritik zu äußern von der physischen Interaktion entkoppelt wird. Prinzipiell kann sich somit jeder User einer Social Media Plattform an einer Konfrontation beteiligen – ohne dabei die eigene Komfortzone verlassen zu müssen. Vorteilhaft bei diesen medialen Protestformen ist ebenfalls, dass Beiträge ohne zeitliche Verzögerung von einer Vielzahl von gleichgesinnten Usern kommentiert werden können. So kann die gemeinsame Macht genutzt werden, um auf soziale, politische, wirtschaftliche oder ethische Missstände hinzuweisen und diese zu bekämpfen.

Solidarität gemeinsam ausdrücken

Die Sichtbarkeit von relevanten und tagesaktuellen Themen und Problemen wird durch Social Media zweifelsohne gefördert. Aber was bedeutet das explizit für soziale Bewegungen oder diejenigen, die diese unterdrücken?

Wir blicken zurück in den Januar des Jahres 2015. In der französischen Landeshauptstadt wurde ein islamistisch motivierter Terroranschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt. Binnen 30 Minuten nach dem Attentat erschienen 21.000 Tweets auf der Micro-Blogging Plattform Twitter: Mit dem Hashtag #jesuischarlie solidarisierte sich die Online-Community mit den zwölf Opfern des Angriffes. Die Wirksamkeit dieses Hashtags zeigte sich aber erst in den nachfolgenden Wochen. Tausende Menschen gingen in mehreren europäischen Städten auf die Straße, hielten dabei Schilder mit dem Slogan der Kampagne hoch. Das Hashtag drückte somit nicht nur Unterstützung für die Opfer sowie deren Angehörige aus, es signalisierte zugleich das Festhalten an den Grundwerten der westlichen Demokratie, insbesondere der Pressefreiheit. Dieses Beispiel zeigt sehr gut, dass es heutzutage oftmals zur Vermischung von modernen Onlineprotesten mit den traditionellen Protestformen kommt. Hierbei wird die Streukraft des Internets genutzt, viele Menschen mit verschiedener Herkunft und aus unterschiedlichen sozialen Milieus werden schnell aktiviert, der Protest verlagert sich auf die Straße und man erreicht eine breitere Masse an Demonstranten.

Als weiteres – und wohl auch bekanntestes – Beispiel des Protestes via Social Media gilt die vieldiskutierte #metoo-Bewegung, die im Oktober 2017 von der amerikanischen Schauspielerin Alyssa Milano ins Rollen gebracht wurde. Das Hashtag, das sich lauffeuerartig verbreitete und weder vor sozialen noch vor geographischen Grenzen haltmachte, kann als Sinnbild des neuen Feminismus verstanden werden.

Aber wie hoch wäre die Resonanz auf diesen Hashtag, wenn nicht eine bekannte Persönlichkeit diese Kampagne initiiert hätte? Wohl deutlich geringer und die Verbreitung wäre womöglich langsamer erfolgt. Stars und bekannte Personen des öffentlichen Lebens nutzen gezielt ihr Standing in der Öffentlichkeit bzw. ihre große Anzahl an Followern auf den Social-Media-Kanälen, um auf gewisse Probleme und Konflikte hinzuweisen.

Die britische Streetart-Legende Banksy nutzt seine gute Reputation und große Followerschaft gezielt für Kommunikationsguerilla: 2018 versetzte er die Weltmetropole New York in Aufruhr, in seinem Werk machte er auf die willkürliche Inhaftierung der kurdischen Künstlerin Zehra Dogan aufmerksam. Diese wurde für das Anfertigen einer angeblich regierungskritischen Aquarellzeichnung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Sein Posting unter dem Hashtag #freezehradogan wurde zum digitalen Hit. Mit dieser einfachen medialen Geste erinnert uns der Künstler daran, welche gesellschaftliche Relevanz die Kunstfreiheit heutzutage hat, aber zugleich auch wie fragil diese ist. Ebenso zeigt er auf, welche Möglichkeit die neuen Medien bieten, global vereint gegen politische Willkür zu agieren.

Banksy Alternative View © Weltkulturerbe Völkinger Hütte, Barry Cawston

Banksy selbst war sich der Reichweite und Wirkung von Social Media früh bewusst. Er demonstriert mit seinen Werken und Postings eindrücklich, welche gesellschaftliche Verantwortung öffentlichkeitswirksame Persönlichkeiten wie er mit seiner Bekanntheit tragen und welche Macht zur globalen Konflikt- und Problemlösung damit einhergeht.

Steffen Telch im OPUS Kulturmagazin Nr. 75 (September / Oktober 2019), S. 67-69

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