Panoptikum gewalttätiger Narretei: Im Theater Trier hatte Susanne Linkes neues Tanzstück „Hieronymus und der Meister sind auch da“ Premiere

Foto: Oliver Look

Der Mensch führe nicht nur Krieg gegen andere Menschen, sondern vor allem gegen sich selbst. Was Erasmus von Rotterdam weise vor 500 Jahren erkannte, setzt Susanne Linke eindrucksvoll ins Bild. In ihrem neuen  Tanzstück „Hieronymus und der Meister sind auch da“ ist der Mensch in seiner inneren wie äußeren Wirklichkeit des Menschen Feind. Zu Zeugen hat die Choreografin dabei zwei Künstler gerufen, deren Werke ein halbes Jahrtausend auseinanderliegen, und die dennoch in ihrer tiefen Einsicht in menschliche Verhältnisse, eng zusammenhängen. Den niederländischen Maler Hieronymus Bosch, in dessen menschlichem Pandaimonion sich nach Henri Focillon „der Bodensatz des Mittelalters entleert“, sowie Michail Bulgakow und seinen surrealistischen Roman „Der Meister und Margarita“, eine Satire auf Bürokratie und sowjetischen Überwachungsstaat. Das Tanzstück, das dieser Tage Premiere hatte, ist die letzte Produktion der Direktorin der Sparte Tanz für das Theater Trier. Mit Ende der Spielzeit verlässt Linke das Haus (Opus berichtete). Seit jeher ist der Ort des Menschen mit seinen Wechselfällen und Widersprüchen das große Thema der international hochangesehenen Choreografin. Mit ihrer neuen Produktion ist ihr einmal mehr ein Werk gelungen, das aktuell ist, ohne modernistisch zu sein. Darin verbinden sich Phantasie, tänzerisches Können und  kritische Weltsicht zum eindrucksvollen Gesamtkunstwerk, das nie den Anspruch seiner künstlerischen Bildhaftigkeit aufgibt. Ein zeitloses interkulturelles Panoptikum gewalttätiger Narretei, das lediglich seine Zeitgewänder ändert, ist die Menschenwelt in Linkes Stück. Bereits das Eingangsbild ist grandios. Im opulenten gelben Abendkleid, der mittelalterlichen Farbe des Hurenkleides, sitzt der Tod auf der Bühne und gebiert Ungeheuer (Ausstattung Alfred Peter). Als Wächter einer finsteren Macht und eines zweifelhaften Paradieses werden sie später vor dem Bühnenbild stehen. Die weiße variable Faltwand ist gleichermaßen Skulptur, Projektionsfläche, Festung und Wohnstatt einer dennoch unbehausten Welt voller Unwägbarkeiten. Glück ist kaum mehr als eine Momentaufnahme an diesem Ort, an dem Tod und Gewalt allgegenwärtig lauern, Sicherheit eine Illusion bleibt und der Mensch zur permanenten Gefahr seiner selbst wie seiner Mitmenschen wird. Susanne Linke erzählt  dabei keine Geschichten aus der menschlichen Provinz. Sie geht vielmehr der Sache auf den Grund. Als ein verzerrtes Kräfteparallelogramm bekömmlicher wie zerstörerischer emotionaler und geistiger Energien entlarven ihre Tänzer in der Bewegung die menschliche Natur und ihre gesellschaftlichen Konstruktionen. Wie Bosch und Bulgakow vermeidet die Choreografin jegliche Moralisten Attitude. In ihrem hochpoetischen, zuweilen witzigen Stück sagen die Bewegungen der Tänzer mit Leichtigkeit Schwerwiegendes. Bisweilen erscheinen auf der weißen Faltwand Motive aus Boschs Bildern in Grautönen. Dann ist es, als ob die Bilderwelt des Niederländers, in den in phantasievolle Kostüme gekleideten Tänzern davor, farbenprächtig lebendig würde. Einmal mehr zeigt sich an diesem Abend, wie sehr das Trierer Tanzensemble inzwischen in seiner Vielfalt zur Einheit geworden ist. Präzise sind die Bewegungen, homogen die Gruppenbilder, herrlich dialogisch die Pas de Deux. Ein großartiges Solo tanzt Sergey Zhukov in Korsage und goldenem Beinkleid, ein merkwürdiges Zwitterwesen, unwirklich in seiner Realität. Linkes unwirtliche Welt hat viele Herren, nicht zuletzt wie hier zu sehen, eine Kirche, die Menschen ans Messer liefert und deren brüderliche Umarmung ein Klammergriff ist. Zu all dem erklingt die musikalische Collage von Wolfgang Bley-Borkowski, mit Musik von Django Reinhardt bis Krysztof Penderecki. Zum Schluss „Standing Ovations“ und anhaltender Applaus als Dank und Solidaritätsbekundung für die scheidende Tanzchefin.

Eva-Maria Reuther

Weitere Aufführungen 7.,15., 25., Nov., 29. Dez., 17. Feb. 2018, jeweils 19.30 Uhr, Großes Haus,7.Jan.18 Uhr, Großes Haus

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