Luxemburg zu Gast in der Saarländischen Galerie

Yann Annicchiarico & Franck Miltgen anlässlich der ART WEEK in Berlin

Alexander Baltrusch


„Wir leben ein Stück Europa“ sagte einer der Redner. Und weiter „Großes entsteht immer im Kleinen“ – mit der griffigen Formulierung hatte Jürgen Lennartz, Chef der Staatskanzlei und Bevollmächtigter des Saarlandes beim Bund, seine Identität gelupft – ist das doch quasi der kulturelle Schlachtruf der Saarländer. Warme Worte also von befugter Stelle. Und zuvor – wie gewohnt – vom Hausherrn Dr. Bernhard Lohr, dem Vorsitzenden des Vereins Saarländische Galerie -Europäisches Kunstforum e.V.. Und danach von S.E. Jean Graff, dem Botschafter des Großherzogtums Luxemburg, der vorschlug, man könne „Europa von unten her aufbauen“ – natürlich auch mithilfe der Kunst, versteht sich. Denn um die ging es ja an diesem Abend nach der langen Sommerpause in den wohlgefüllten Galerieräumen – mit vielen neuen Gesichtern. Was ja womöglich mit der gleichzeitig stattfindenden Berlin Art Week zu tun hatte. Gewiss kein Zufall.
Die so kurze wie präzise Einführung des Kunsthistorikers Prof. Dr. Friedrich Weltzien von der Hochschule Hannover und University of Applied Sciences and Arts stellte auf charmant unaufdringliche und kluge Weise klar, dass es sich bei der neuesten Schau der Galerie in der Charlottenstraße mal wieder um einen gelungenen Coup handelt. Manchmal macht es selbst alten Hasen (hier eher einer Häsin) Spaß, sich ins Deutungs- und Assoziationsnetz von jüngeren Fachleuten zu stürzen.
Yann Annicchiarico, *1983, verstellt die abgedunkelten Räume der Galerie mit einer quer stehenden Wand, die er von beiden Seiten bespielt, künstlerisch ausreizt in einer fast theatralischen Inszenierung auf der Suche nach Wirklichkeit und Wahrheit. Die beiden Flächen sind durchbrochen, mit Spiegeln optisch verzerrt, vergrößert, tiefer gelegt, zu Kästen formatiert – und damit räumlich nicht mehr eindeutig dimensio-nierbar. Dazu allerlei sinnstiftender Zierrat – eine gesprayte Tafel, irgendwo gefunden- metallisch schimmernde Ringe, Dekorstücke wie aus dem Kostümfundus, samt Rauschebart in klein: Aus der Allusion wird Illusion, scheinbar Sinnloses kriegt plötzlich Bedeutung. So entsteht Kopfkino. Die eigensinnige Lichtregie der – das vermute ich – beziehungsreich „yanny or laurel“ genannten Installation des Yann A. tut ihr übriges. Was hab ich da eigentlich gesehen – und hab ich das wirklich gesehen?
Im Nebenraum Franck Miltgen, * 1981, ebenfalls in der Szene bereits arriviert – wie die Ausstellungsliste beider Künstler beweist. Dessen Konzept erscheint auf dem ersten Blick schlüssig, trägt einen – für seine Landsleute zumindest – topografisch eindeutigen Titel: „Pérékop“ ist nämlich der Name einer Felsformation in Luxemburg. Wenn nun die aufmerksamen Gäste der Saarländischen Galerie sich in seltsamen Yann Annicchiarico & Franck Miltgen anlässlich der ART WEEK in Berlin 2 Körperdrehungen vor und neben einer riesigen, teilweise zerknitterten und zerfurchten stabilen Metallwand auf und ab bewegen, dann hat das einen Grund: Miltgen hat dem Felsen in seiner Heimat ein Stück seiner Geschichte entrissen, hat wie im Verfahren der Frottage Abdrücke von und auf dessen Oberfläche gesammelt, natürliche Verwitterungen ebenso wie menschliche Eingriffe, Inschriften und Zeichnungen. Und er tat das – illusionistisch – von beiden Seiten: kopierte also den ersten (positiven) Befund von der realen Felsoberfläche quasi als normalerweise unsichtbare Negativform. Anders herum: der Betrachter steht sozusagen im Felsbrocken selber. Auch hier wieder effektvolle Illuminierung aus zwei verschiedenen Quellen – in Rosa und Türkis. Wenn das mal nicht in einen Höhenrausch versetzt…

Die Ausstellung ist noch bis 26.10.2018 geöffnet, jeweils Dienstag bis Samstag, 14-18 Uhr

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