Liebe in Zeiten des Krieges – Michel Legrands „Marguerite“ am Saarländischen Staatstheater

von Friedrich Spangemacher

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Sybille Lambrich als Annette © Martin Kaufhold

Es ist eine „Traviata“-Geschichte, die uns Michel Legrand in seinem Musiktheaterstück „Marguerite“ erzählt – eine Dreiecksgeschichte mit tragischem Ausgang. Das Programmheft kündigt das Stück als „Musical“ an. Wer aber Melodienseligkeit und Optimismus, schmissige Themen und Tanzeinlagen erwartet, den wird diese Produktion enttäuschen. Was ist denn eigentlich das Genre dieses Stückes: Tragikomödie wäre falsch, Tragödie zu drastisch, da die Musik zu leichtfüssig ist. Ist sie das? Bestimmt nicht durchgängig. Denn sie ist viel zu anspruchsvoll und mit viel Hintersinn komponiert.

Erzählt wird die aus vielen Opern, Romanen und Theaterstücken bekannte Dreiecksgeschichte: Im von den Nazis besetzten Paris hat ein deutscher Wehrmachtsoffizier eine Beziehung zu einer französischen Sängerin, die sich in einen Musiker verliebt, der einer Widerstandsgruppe nahesteht. Die ganze Zeitgeschichte rollt vor unseren Augen und Ohren ab: die deutsche Besatzungsmacht mit den Facetten der damaligen Unterdrückungs – Maschinerie: Folter, Gestapo, Judenverfolgung, aber auch Resistance, die Kollaborateure, die Flucht aus dem Krieg in die Varietées und der Überlebenskampf mit gespielten Annäherungen an die Besatzungsmacht mit Hitlereguss und Privilegien, die man sich durch Anschmeichelungen erkaufte. Der Zuschauer wird in diese unruhige und gefährliche Zeit versetzt und erlebt Beziehungsgeschichten, die den Rollen viel abverlangen.

Legrands Musik wirft viele Netze aus und kommentiert das Geschehen mit seinen eigenen, oft subtilen Mitteln: Der Marsch der Nazis, der an die „Wacht am Rhein“ erinnert, gerät fast ins Komische, der an Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ erinnernde skelettierte Marschrhythmus, der offen zelebrierte Jazz, den die Nazis ablehnen, das französische Chanson, der Charleston einer Josephine Baker als eskapistische Feierszene. Die Musik zeichnet das perfekte Stimmungsbild jener Jahre und auch die inneren Zustände der Protagonisten. Da ist Stefan Röttig als Otto, der deutsche Offizier, zerrissen zwischen seiner Rolle als strenger Besatzer und seinem verzweifelten Wunsch, eine Beziehung zu Marguerite aufzubauen, schauspielerisch und sängerisch sehr überzeugend. Da ist Sybille Lambrich als Annette, Armands Schwester, Sängerin in seiner Band und Mitglied der Resistance, die alle Ausdrucksformen des Seelenlebens von Annette zum Ausdruck bringt: die sprühende Lebensfreude, aber auch die Angst als Resistance-Kämpferin, wenn sie sich um den Bruder sorgt, der sich und die ganze Gruppe durch seine Liebesbeziehung zu Armand in Gefahr bringt.  Sybille Lambrecht wurde dieser Rolle mehr als gerecht, Julian Culemann als Armand steigerte sich im Verlauf des Stückes zunehmend und in den Duetten mit Marguerite im zweiten Akt lief er sängerisch zur großen Form auf. Immer im Zentrum, immer präsent und mit ihrer Stimme die Bühne beherrschend: Katja Reichert als Marguerite, sängerisch herausstechend. Ein Prunkstück war das Chanson „Paris“, die Hymne nach der Befreiung, von Ingrid Peters mit Herzblut und Überzeugung gesungen. Sie machte das Ganze zu einem Konzert vor der Bühne, fast auf den Schössen der Zuschauer.

Die französischen Texte wurden ins Deutsche übertragen. Ob man sich damit einen Gefallen getan hat, da bin ich mir unsicher. Nicht alles ging gut aus. Gerade hier ging die teils kurze Sprachgebung des Französischen nicht im Deutschen auf. Legrand komponiert keine Strophenlieder, sondern seine Musik ist eher Prosa. Gezwungen wirkten in diesem Zusammenhang die fast überbetonten Reime, die die deutsche Fassung auskosten wollte. Von der Eleganz mancher Sequenzen ging damit einiges verloren.

Das Bühnenbild machte etwas ratlos. Schwarze Wände wurden verschoben und öffneten doch immer wieder dieselben Räume. Gut die Idee, den deutschen Offizier vorne auf der rechten (!) Bühnenseite zu setzen und Armand, den Liebhaber, auf der linken Seite – Otto auf einem hölzernen Stuhl, Armand am Klavier. Gut auch die Idee, in die Mitte der Bühne einen Flügel zu stellen, der Instrument, Showbühne, Schreibtisch, Esstisch und Liebesbett war. Farbig nur zwei Szenen: wenn die Juden durch die Fackelreihen der SA getrieben wurden und das Varietee, in dem Silvester gefeiert wurde und in dem es zum Showdown kam.

Der Chor war ständig auf der Bühne und sein Spiel ließ das karge Bühnenbild immer wieder vergessen. Die Kostüme waren herrlich, Federschmuck bei den Damen, die ganze Modewelt der 30er und 40er Jahre, die „Marguerite“ zu einem wahren Genrestück machten. Stefan Neubert stand am Pult des wendigen kleinen Orchesters mit guten und präzisen Beiträgen und mit launiger Musik. Regie führte Pascale-Sabine Chevroton, die mit Michel Legrand noch vor seinem Tod im vergangenen Jahr über die Saarbrücker Inszenierung gesprochen hatte. Das Zwingende gelang ihr erst im zweiten Akt, als auch der letzte Zuschauer von der Kraft der Geschichte mitgerissen wurde. Es lag aber wohl auch an der konziseren dramaturgischen Rolle der Musik, die im zweiten Akt einfach weitaus stimmiger war. Herzlicher aber nicht überwältigender Applaus im Staatstheater.

Friedrich Spangemacher am 7.12.2019

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