Lichtgeschwindigkeit und mit aller Macht – Erfahrungen einer Testprobandin für ein Corona-Serum

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Miriam Sachs vor der Prüfstelle ® Foto Heinrich Sachs

Vorwort

Gerade in den schwierigen Zeiten der Corona Pandemie mit ihren existenziellen Herausforderungen an unsere Gesellschaft ist kritischer Journalismus besonders gefragt. Vor wenigen Tagen hat die OPUS-Redakteurin Eva Maria Reuter in einem grundlegenden Beitrag die herausragende Rolle und Bedeutung  der Kultur in der Coronakrise wegweisend analysiert und zu besonnenem politischen Handeln aufgefordert.

Heute präsentiert OPUS Kulturmagazin den Erfahrungsbericht von Miriam Sachs, die sich selbstlos und mutig als Probandin im Rahmen des Testverfahrens des Pionierunternehmens Biontech zur Entwicklung eines wirksamen Serums gegen den Coronavirus eingebracht hat. Lesen Sie, wie Miriam Sachs die Monate ihrer Testzeit mit ihren Herausforderungen, aber auch mit ihren Anfechtungen erlebt hat.

 

10. November

Mitte Mai 2020 begab ich mich als eine der ersten Freiwilligen in die Corona-Impfstoff-Studie der Firma Biontech. In einer Serie von Artikeln wollte ich hier eigentlich chronologisch von meinen Erfahrungen erzählen – kein Sensationsbericht, eher eine Reihe von Eindrücken und Fragen, von Einblicken in die Details, in denen manchmal die Teufel stecken, selbst wenn im Großen und Ganzen alles gut zu sein scheint. Allerdings ist diese Studie, die beim Initiator, der Bio-Technology-Firma Biontech den Arbeitstitel „Projekt Lichtgeschwindigkeit“ trägt, eine, in der sich Dinge überstürzen: Bereits am 9. November, vor wenigen Tagen, gab Biontech eine Pressekonferenz und die Medien verkündeten den großen Erfolg. Und so steht – Spoiler-Alarm! – am Anfang meiner Geschichte bereits das Happy End. Ich müsste mich jetzt freuen, wäre da nicht der kleine Teufel: die Probanden (Lat: probare = testen, versuchen) haben erst wenige Tage nach dieser Verlautbarung ihren letzten ambulanten Untersuchungstermin!

Gleichzeitig ist dieser Nachsorgetermin die erste Gelegenheit seit August, den Ärzten der Studie überhaupt mitzuteilen, wie es einem inzwischen geht. Wie geht’s mir? Ich fühle mich wie ein Idiot. Und auch ein bisschen so, wie ich mich gefühlt habe im letzten April, der Zeit des ersten Lockdowns. Nutzlos und ohnmächtig. Einer der Gründe, warum ich mich als „Probandin“ zur Verfügung gestellt hatte.

 

TESTEN

Ein völlig neues Verfahren galt es zu testen. Nicht klassische Impfstoffe, die den Erreger enthalten, aber in abgeschwächter Form, bekommt man gespritzt, sondern nur genetische Information über das Virus. Die körpereigene Zelle liest Baupläne, produziert selbst Teile des Corona-Virus – und kurbelt dann (wie auch bei klassischen Impfungen) die Antikörper-Produktion an.

Dem Probanden kommt eine besondere Rolle zu, denn überraschenderweise läuft die Studie nicht stationär ab. Probanden schreiben zuhause Tagebuch, notieren Fiebertemperatur und „Events“ wie Nebenwirkungen. Nicht einmal zwischen Corona-Test (der letzten Hürde vor Aufnahme in die Studie) und erster Impfung bleibt man vor Ort. Zweimal habe ich weite Wege durch die Stadt, bevor ich schließlich „einchecke“ und frage mich wie man, falls ich mich in dieser Zeit draußen angesteckt hätte, im Messeregbnis später unterscheiden könnte, ob mein Antikörperspiegel von einer echten Infektion herrührt, oder von der Impfung.

Nur nach der ersten Spritze bleibt man zur Beobachtung auf der Station.

 

13. Mai 2020

Man bleibt überhaupt für nur eine Nacht. Über der Tür des Doppelzimmers auf der geschlossenen Station hängt ein A4-Ausdruck: „Hotelzimmer” mit Tesa geklebt – täuscht aber kaum drüber hinweg, dass man hier in einem Labortrakt ist – zwar mit Cafeteria, aber in die darf man kaum. Wegen Corona. Im Gegensatz zu den Ärzten, betrachtet mich die Wirtin als potentielle Covid-19-Patientin. Auch das Doppelzimmer habe ich für mich. In den Gemeinschaftsräumen, ausgestattet mit ein paar Büchern und VHS-Kassetten, ist auch keiner. Dafür kleben überall seltsame rote Gummiblasen, von denen man eher denkt, sie lüden zu lustigen Gesellschaftsspielen ein und würden ein Quietschen von sich geben, wenn man sie drückt. Gerne würde ich, drücke aber nicht. Alarmknöpfe sind es, falls was ist.

Die Vorstellung in dieser Atmosphäre die Gesamtdauer der Studie zu verbringen, würde wahrscheinlich viele Probanden abschrecken. – Aber nur eine Nacht? Bei einem neuen Verfahren?!

 

IN VERSUCHUNG GEFÜHRT WERDEN

Natürlich sind freilaufende Probanden glücklicher als hospitalisierte und sicher auch eher bereit so ein Projekt mitzumachen. Dennoch ist gerade der irrwitzige Medien-Hype, den die Studie verursacht, eher ein Argument mehr für einen stationären Aufenthalt. Wäre man Versuchskaninchen im Stall, gingen Erfolgsmeldungen, Aktienkurse, und Sensations-Schlagzeilen an einem vorbei. Wie aber kann man als Proband objektiv sein, wenn man bereits in den Medien hört, dass man keine Nebenwirkungen hat. – Oder keine zu haben hat?

Eigentlich müsste man mit Ohrenstöpseln und Scheuklappen durch die Welt gehen, um nicht kontaminiert zu sein von Halbwissen und dem „Pling“ des Smartphones, das mir, seit ich „Biontech“ ein paar Mal gegoogelt habe, prompt nahelegt Aktien zu kaufen: „Wer jetzt nicht zuschlägt, ist selber schuld.“ Täte ich das, würde ich dann meine Erfahrungen noch objektiv weitergeben wollen oder doch lieber nur die guten? „Proband“ kommt aus dem Lateinischen von probare. Es bedeutet nicht nur testen, versuchen, sondern auch in Versuchung geführt werden und genehmigen.

 

GENEHMIGEN

Die Studie ist eine Phase I (Verträglichkeit) und II (Wirksamkeit) in einem. In der Regel dauern diese Phasen jeweils ein Jahr und schon die Zulassung der Studie ist ebenfalls ein zeitaufwändiger Prozess; jetzt lief alles insgesamt in einem 3/4 Jahr ab. Und inzwischen höre ich gar, die Studie III ist offiziell beendet noch vor der Auswertung „meiner“ Vorstudie. Von Studien zur Langzeitwirkung ist kein Rede, es wäre auch absurd, denn gemessen an den normalen Zeiten (jeweils Jahre!) wäre auch eine Langzeitstudie wahrscheinlich eine im Ultra-Kurz-Zeit-Modus.

Die Untersuchungen, an denen ich teilnehme, werden nicht vom Auftraggeber Biontech durchgeführt, sondern von einer externen „Prüfstelle“. Ein verwirrender Begriff; er klingt nach Aufsichtsbehörde. In der Praxis ist die Prüfstelle jedoch einfach ein externes unabhängiges Organ, das so objektiv wie möglich Daten sammelt und dann an den Auftraggeber weitergibt, der aber offiziell nur „Sponsor“ (Lat. „Bürge, Pate“) genannt wird; er bezahlt nicht für ein Ergebnis, sondern für die Dienstleistung. Aber gibt es Objektivität wirklich? Weil natürlich dennoch Geld fließt, ist der Erfolgsdruck hoch.

Und sogar die wahrhaft zuständige Aufsichtsbehörde, das Paul Ehrlich Institut (PEI), kommt zuweilen eher wie ein Kooperationspartner daher: Man sei stolz drauf, den Zulassungsprozess beschleunigt zu haben: „Über Ostern haben wir durchgearbeitet, alle Sachbearbeiter sich ausschließlich mit diesem einen Antrag befasst“, erfahre ich, kurz vor dem Stichtag doch unsicher geworden, ob ich ein Verfahren testen will, das nicht einmal eine offizielle Tierversuchsphase hinter sich hat. „Wir brauchen einen Impfstoff jetzt, nicht in einem Jahr“, erklärt das PEI und versucht Zweifel seltsamerweise auszuräumen mit der Gegenfrage: „Wissen Sie denn, wie viele Freiwillige sich allein bei uns zur Verfügung gestellt haben?“

Für mich als eine dieser Freiwilligen wäre eher diese Einstellung ein Grund gewesen, abzuspringen: Darf die Nachfrage das Angebot bestimmen? Muss man nicht gerade wegen der Dringlichkeit so genau wie möglich hinsehen? Anstatt mit aller Macht etwas durchzudrücken, weil der Bedarf es verlangt?

Ich hatte mich in die Studie begeben, weil ich die Ohn-Macht des Lockdowns unerträglich fand. In die Abgeschiedenheit einer Studie wollte ich mich begeben, weil es wichtig schien. Weil ich dachte: Wenn schon Lockdown, dann richtig. Ich habe fleißig Probandentagebuch geführt, Fieberträume, Schüttelfrost und neuartige Kopfschmerzen notiert, die ich erst seit den beiden Impfspritzen kenne.

Die Hast war fast immer spürbar. Der Welt, der Börse, dem Gesundheitsminister, mag es zu langsam gehen, aber mir wird zuweilen schwindelig davon. Ich würde mich so gerne freuen darüber, dass es wohl wirkt. Und ja, ich glaube auch, dass eine enorme Leistung erbracht wurde in so kurzer Zeit. Aber selbst die Ergebnisse, die jetzt vorliegen, lassen Fragen offen: Kann man von nachhaltigem Impfschutz sprechen, wenn dessen Zeitfenster nur für eine Woche nach der 2. Impfung garantiert ist? Mit der Zeit ist es aber eh so eine Sache. Bewegt man sich rückwärts in ihr? Hat sich die Studie im Zeitraffer nicht bereits eh selbst überholt und die Gesetze von Ursache und Wirkung außer Kraft gesetzt? Vor der Auswertung ist nach dem Ergebnis. Lichtgeschwindigkeit mag Not tun angesichts der Pandemie, aber hier wird schon der Raum gekrümmt. – Ich hoffe nur, dass die Events im Probandentagebuch nicht jenseits des Ereignishorizonts verschütt gehen!

Miriam Sachs*

 

*Die Gustav Regler Preisträgerin Miriam Sachs ist Theatermacherin und schreibt Bücher, zurzeit arbeitet sie an einem Roman mit dem Titel „Das Siechenhaus“. Ihre Impfstudien-Erfahrungen sind auch als Podcast zu hören.

Website: www.miriamsachs.wordpress.com/Impfstudie

 

 

 

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