Lafcadio Hearns Geistergeschichten aus Japan

Meisterhaft illustriert von Benjamin Lacombe

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Cover von “Geistergeschichten aus Japan” © Verlag Jacoby & Stuart

Der große Tempel ist staubig und verlassen. Doch der Junge, der Katzen malt, sucht dort Unterschlupf. Immer und überall malt er die Tiere, auf Wände oder papierene Wandschirme. Auch hier beginnt er alsbald Tinte zu mischen, obwohl es schon nächtigt. Und mehrere weiße Papierschirme mit Katzen zu bemalen. Was er nicht weiß, in dem Tempel spukt ein böser Geist. In der Nacht hört er einen schrecklichen Kampf, er zittert im Versteck. Morgens findet er ein riesiges Monster tot auf dem Tempelboden, die Mäuler der gemalten Katzen sind nass von Blut. Das passiert in „Der Junge, der Katzen zeichnete“, eine der Geistergeschichten aus Japan (Jacoby & Stuart 2020), die der in Irland aufgewachsene Lafcadio Hearn sammelte (1850 bis 1904). Der Franzose Benjamin Lacombe hat die Geschichten des japanophilen Autors und Journalisten für sich entdeckt und hinreißend illustriert.

Hochwertig ist die Ausstattung, Leineneinband und feine Vorsatzblätter, die an Tapeten mit filigranen Mustern erinnern. Lacombe arbeitet hier vorwiegend mit Blau-Lila- und Rottönen, verknüpft winzige Schirme und Geisterköpfe zu floralen Gebilden und leitet jede der zehn Geschichten mit einem geschmückten Kapitelblatt ein. Darauf finden sich verschränkte Girlanden aus Fächern und Geishas mit Porzellanschüsselköpfen, wie mit Häkelspitze verwobene Totenköpfe oder zur eben genannten Geschichte Muster mit in Kimonos gekleideten, bizarren Katzen. Diesen Tieren wird zudem eine Doppelseite  gewidmet, Lacombe zeichnet die mysteriösen Katzen in Azurblau und Flieder, sie tragen die herrlichsten Stoffe und scheinen vor einem merkwürdigen Laden boshafte Schwätzchen zu halten, die Mäulchen und Pfoten sind von Blutstriemen gezeichnet.

Benjamin Lacombes Illustrationen sind so formschön wie eigenartig, sein fließender Strich, die wohlkomponierte Farbigkeit, die Opulenz von Formen und Mustern, der Vintage-Charme, versetzt mit Surrealem, Horrorelementen und Manga-Anleihen, machen ihn aus. Schneewittchens (Jacoby & Stuart 2011) giftiger Apfel trägt das schmollende Gesicht der Königin wie eine Totenmaske, Notre Dame de Paris (Soleil 2013) erhebt sich aus einem wirren Vogelmeer in einen gewittergrünen Himmel, niedliche weiße Häschen aus Alice im Wunderland (Jacoby & Stuart 2016) haben blutrote Augen und stehen sich selbst als Gerippe gegenüber, in der Pfote einen Zeitmesser.

In Lacombes bebilderten Büchern und Graphic Novels finden sich oft Anspielungen auf Vanitas-Stillleben, gern spielt er mit der Motivik klassischer Porträt- und Landschaftsmalerei. Rauchige Mischtöne aus Blaugrün, Beigegrau und Sepia sind Favoriten, ebenso leuchtende Gifttöne in Grellrot und Gelb, Hintergründe stattet er mit stilvollen Ranken aus.   Seine Frauen mit ihrer geschmeidigen Schlankheit und gefälligen Großäugigkeit sind zuweilen durchaus nahe am Kitsch, betören aber durch die Intensität ihres Blicks, in dem man Einsamkeit und Verlorenheit zu lesen meint. Schönheit zeigt sich im Detail von Haaren und Kleidern. So zeichnet er auch Hearns „Schneefrau“, die Sterblichen den Tod bringt, sich aber in einen von ihnen verliebt und mit ihm Kinder zeugt, ohne, dass er weiß, wen er an seiner Seite hat. Er begeht an ihr einen Verrat und büßt sein Glück ein. Lacombe malt die Frau als crèmefarbenen Eissternwirbel mit flatternden Ponyfransen und zart bewimperten Augen. Natürlich würde man sich mit dieser Kühlen einlassen, auf Gedeih und Verderb. Idealtypisch sind seine Frauenfiguren, huldigen einem vergangenen Verständnis von Weiblichkeit, einer Unschuld hinter der Verruchtheit stecken mag, einer kämpferischen Verletzlichkeit. Das ist bei seiner Alice nicht anders als bei Undine (J. & St. 2013) und bei Marie-Antoinette (J. & St. 2015) genauso wie bei Madame Butterfly (J. & St. 2014).

Einen beträchtlichen dekorativen Faktor kann man seiner Kunst nicht absprechen, so kommt es nicht von ungefähr, dass er auch  Schaufenster gestaltet, etwa für das Wiener Kaufhaus Steffi. Von seinen beliebten Motiven gibt es Postkartensets, Notizbücher und Kalender. 20 von Lacombe illustrierte Bücher sind mittlerweile auf Deutsch bei Jacoby & Stuart erhältlich, 2019 erschienen Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten, Band 2 und Der Zauberer von Oz. Auch international ist er erfolgreich. Da Lacombes Zeichnungen von je eine Nähe zum Manga haben, fiel es ihm sicher leicht, sich in Hearns japanische Sagen von rachsüchtigen Kobolden, todesmutigen Samurai und alptraumhaften Erzählungen von Menschenschädelbergen hineinzuversetzen. Seine Strichführung erinnert an japanische Tuschezeichnungen, mit Wasserfällen wie seidene Tücherfluten und zierlich wogenden Baumblüten.  Die Geistergeschichten aus Japan, in denen Phantastisches den Alltag durchdringt und sich Leben und Tod wie in einer Liebkosung umschlingen, sind nicht nur ein spannungsreicher, sondern auch ein ästhetischer Genuss. Betrachtet man das zarte Vogelgerippe, das sich in der „Legende vom Dorf der Koto-Spielerinnen“ in einem Geistergarten an einen Kirschblütenast klammert, empfindet man fast so etwas wie Zärtlichkeit.

Ruth Rousselange im OPUS Kulturmagazin Nr. 81 (September / Oktober 2020)

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