Kritik zu “La Bohème” am Theater Trier: Das Händchen ist noch immer kalt.

Mikaël Serre inszeniert in Trier „La Bohème“ als Kunst-Stück zwischen Freiheit und Kommerz.

Künstlerleben- Szene aus „La Bohème“ am Theater Trier, © Foto: Martin Kaufhold

Giacomo Puccinis „La Bohème“ ist nicht nur ein absoluter Renner im Musiktheater Programm. Die Oper gilt auch als einer der Dauerbrenner, bei denen das Publikum gemeinhin auf  einer traditionellen Lesart besteht. Der junge 1973 geborene Regisseur Mikaël Serre ist dafür bekannt, dass er, was nicht nur in der Kunst nötig ist, Traditionen notorisch hinterfragt, gern auch mal berserkerhaft, wie bei seiner Jeanne d`Arc Überschreibung am Maxim Gorki Theater in Berlin. In Trier ist ihm jetzt mit der Inszenierung von La Bohème der Spagat zwischen Wiedererkennung und Gegenwartsbezug eindrücklich gelungen.

Für das Theater hat der deutsch- französische Regisseur die Oper (Libretto  Giuseppe Giacosa und Luigi Illica), der Henri Murgers Roman „Scènes de la vie de bohème“ von 1851 als Vorlage diente, in die Gegenwart gehievt. Dabei hält er sich an die bekannte unglücklich endende Liebesgeschichte vom mittellosen Poeten Rudolfo, der sein Manuskript mangels anderer Brennstoffe verfeuert und der frierenden Stickerin Mimi, deren eiskaltes Händchen dringend der Wärme bedarf. Als Freunde mit von der Partie: Marcello, hier kein Maler sondern ein Multimedia Künstler und seine lebenslustige Freundin Musette. Auch sonst hat Serre der Oper gelassen, was sie so beliebt macht, die rührenden Liebeszenen, die Burleske, das pittoreske Leben zu Weihnachten im Quartier Latin und sogar das Quäntchen Kitsch. All das inszeniert Serre wohltuend frisch, bisweilen poppig. Die bekannte Mansarde ist hier eine transparente Box, die zudem zur Rotlicht-Kneipe wie zum Ausstellungsraum taugt (Bühne Rena Donsbach/Sébastien Dupouey).

Aktualisiert hat der Regisseur die Botschaft des Romans, der die Bohème Vorstellung des 19. Jahrhunderts spiegelt, die da lautet: das Künstlerleben ist arm aber frei und meistens lustig, bisweilen macht es allerdings sterbenskrank. Eine Vorstellung, die bis heute in manchen Köpfen spukt und angesichts des zunehmenden Künstlerprekariats der Metropolen, zumindest was die Armut angeht, unverändert aktuell bleibt. Serres Künstler gehören denn auch zu jenen Underdogs, die wie auf der Trierer Bühne, auch im wirklichen Leben in den Tunneln der Pariser Metro campieren. Wie man es von dort als Künstler nach oben schafft, führt der französische Regisseur im vierten, dem interessantesten Bild der Oper vor. Wer es zu etwas bringen will, muss marktfähig sein sprich sich gut verkaufen und fragwürdige Mäzene in Kauf nehmen. So auch die Freunde aus der Künstler WG: Sie haben eine Galerie eröffnet und aus ihrer Geschichte eine hochpreisige Installation gemacht. Liebe und Freiheit sind ihnen dabei erstmal abhandengekommen. Da es auch bei Serre, wenn er schon mal dabei ist, schnell um alles geht,  hat er die Kunstmisere noch mit ein paar anderen Themen kombiniert, wie Luftverschmutzung und Klimawandel (der Himmel über Pais ist schwarz, Palmen wachsen vor dem Eifelturm), nicht zu vergessen die erwähnten Underdogs, hier nicht als  „Gelbwesten“ sondern als schlichte Händler vom Markt. Marktfrauen haben als Aufständische gegen soziale Ungerechtigkeit in Paris bekanntlich seit der Französischen Revolution Tradition. Das Ganze könnte leicht gräulich hyperdidaktisch wirken, wäre Serre nicht so ein Poet von hohen Graden, der das Geschehen permanent zwischen Traum- und Wirklichkeit hält. Dazu tragen neben den phantasievollen Kostümen (ebenfalls Rena Donsbach) nicht zuletzt die von Sébastien Dupouey verantworteten stimmungsvollen, zum Teil surrealistischen Videos bei, die über die Bühnenwand ziehen und die Grenzen zwischen Fiktion und Realität herrlich in der Schwebe halten.

Dass man am Ende eines bewegenden Abends beglückt nach Hause geht, ohne die ganze Last der schadhaften Welt auf den Schultern zu spüren, liegt nicht zuletzt an den Sängern. Réka Kristóf ist eine herzzerreißende beseelte Mimi. Carlo Jung-Heyk Cho ein wunderbar warmherziger Rudolfo, mit ebenso ausdrucksstarker wie wandlungsfähiger Stimme. Einat Aronstein glänzt als Musette einmal mehr durch Temperament und lustvolles Spiel. Dafür wird es nach oben für ihren Sopran etwas eng. Carl Rumstadt (Marcello) ist der handfeste Kumpel, mit dem man jederzeit um die Häuser ziehen kann. Engagiert wie stets präsentieren sich Opern-, Extra- und Kinderchor des Theaters (Einstudierung Martin Folz). Unter dem Dirigat von Wouter Padberg (zweite Besetzung) spielt das Philharmonische Orchester der Stadt Trier farbenreich und dynamisch bis auf ein paar kleine Kommunikationsstörungen zwischen Bühne und Orchestergraben.

Eva-Maria Reuther

Nächste Termine:

  • 12.11., 19.30 Uhr
  • 15.12.,18 Uhr
  • 3.01., 19.30 Uhr
  • 8.02., 19.30Uhr 

www.theater-trier.de

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