Konversation mit dem lieben Gott: Sibylle Knauss’ neuer Roman

Sibylle Knauss ist als Erzählerin eine Extremsportlerin – die Sujets ihrer Romane können ihr meist nicht gewagt genug sein. Ob sie nun einen „Eden“-Roman (2009) über das Paläologen-Paar Leakey und das Leben der Hominiden, den „Fremdling“ Jo (2012), einen Neandertaler, der durch ein (verbotenes) genetisches Experiment einer jungen Wisssenschaftlerin sein Leben verdankt und in einer wilden Berglandschaft groß gezogen wird, oder ob sie in „Das Liebesgedächtnis“ (2015) von Demenz, einer späten Liebe, von Vergessen und Verlust erzählt: Sie macht es sich nicht leicht !

In ihrem neuesten Roman entwirft sie ein Sterbeszenario. Es hat sie schon immer fasziniert, einem Leben bis an die Grenze des Todes zu folgen. Der Sterbende, ein protestantischer Pfarrer, ist drei Tage nach dem Tode wieder aufgewacht. Aber nur drei Minuten war er nicht mehr unter den Lebenden. Erinnerungen an diese Zeit fehlen. Sein Leben hängt jetzt an einem Beatmungsgerät; ein Luftröhrenschnitt ermöglichte das Einführen einer Trachealkanüle. Nahrung erhält er durch einen Schlauch. Er hat Angst vor dem nächsten Atemstillstand. Vor zehn Jahren überlebte er knapp eine Lungenembolie. Seither war ihm nur noch ein Leben auf Sparflamme möglich.

Die geistreiche Erzähltechnik der Autorin mit ständigen Unterbrechungen des linearen Erzählverlaufs, Zeitsprüngen, Rückblicken und Erinnerungen erlaubt es, den größten Teil des Lebens dieses Sterbenden Revue passieren zu lassen. Die konsequent durchgehaltene auktoriale Erzählhaltung wird nicht zuletzt dadurch legitimiert, dass der Patient wegen des Luftröhrenschnitts nicht sprechen kann. Er kommuniziert mit Hilfe einer Buchstabiermethode: Besucher sagen das Alphabet, der Patient nickt bei dem gemeinten Buchstaben. Die vier Kinder tauchen in Szenen des Erinnerns auf und besuchen den sterbenden Vater, täglich seine Geliebte, aus deren Bett ihn Gott abgerufen hat. Vor Jahren schon hat ihn die Ehefrau verlassen. Er muss einräumen, dass seine Ehe unglücklich war – ausgerechnet ihm musste dies Schicksal widerfahren, der so viele Paare getraut und ihnen eindrucksvolle Hochzeitspredigten gehalten hat. Dies ist nur eines der Paradoxa seines Lebens als Pfarrer: Er lebte bedürfnislos, predigte Konsumverzicht und rauchte wie ein Schlot. Seine Kinder hat er geprügelt, obwohl er Gewalt als Erziehungsmethode ablehnte. In typischen Pfarrerträumen leidet er unter der Angst des Pfarrers vor der sich leerenden Kirche oder unter der Vorstellung, zu spät zu einer Beerdigung zu kommen. Er hat seinen Beruf geliebt. Das Einverständnis mit der Geliebten war möglich, weil sie beide (nach einer Formulierung von Jürgen Habermas) ‘religiös musikalisch’ waren.

In zwei furiosen Seiten (statt einer anderen Einleitung) zeichnet die Erzählerin die Koordinaten von Raum und Zeit dieser Erzählung. Als Daten – ‘Lichtjahre von uns entfernt’ – werden 1940, die Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht und wohl das Geburtsjahr des Pfarrers, und ‘zweitausendsiebzehn Lichtjahre von hier entfernt’ (Christi Geburt) eingetragen. „Damit tritt auch Gott seine Reise durch die Raumzeit an, unaufhaltsam und mit Lichtgeschwindigkeit.“ Und wir sollen wissen: „dass alle unsere Gegenwarten, jede einzelne davon, für immer auf ihrer Reise durch die Raumzeit sind, ewig, auf den Flügeln des Lichts, über die Grenzen der Galaxie hinausschießen und niemals irgendwo ankommen. Kein Glaube, keine Esoterik, nur ein wenig Relativitätstheorie,und schon ist das ewige Leben uns garantiert.“ Die Einleitung wurde bereits in Heft 65 (Jan.Febr. 2017, recte:2018), S. 142 f. Abgedruckt!)

An diesen Introitus, der die Rede von Gott in kosmischen Dimensionen erklingen lässt, wie sie im vergangenen Jahrhundert der französische Paläontologe und Theologe Teilhard de Chardin etwa in seinem Werk „Le milieu divin“ (Paris 1934/1958) gewagt hat („une vision du Monde reliant le Phénomène spirituel au Phénomène cosmique par la médiation de l’organisation humain“(11), schließen sich – häufig unterbrochen – die ‘Gespräche’ des Sterbenden mit Gott an.

Der Titel verspricht ja keine Lebens-, Ehe- oder Familiengeschichte eines Pfarrers oder einer protestantischen Pfarrfamilie, sondern eine Geschichte mit Gott. Mit ihm steht der Pfarrer berufsbedingt auf gutem Fuße. Es ist nicht der strenge und unerbittlich richtende Gott des Alten Testaments, sondern ein geradezu jovialer, zum Plaudern geneigter. Dieser Gott wirft seinem Diener gelegentlich vor, er spreche „wie ein Pfaff“ mit ihm. Aber die „Zeit der „Höflichkeitsfloskeln zwischen uns“ sei jetzt vorbei. Davon ist nichts zu merken. Theologie sei „etwas für Anfänger. Kindergarten“. Er sei schließlich „der Andere“. Aber in den Dialogen des Moribunden tritt das selten ans Licht. Was der auktoriale Erzähler über den religiösen Sinn, Goethes ‘Frommsein’ oder über die „frühe Allgegenwart“ Jesu im Leben des Pfarrers oder über das „geweitete“ und „denkende Herz“ des Gläubigen, in dem Gott wohnen kann und den Glauben überhaupt sagt – das ist stimmig. Aber die vielen hingeplauderten Redeteile Gottes bis hin zu dem Smiley-Spruch „Gefällt mir“ aus Gottes Mund klingen nicht wie die Sprache des ganz Anderen. In dieser Hinsicht ist das Experiment dieses Romans gescheitert.

Sibylle Knauss: Der Gott der letzten Tage. Roman. Klöpfer & Meyer Verlag Tübingen 2017. 182 S.

 

Gerhard Sauder

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