Interview: Die Demokratisierung der digitalen Medien und neue experimentelle Kunst

Der Leiter des Festivals eviMUS, Daniel Osorio, im Gespräch

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© Daniel Osorio

OPUS-Autor Friedrich Spangemacher sprach mit Daniel Osorio, dem Leiter des Festivals eviMUS, über Digitalisierung, Südamerika und die Einschränkungen durch die Pandemie. Die 7. Saarbrücker Tage für elektronische und visuelle Musik finden vom 29.10. bis 01.11.2020 statt.

  1. Wie stark hat Corona das Festival getroffen?

Sehr. Es ist in der Tat im Moment sehr kompliziert im Voraus zu planen. Die Situation verändert sich so rasant schnell, dass wir jeden Tag aufs Neue offen sein müssen für eventuelle Änderungen und Anpassungen. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Natürlich halten wir uns bei der Durchführung des Festivals streng an die geltenden Regeln der Behörden, denn die Sicherheit des Publikums und der Künstler steht an erster Stelle.

 

  1. Du hast in der ganzen Welt nach Stücken gefragt. Wie war in diesem Jahr die Resonanz? Aus welchen Ländern kommen die Einreichungen?

Für unseren Call for Works 2020 kamen in diesem Jahr viele Werke aus Ländern wie Argentinien, Kanada, Neuseeland, Deutschland, Chile, Korea, Japan, China, Frankreich, Italien, Großbritannien, Österreich, Mexiko, den USA, u.a. 
Im Jahr der Pandemie haben wir aber auch Veränderungen feststellen können. Es kamen nicht so viele Werke, wie in anderen Calls for Works unseres Festivals.

 

  1. Wie stark ist die Szene in Südamerika, in deiner Heimat Chile und in den Nachbarländern?

Mit oft sehr wenigen Mitteln erschaffen lateinamerikanische Künstler interessante Werke und entwickeln auch neue Tendenzen. Trotz der Pandemie werden zur Zeit einige Festivals und Konzerte organisiert. Die Themen und Schwerpunkte sind dabei aber teilweise andere. Die vorherrschende Armut, soziale Ungerechtigkeit und auch ein langsam erwachendes Bewusstsein für eine neue Art der „kulturellen Identität“ finden vermehrt Eingang in die Werke der Künstler. So suchen sie andere Klangmaterialien, um sich mit ihrer Realität auseinanderzusetzen.

 

  1. Gibt es neue Entwicklungen im Bereich der audiovisuellen Kunst?

Die Entwicklung der audiovisuellen Kunst läuft zusammen mit der Entwicklung der Technik. Das heißt: schnell. Es gibt schon längst keinen „Film“ mehr in der Szene. Computererzeugte visuelle Formen, Videos, Performances, Lichtkunst, … und die Vermischung dieser Formen führen zu neuen Möglichkeiten, spezifische Inhalte auszudrücken, zu einem neuen Verhältnis von Form und Inhalt.

 

  1. Längst sind es nicht nur die klassisch ausgebildeten Komponisten, die in diesem Bereich arbeiten. Aus welchen anderen Genres kommen ebenfalls Künstler?

Das ist richtig. Heutzutage sind viele Komponisten auch Videokünstler, Performance-Künstler, Musiker ohne kompositorische Ausbildung, die beginnen mit ihren Instrumenten und elektronischen Klängen zu experimentieren. Der Zugang zu Medien und Technologie ist in den letzten Jahren immer einfacher geworden. Durch diese Demokratisierung der digitalen Medien eröffnet sich für immer mehr Menschen die Möglichkeit, eigene Klangexperimenten und Kreationen zu erschaffen. Das ist toll.

 

  1. Auf was bist Du besonders stolz? Was muss man unbedingt gesehen haben?

Besonders stolz sind wir in diesem Jahr auf den großen Anteil an visueller Musik, die einen immer wichtigeren Stellenwert im Festival einnimmt. So eröffnet das Konzert der luxemburgische Komponist und Videokünstler Arthur Stammet, der u.a. ein audiovisuelles Werk für das neu gegründete Ensemble für Interkulturelle Neue Musik, „Die Cronopien“, geschrieben hat. Auch freuen wir uns sehr, in diesem Jahr erneut das Ensemble Flashback zu Gast zu haben, das mit spektakulären Effekten und in Echtzeit Musik und Projektionen verbindet. Um das Zusammenführen verschiedener Formsprachen geht es auch im Konzert von Hervé Birolini, dem Preisträger des Quattropole Musikpreises, der in seiner Kreation elektrische Energie sicht- und hörbar macht. Persönlich freue ich mich auch sehr auf Johannes Schwarz, Fagottist im renommierten Ensemble Modern, und ein bedeutender Künstler in der Neuen Musikszene. So hoffe ich mit einem buntgemischten Programm auch ein ebenso buntes Publikum anlocken zu können. Denn gerade in diesen schwierigen Zeiten gilt es, über die Künste Hoffnung zu geben.

 

Das Interview führte Friedrich Spangemacher.

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