HipHop mit Nachhaltigkeitseffekt – Gute Erfahrungen mit Jugendlichen

Die Musikerin LeaTunes © Stefano Fonte

Der zwölfjährige David* schrieb einen kurzen Musikclip über Ausgrenzung, eine Geschichte über einen weißen Frosch im Teich, den ansonsten grüne Frösche bevölkern. David wird im Kölner Haus Miriam betreut, einer Einrichtung der Caritas. Dort kümmert man sich um benachteiligte Kinder, versucht deren Selbstwertgefühl zu stärken und Wege aufzuzeigen, wie sie ihr Leben meistern können. 

Ein Erziehungsansatz ist dabei auch mit HipHop. David hat seine Situation in eine kleine Geschichte in einem Clip verpackt, der inzwischen die Besucher der Miriam-WebSite begrüßt.  

HipHop in der sozialen Arbeit ist schon seit fast zwei Jahrzehnten ein Thema, und hier zeigt sich, wie Kreativität bei Kindern und Jugendlichen zu fruchtbarer Anregung führen kann und sogar nachhaltig wirken kann. Man braucht keine musikalische Ausbildung, das digitale Zeitalter stellt das nötige Rüstzeug bereit. Die erlebte Alltagssituation kann so in einem kreativen Prozess erfahrbar werden. 

HipHop war von Anfang an Protest, ein Spiegel des Alltags in der Sprache der Jugendlichen. Und wie kein anderes musikalisches Genre ist er in der Lage, Ängste und Sorgen, Hoffnungen, Wünsche und Träume zum Ausdruck zu bringen. Und HipHop kann auch Selbstbewusstsein stärken. 

Im Haus Miriam erlebt man das fast täglich. LeaTunes, Musikerin, Komponistin und Erzieherin, erzählt auch von dem neunjährigen Marek*, der aus einer Familie mit Migrantenhintergrund kommt. „Er lebt in einem Flüchtlingsübergangsheim, spielt den Gangster mit Mackerpose, hat ein hohes Aggressionspotential und schon viel erlebt.“ Er hat 10 ältere Geschwister, von denen einige wie auch der Vater schon im Gefängnis waren. „Das ist totale Subkultur, mit einem verfestigten Rollenbild von Mann und Frau… ein sehr schwieriges Umfeld“, so LeaTunes. „Niemand hat Zeit für die Kinder.“ 

Marek fing in der Musik-AG an, auf der Basis von Beats seine Situation zum Ausdruck zu bringen: seine Ängste, seine Aggressivität, seine familiäre Situation. Das Mikrophon war plötzlich der Auslöser für seine Öffnung. „Er hat alles, was ihn bewegt, in Songs herausgehauen und auf eine CD gebrannt. Er war stolz wie Bolle!“ Dabei war auch ein Liebeslied für ein Mädchen. Tagelang habe er dann dieses Lied in Endlosschleife gehört. Lea Tunes ermunterte ihn, die Texte aufzuschreiben. Er könne nicht schreiben und nicht lesen, so Marek. „Das wäre doch eine gute Gelegenheit, das mit Deinen Songs zu lernen“, antwortete ihm LeaTunes. Die Begeisterung war dem Jungen sofort anzumerken. Das wolle er jetzt unbedingt, und dann werde er es seinem 19-jährigen Bruder auch beibringen, der wie er selbst nicht lesen und schreiben könne.

Solche Erfahrungen haben das Haus Miriam ermutigt, in ein Musikstudio zu investieren, um die Möglichkeiten der Aufnahme und Produktion richtig professionell zu machen.

Friedrich Spangemacher im OPUS Kulturmagazin Nr. 79 (Mai/Juni 2020) zum Schwerpunkt Nachhaltigkeit.

*Die Namen wurden von der Redaktion aus Gründen des Datenschutzes geändert.

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