Geschichtsträchtige Orte und mystische Landschaften – Unterwegs in Ostbelgien und im Hohen Venn

Jetzt teilen

Mystisch wirkende Landschaft im Hohen Fenn © Eva-Maria Reuther

Schon die Anfahrt über die A60 durch die weite Eifellandschaft hinauf nach Malmedy und in den hinter Prüm beginnenden grenzüberschreitenden Naturpark Eifel – Hohes Venn (Hautes Fagnes) ist Entschleunigung pur. Es geht vorbei an grünen Wiesentälern und Höhenzügen, deren schweigende dunkle Wälder wie aus der Zeit genommen scheinen. Einsprengseln gleich tauchen dazwischen kleine Dörfer auf. Von blutigen Kriegen war dieses Grenzland zwischen Ostbelgien und Deutschland, wo die Eifel in die Ardennen übergeht, immer wieder heimgesucht, zuletzt in der grausamen Ardennenoffensive 1944. Winterspelt, der Ort, der Alfred Anderschs kriegsverweigerndem Roman den Titel gab, wird an der nächsten Ausfahrt angezeigt. Hoch oben auf der namensgebenden Brücke geht es bei Steinebrück über die Grenze. Ein paar Kilometer weiter taucht weit sichtbar das deutschsprachige St. Vith auf. Der vor allem wegen seiner Möbelhäuser beliebte Ort gehört zur Provinz Lüttich, in der Wallonen ebenso beheimatet sind wie die Mitglieder der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Weiter geht es Richtung Malmedy mit einem Abstecher nach Stavelot, dessen einstige Abtei ein absolutes Muss auf dieser Reise ist. Wer will, kann gleich von der Autobahn querfeldein durch magere, mühsam dem Moor abgerungene, aber idyllische Weidelandschaften fahren. Schneller geht es über die Autobahn. Stavelot ist einer der ältesten belgischen Orte, wovon noch die pittoresken Fachwerkhäuser und winkligen Gässchen erzählen. Die Abtei selbst wurde im 7. Jahrhundert gegründet. Eine Inszenierung von theatralischer Qualität bietet der Vorplatz des vorzüglich restaurierten Abteigebäudes mit den Ruinen der ehemaligen Abteikirche. Mehrere Museen beherbergt das Gebäude heute, darunter eines für Oldtimer.

Ehemalige Abtei von Stavelot © Eva-Maria Reuther

Bergauf im Ort erinnern der Name der Kneipe „Au Blanc Moussi“ und eine Fastnachtsmaske an der Fassade an ein gelungenes Beispiel bürgerlich-geistlicher Solidarität. Als im 15. Jahrhundert ein neuer Abt den Mönchen das „Mitfasten“ an Laetare verbot, taten sich Kleriker und Bürger zusammen und zogen in weißen Gewändern und mit Fastnachtsmasken verkleidet, protestierend durch den Ort. Mit Erfolg: Bis heute wird in Stavelot der „weiße Laetare-Karneval“ gefeiert. Zurück geht es nach Malmedy. Die kleine französischsprachige Stadt lässt nichts mehr von ihren schrecklichen Kriegsnarben ahnen. Der zentrale Platz mit dem selbstbewussten Obelisken lädt mit gemütlichen Straßencafés zum Pausieren ein, bevor man zum Bummel durch die enge Altstadt aufbricht, oder die interessante, im 18. Jahrhundert im Renaissancestil errichtete „Auferstehungskapelle“ besichtigt.

So erfrischt geht es eine kurvige Straße hinauf Richtung Eupen, in die faszinierende Moor-Landschaft des „Blauen  Venn“, dem vielleicht poetischsten Teil der Hochfläche. Auf dem Weg ins Hochmoor wechseln sich Wäldchen mit Sümpfen ab, aus denen kahle Bäume wie Skulpturen ragen. Die Baraque Michel, eine ehemalige Schutzhütte, die sich inzwischen zu einem Restaurant mit Bäckerei gemausert hat, ist ein idealer Ausgangspunkt für Wanderungen in die fast mystische Landschaft. Auf schmalen Stegen führt der Weg zwischen dunklen Moorseen, vorbei an seltsam kugeligen Büschen, hin zum Wald. Vorsicht ist beim Gang durchs Hochmoor noch immer geboten, auch wenn die Sicherheit der Wege inzwischen gut gekennzeichnet ist. Früher wiesen Leuchtfeuer im Turm der kleinen Fischbach- Kapelle hinter der Gaststätte den Wanderern den Weg zurück. Das tägliche Abendläuten sollte Verirrte heimholen. Wer ganz sicher gehen will, schließt sich einer geführten Wanderung an. Vorzugsweise vom Naturparkzentrum Hautes Fagnes in Botrange, ein paar Kilometer südlich Richtung Waimes. Dort kann man sich auch über die vielfältige Flora und Fauna des Naturparks informieren, zu der inzwischen sogar wieder Luchse und Birkhühner gehören. Am gemütlichen Kaminfeuer lässt sich zudem bestens entspannen, selbst bei Blitz und Donner. Zudem gibt es einen Lehrpfad, einen Heilkräutergarten und für die kleinen Wanderer einen Spielplatz. Seen, Wald und Moor wechseln sich auf dem Rückweg ab, auf der reizvollen „Route Fagnes et Lacs“ über Waimes nach St. Vith.

Eva-Maria Reuther im OPUS Kulturmagazin Nr. 81 (September / Oktober 2020) in der Rubrik “Entdecken & Genießen” 

ostbelgien.eu, botrange.eu

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.