„Ein mehrfacher Millionenwerth“ – Fragile Schätze der Sammlung Prinzhorn

Agnes Emma Richter, selbst genähtes und mit autobiographischen Texten besticktes Jäckchen, 1895, Inv.Nr. 743 © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

(red.) Nach Umbau und Corona-bedingter Schließzeit öffnet das Museum Sammlung Prinzhorn wieder seine Türen und zeigt die Sonderausstellung „Ein mehrfacher Millionenwerth“. Die Ausstellung ist zugleich der Auftakt zu der wenig später öffnenden ersten Dauerausstellung des Museums: Die Sammlung Prinzhorn – Von „Irrenkunst“ zur Outsider Art.

Gezeigt werden fragile Schätze, d.h. Werke der historischen Sammlung Prinzhorn, die aufgrund ihres prekären Zustandes nicht mehr in Heidelberger Ausstellungen präsentiert und in der Regel auch nicht mehr verliehen werden können. Der Museumsbetrieb startet vorerst mit eingeschränkten Öffnungszeiten und einer Einlassbeschränkung. Um Wartezeiten zu vermeiden, wird um Voranmeldung gebeten.

Zur historischen Sammlung zählen Werke, die Psychiatrieinsassinnen in der Zeit zwischen 1825 und 1930 geschaffen haben. Die Patientenkünstlerinnen verwendeten zumeist minderwertige Materialien, wie z.B. Pappe, Zeitungs-, Pack- oder Toilettenpapier, Bleistifte, Kopier- oder Korrekturstifte der Ärzte. Hochwertigere Materialien standen nur Patient*innen der 1. Klasse zur Verfügung. Hinzu kommt, dass die Werke erst in den 1980ern erstmals fachgemäß archiviert und konserviert wurden. Aus diesen Gründen sind viele Werke der Sammlung heute sehr lichtempfindlich und in besonderem
Maße vom Zerfall bedroht.

Unter den fragilen Schätzen sind auch Ikonen des Fundus. In der Ausstellung ist z.B. das von Agnes Richter genähte und mit autobiographischen Texten bestickte Jäckchen von 1895 zu sehen, mit dem
sie sich in der Anstalt ihre Identität bewahrte. Ebenfalls gezeigt wird die transparente Zeichnung eines Hexenkopfes von Hans Prinzhorns „schizophrenem Meister“ August Natterer, die von „Halt-gegens-Licht”-Ansichtskarten inspiriert war und bei Beleuchtung unsichtbare Motive hervortreten lässt. Auch die von Carl Lange dokumentierten, visionären Wunderbilder sind dabei, die er um 1900 in seiner Schuheinlegesohle entdeckte und die er in einer Zeichnung mit „Ein mehrfacher Millionenwerth“ betitelte.

Aber es gibt in der Ausstellung auch Unbekanntes zu entdecken. Gezeigt wird eine große Vielfalt von selbstgefertigten, -verfassten und -illustrierten Heften und Büchern, von denen zahlreiche noch nie ausgestellt waren, z.B. drei Hefte von Konrad Zeuner, in denen er die Schöpfungsgeschichte auf Deutsch, Englisch und Französisch nacherzählt und illustriert. „Ein mehrfacher Millionenwerth“ spiegelt sich übrigens auch in der Auswahl mancher Werke, so zum Beispiel in den zahlreichen von Else Blankenhorn gezeichneten Geldscheinen über fantastisch hohe Summen, „Centuplonen“, „Billionlen“ oder „Seidublonen Mark“, die sie schuf, um die Auferstehung beerdigter Liebespaare zu finanzieren.

Fragiles und Empfindliches findet sich als Spiegel der krisenerfahrenen Psyche schließlich auch in den Motiven mancher Werke wieder: zarte, ephemere Gestalten, Geister, Engel, geflügelte oder göttliche Seelenwesen, Vögel, Schmetterlinge und Feen tauchen auf. Oftmals werden sie von Fabeltieren wie Drachen und Sphingen oder vom Sensenmann bedroht.
An all diesen einzigartigen, kostbaren Werken nagt der Zahn der Zeit. Manches ist bereits unwiederbringlich verblasst. Aufgabe des Museums ist es, sie zu schützen und für kommende Generationen zu bewahren.

Ausstellungsdauer: 27. Mai bis 31. Oktober 2020

Dauerausstellung: Die Sammlung Prinzhorn – Von „Irrenkunst“ zur Outsider Art Anfang Juni 2020

In den vergangenen Monaten wurde ein Teil des Museums umgebaut und eine zusätzliche 90 qm große Ausstellungsfläche geschaffen. In den neuen Räumen wird erstmals eine Dauerausstellung der Sammlung Prinzhorn gezeigt. Zu sehen sind rund 120 Werke aus psychiatrischem Kontext von Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute. Die begleitenden Texte stellen die Geschichte der Sammlung vor und geben Einblick in Themen wie Psychiatriegeschichte, Alltag in der Psychiatrie um 1900 und Künstlerreaktionen auf die Sammlung. Der Umbau wurde mit Geldern des Landes Baden-Württemberg, der Stadt Heidelberg und der H + G BANK finanziert.

Das Museum Sammlung Prinzhorn

Die einzigartige Sammlung Prinzhorn ist seit September 2001 öffentlich zugänglich, nachdem das ehemalige Hörsaalgebäude der Neurologischen Klinik für Museumszwecke umgestaltet wurde. Der Kunsthistoriker und Assistenzarzt der Heidelberger Psychiatrischen Klinik Hans Prinzhorn (1886 – 1933) legte zwischen 1919 und 1921 eine Sammlung bildkünstlerischer und schriftlicher Werke von Anstaltsinsassen an. Heute würde man von so genannter ‚Outsider Art‘ und Aufzeichnungen Psychiatrie-Erfahrener sprechen. Die historische Sammlung umfasst etwa 6.000 Werke: Zeichnungen, Aquarelle, Briefe, Texte, Notationen, Bücher, Hefte, Collagen – zum Teil auf schwer zu erhaltenden Gebrauchspapieren – sowie rund 150 Ölgemälde, 30 textile Arbeiten und 70 Holzskulpturen. Sie
entstanden zwischen 1825 und 1930 und stammen von rund 435 Anstaltsinsassen aus dem deutschen Sprachraum, wenige kamen aus Italien, Frankreich, Polen und Japan nach Heidelberg. Auch aktuell wächst die Sammlung beständig: Die Neuerwerbungen seit 1945 umfassen bis heute 30.000 Objekte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.