Erlebte Stadt-Land-Kontraste: Eine Annäherung an den Regisseur Johannes Maria Schmit

Johannes Maria Schmit © adja Krüger

Das Verhältnis von Stadt und Land stellt sich für den Ophüls-Preisträger Johannes Maria Schmit als produktiver Gegensatz dar, der nicht nur sein künstlerisches Schaffen, sondern auch seine eigene Biographie entscheidend prägt. Als Fünfjähriger kommt er als Kind saarländischer Eltern nach Wittlich in die Eifel und erlebt im Heranwachsen die Provinz mit ihren Möglichkeiten aber auch mit ihren deutlichen Grenzen. In dem kulturpädagogischen und künstlerischen Angebot der Kleinstadt findet er sich damals persönlich und mit seinen Fähigkeiten nicht wieder. „Mein Ausweg war die örtliche Buchhandlung“, so der Regisseur. Dort findet er eine Beziehung zu Literatur und Dichtung, die ihm bis zum Abitur Halt gibt. Dort findet er auch Nahrung für seine ästhetischen und kreativen Bedürfnisse, sie ist die Verbindung in die weite Welt des schöpferischen Geistes.

Eine entscheidende Begegnung für ihn ist die mit dem Saarbrücker Maler und Bildhauer Ernst Alt zum Ende seiner Schulzeit, die ihm eine neue Perspektive auf Land und Herkunft eröffnete. Dieser Künstler stammte selbst aus einer agrarischen Hunsrück-Familie und hat sich in der Landeshauptstadt Saarbrücken wie über viele Reisen erst als Künstler emanzipieren und behaupten können. Die Gespräche beider eröffnen Johannes Maria Schmit eine neue Sicht sowohl auf den Reichtum als auch auf die Lasten des ländlichen Raumes. Etwas was er bereits erahnt hat, kommt zur Reifung und auch in dem Film „Neubau“ zum Ausdruck, mit dem er den Max-Ophüls-Preis errang. Dieser  besticht durch die poetisierende Langsamkeit seiner Bilddarstellungen, in denen sich die Charaktere vollkommen entfalten können und dürfen.

Nicht der Effekt zählt, sondern die intensive Wirkung des gedehnten Augenblicks. So werden Stimmungen eingefangen, welche den Betrachter einerseits die Weite des ländlichen Raumes als bedrückende Langeweile wahrnehmen lässt, andererseits aber auch die der Landschaft eigene Schönheit und die Ausstrahlung der Menschen ins Bewusstsein rückt. So wird auch der Kontrast zur Großstadt deutlich, in deren Hektik und Flüchtigkeit der Beziehungen vieles untergeht, wenngleich sie als Erlösungsphantasie den Protagonisten des Films Markus (Tucké Royale, der auch das Drehbuch des Films geschrieben hat) stets beschäftigt.

Das Land hat seine Schönheit, aber auch seine existenzielle Last. Es ermöglicht und verhindert zugleich die Emanzipation hin zu einer freigewählten Sexualität. Heterosexuelle Beziehungen sind die Norm. Die homosexuellen Beziehungen und Identitäten der Großmütter und der Hauptfigur entfalten sich als natürlicher und „selbstverständlicher Lebensstil“ in der Abgeschiedenheit jenseits der gesellschaftlichen Norm. Einen Zuwachs an Freiheit erträumt sich Markus in Berlin mit den Freiräumen im großstädtischen Milieu und der häufiger zu erlebenden Toleranz.

Dass allerdings auch die Metropole Berlin zur Belastung werden kann, hat Johannes Maria Schmit selbst erfahren. Diese Stadt war für ihn dreizehn Jahre lang das „kreative Kraftzentrum“, das seinen künstlerischen Werdegang erst ermöglicht hat, so der Regisseur. Anschließend verspürte er aber auch einen Reibungsverlust, der ihn wieder aufs Land zurückführte. Zurzeit lebt er mit Partnerin und Tochter am nördlichsten Zipfel Dänemarks. Dass es auch dort nicht ohne Stadt geht, zeigen seine häufigen Fahrten nach Stockholm, wo er gerade an der „Universität der Künste“ promoviert. Auf die Balance zwischen den Welten kommt es eben an.

Yann Leiner im OPUS Kulturmagazin Nr. 79 (Mai/Juni 2020) in der Rubrik Film & Medien

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