Ein Schutzheiliger und andere Stimmen aus dem 20. Jahrhundert. Die 6. Konzert-Matinee der Deutschen Radio Philharmonie

von Friedrich Spangemacher

Foto © Astrid Karger

Im ersten “Mouvements”-Konzert der Deutschen Radio Philharmonie unter der Leitung von Jonathan Stockhammer war Mauricio Kagel als Schutzheiliger aufgerufen worden. Seine „10 Märsche, um den Sieg zu verfehlen“, umrandeten das Konzertprogramm wie Stossgebete an den Heiligen ‘Mauricio’, gespielt vor den offenen Saaltüren, in der Pause im Foyer, beim Orchesterumbau hoch über der Bühne oder beim Herausgehen des Publikums. Noch lange blieben diese getragenen Klänge der Bläser, die immer wieder an das alte New Orleans erinnerten, in den Ohren. Das Spielerische dieser Stücke setzte sich fort in einem Tripelkonzert von Kagel für die ungewöhnlche Solobesetzung mit Flöte Harfe und Schlagzeug, ein Stück, das – wie sollte man es bei Kagel anders erwarten – der Konzertform einerseits kritisch gegenübersteht, anderseits die Konzerterwartungen durchaus auch befriedigte, und schöne und sinnige Dialoge zwischen den Soloinstrumenten zeigte, aber auch manchen gelenkten Leerlauf. Vor allem gaben Flöte (vorzüglich: Britta Jacobs) und Schlagzeug (perfekt´: Michael Gärtner am meterlangen Aufbau) immer wieder die Aufbruchssignale. Die Harfe (Marta Marinelli) setzte sich akustisch kaum durch, fand gegen Schluss aber zu einem herrlichen Dialog mit dem Schlagzeug. Das Heterophone blieb über weite Teile bestimmend, in der Absicht, die Form des Solokonzertes zu hinterfragen. Das Orchester blieb eher im Hintergrund, aber Stockhammer formte den Streicherklangkörper höchst organisch und dicht.

Das Spielerische der „Märsche“ passte allerdings nicht zu den anderen, teilweise ernsten Sücken des Konzertes. Begonnen hatte es mit einem Werk des hierzulande kaum bekannten tschechischen Komponisten Miroslav Kabelac, einer Ouvertüre, die mit scharfen, schneidenden Klängen begann und von einem lang anhaltenden rhythmischen Impuls bestimmt war. Komponiert wurde das Stück zwei Jahre nach Endes des Zweiten Weltkrieges, den Kablac nicht ganz unbeschadet erlebte, denn er verlor seine Tätigkeit im Radio. Vielleicht war es die Ungewissheit, die die vielleicht erwarteten Besserung eintrübte. Jedenfalls hatte man in seiner Ouvertüre manchmal den Eindruck, hier blieb der Optimismus halb im Halse stecken. Ein weiteres Solokonzert kam von dem französischen Komponisten Thierry Pécou, der selbst als Solist mitwirkte. Es war ein virtuoses Konzert mit vielen ‘tour-de force’- Passagen und teilweise naturnahen Klängen, aber auch im inneren Erschütterngen. Pécou hat wieder einmal gezeigt, mit welcher Klangphantasie er ans Werk geht, wunderbar im Dialog mit dem bestens eingestellten Orchester. Der Titel „L’Oiseau innumèrable“ bezieht sich auf einen Text von Èdouard Glissant, in dem es heißt: „Der Gedanke des Erschütterns entsteht überall . er ist unendlich wie ein unzählbarer Vogel“.

Das Konzert ging zu Ende mit Witold Lutoslawskis 4. Sinfonie, einem Werk der Zersplitterung, dem der Komponist das Gesangliche an die Seite stellte. Es changiert zwischen schnellen und langsamen Passagen, zwischen exakt notierten und freien Passagen. Stockhammer deutet das Werk, als ob es heute hochaktuell wäre. Er betonte die Reibungen, die diesem Werk innewohnen. er lebte aber auch das Musikantische dieses Stückes aus.

‘Chapeau’ für das Orcheser, das wieder einmal nachdrücklich bewies, wie sehr sich die Musiker auf aktelle Musik verstehen und sie zum Leben bringen können.

Friedrich Spangemacher

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