Die Macht der Fantasie

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Die Macht der Fantasie © Besnik Spahijaj

Als Gottvater in sechs Tagen die Welt erschuf (am siebten ruhte er bekanntlich), benötigte er neben seiner Allmacht und einer soliden Logistik fraglos auch jede Menge Fantasie. Wie er vorging, ist uns als biblische Schöpfungsgeschichte überliefert. Wir glaubten ihr, bis uns Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie ernüchterte und die alttestamentarische Version als Phantasiegebilde entmystifizierte. Diskreditiert sind dadurch allerdings weder die biblische Genesis noch die Fantasie selbst. Wo unsere Erkenntnis endet, setzt notwendigerweise die Fantasie mit ihren Vorstellungen und Ideen ein. Sie ist gleichermaßen schöpferisches Denken wie Deutungs- und Erklärungshilfe der Realität und ihrer Phänomene. „Fantasie ist wichtiger als Wissen. Wissen ist begrenzt. Phantasie aber umfasst die ganze Welt“, folgerte Albert Einstein.

Nackt und unbehaust werde der Mensch geboren, hat Ernst Bloch hochpoetisch wie treffend festgestellt, in eine Hütte, hinter der die Dunkelheit beginnt und in eine Welt, die er zu seinem Zuhause machen muss. Dabei ist er nicht nur auf Arbeit, sondern auch auf Ideen angewiesen. Anders als das von Instinkten gesteuerte und von der Natur überlebensfähig ausgestattete Tier muss sich der Mensch, um zu überleben, seine Welt selbst gestalten, ihr Sinn und Ordnung geben, sie weiterdenken und ihre Vergangenheit verstehen. Dazu besitzt er als einziges Werkzeug sein Gehirn, das nicht nur in der Lage ist, Neues zu lernen, sondern auch kognitive wie sinnliche Erfahrungen als Wissen zu speichern und mittels der Fantasie daraus neue imaginäre Bilder zu formen.

Was daraus entsteht, bestimmt die menschliche Konstruktion der Wirklichkeit, ihre Sinngebung und Wahrnehmung. Fantasie spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie ist „Genius und Teufel“ (Immanuel Kant). Sie macht den Menschen zum Visionär wie zum Wahnsinnigen, schafft selige Träume und Horror- Visionen. Ungeheuer modern klingt Novalis, wenn er feststellt: „Die Fantasie setzt die künftige Welt entweder in die Höhe oder in die Tiefe oder in die Metempsychose (der Wanderung der Seele) zu uns. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.“

Fantasie ist für den Menschen somit fundamental. Kein schöpferisches Denken  kommt ohne sie aus, nicht einmal in den auf strenge Regelwerke und Fakten ausgerichteten Natur-oder Ingenieurwissenschaften. Dabei entstammen ihre Inspirationen und Bilder keineswegs irgendeiner Beliebigkeit. Mögen sich ihre Vorstellungen noch so weit ins Unendliche hinauswagen, fantastische Universen schaffen und bevölkern, oder tief tauchen, um das Dunkel des Metaphysischen zu erhellen: Was die Fantasie, die ihren Namen vom griechischen Verb „phaino“ (scheinen) hat, als Erscheinungen generiert, bleibt stets in den Speichern unseres Gedächtnisses geerdet.

Was wissenschaftlich längst als gesichert gilt und Traumdeutung und Psychologie beschäftigt, die enge Beziehung zwischen Fantasie und Gedächtnis, ahnte bereits Aristoteles, als er auf die Bedeutung der „memoria“ für die Fantasie hinwies. Nicht jeder war im Laufe ihrer Geschichte der Fantasie zugetan. So hielten die Scholastik und auch Nikolaus von Kues die Fantasie für eine minderwertige Geistestätigkeit. Dagegen war der aufgeklärte Denker Montesquieu überzeugt von der „Macht der Fantasie“. Selbst der misanthropische Arthur Schopenhauer musste einräumen, dass ohne Fantasie nichts Großes zu bewerkstelligen sei. Höchstens in der Mathematik, schränkte der Philosoph ein. Womit er irrte. Und sogar Ludwig Wittgenstein, der einst aller Metaphysik entsagt hatte, musste gegen Ende seines Lebens im Sinne Platons eingestehen, dass der Erscheinung unserer Wirklichkeit womöglich noch ein anderes Sein zugrunde liegt, dem man sich nur  mit Hilfe der Imagination nähern kann.

Auch wenn sie jedermann nötig hat, so gilt die Fantasie doch seit jeher als das ureigene Terrain der Künstler. In ihrer Welt der Inspiration und Visionen scheinen bisweilen sogar die Ideen wirklicher zu sein als die Realität. Als Musiker, Maler, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller oder Theatermacher schaffen Künstler alltäglich fantastische Welten, in die sie uns mitnehmen und dabei unsere eigene Fähigkeit zu Fantasie und Metaphorik herausfordern.

Als das Phantasialand der neueren Geistesgeschichte kann die Romantik gelten mit ihrem Hang zum Subjektiven, ihrer Liebe zu Märchen und Mythen, zu Mystik und Groteske, ihrem Horchen in die eigene und der Welt Seele. Als „Fantasiestücke in Callots Manier“ bezeichnete E.T.A. Hoffmann die Texte seines einflussreichen Erstlingswerks.

Auch wenn ihre Bedeutung längst erkannt ist: immer häufiger wird dieser Tage der Verlust der Fantasie beklagt. Neopositivismus, Materialismus,  Technologie-Gläubigkeit, schneiden ihr die Luft ab. Wo Massenmedien und Internet unablässig Bilderfluten und virtuelle Welten liefern, scheint kaum Raum für eigene Vorstellung zu bleiben. Im Kinderzimmer ersetzen vielfach Sachbücher das literarisch Fiktive. Selbst die Kunst scheint vielerorts dem Fantastischen zu misstrauen und hangelt sich an Tagesaktualitäten entlang. Aber auch psychischer und sozialer Druck bedrohen die Phantasie. So haben Studien ergeben, dass die allen Kindern ursprünglich eigene Lust an Kreativität und fantastischem Spiel bei Traumatisierung oder schwierigen sozialen Verhältnissen leicht verkümmert. Fantasie braucht nun mal Freiraum und Luft zum Atmen. Es versteht sich von selbst, dass all jene, die auf absoluten Wahrheiten bestehen, wie Ideologen, Fundamentalisten, Dogmatiker und Positivisten die Fantasie ersticken.

Es steht außer Frage: Alles Denken, das Neues schafft, bedarf der Fantasie. Sie macht uns zum Schöpfer wie Entdecker von Welten. Mit ihrer Hilfe vermögen wir nicht nur, über uns selbst hinauszudenken, sondern uns auch empathisch in andere hineinzuversetzen. Fantasie ist unverzichtbar zur Weltaneignung und -gestaltung, der mikrokosmischen eigenen wie der gesamtgesellschaftlichen makrokosmischen. Durchaus im Sinn von Joseph Beuys’ meist malträtiertem Anspruch, nach dem jeder Mensch dank seiner Fantasie ein Künstler sei. Also: Mehr Mut zur Fantasie!

 

Eva-Maria Reuther im OPUS Kulturmagazin Nr. 80 (Juli / August 2020) für das Schwerpunktthema Fantasie

 

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