Die erste Frau an der Spitze der Karlsruher Kunsthalle – Vor 130 Jahren wurde Lilli Fischel geboren

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Am 14. Januar 1891 – heute vor 130 Jahren – wurde Lilli Fischel (eigentlich Luise Fischel) in Bruchsal geboren. Sie lenkte von 1927 bis 1933 die Geschicke der heutigen Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

 

Ab 1909 studierte Fischel in Karlsruhe Kunst, daran schloss sie ein Studium der Kunstgeschichte und der Archäologie an den Universitäten Freiburg und Frankfurt an; 1919 wurde sie mit einer Arbeit über spätmittelalterliche Plastik promoviert. 1925 kehrte Lilli Fischel nach Karlsruhe zurück und trat eine Stelle als „Wissenschaftliche Hilfsarbeiterin“ (Volontärin) an der Kunsthalle an. Gemeinsam mit dem damaligen Direktor Willy Storck engagierte sie sich entschieden für die Durchsetzung der Moderne in der Kunsthalle. Nach Storcks frühem Tod 1927 übernahm sie die Dienstgeschäfte allein, wurde jedoch nie offiziell ins Direktorenamt berufen: Seit 1928 agierte sie als Konservatorin, 1930 wurde sie kommissarisch mit der Führung der Geschäfte des Direktors beauftragt, während man gleichzeitig nach einem Nachfolger für Storck suchte. Ihre zahlreichen Eingaben beim zuständigen Kultusministerium, mit denen sie um ihren Aufstieg gekämpft hatte, blieben erfolglos.

 

Anfang 1933 wurde Lilli Fischel aufgrund ihres Engagements für moderne Kunst zunächst beurlaubt und kurz darauf wegen ihrer jüdischen Abstammung entlassen. Noch im selben Jahr ging sie nach Paris, kehrte aber 1939 nach Deutschland zurück, wo sie – während der Kriegsjahre wohl anonym – als Kunsthändlerin tätig war. Nach 1945 arbeitete sie als Kunsthändlerin und Autorin kunstwissenschaftlicher Texte weiter. 1952 bis 1956 war sie erneut an der Karlsruher Kunsthalle in der Funktion als Hauptkonservatorin und Leiterin des Kupferstichkabinetts tätig. Lilli Fischel verstarb am 28. Dezember 1978 in Karlsruhe.

 

In ihrer Amtszeit setzte Lilli Fischel trotz zahlreicher Widerstände aus den Kreisen der konservativen Künstlerschaft, der Kunstkritik und der Öffentlichkeit die fortschrittliche Kunst- und Ankaufspolitik ihres Vorgängers fort und trieb die Erweiterung der modernen Abteilung voran. So kuratierte sie eine Ausstellung zu Vincent van Gogh und erwarb unter anderem Werke des Impressionismus und der Neuen Sachlichkeit, darunter Corinths „Bildnis Frau Charlotte Berend-Corinth im Garten“, Courbets „Bildnis des Dichters Pierre Dupont“, Liebermanns „Gemüsemarkt in Amsterdam“ sowie Werke von Barlach und Kokoschka. Als wichtige Erwerbung muss das Gemälde „Die Landstraße“ von Edvard Munch gelten, das 1933 vom damaligen Direktor Adolf Bühler verkauft wurde und sich heute im Kunstmuseum Basel befindet.

„In den wenigen Jahren ihrer Tätigkeit vor dem Krieg hat Lilli Fischel sichtbare Spuren in der Kunsthalle hinterlassen. Es ist sehr erfreulich, dass sie derzeit als engagierte Anwältin der Moderne und Pionierin im Museumswesen wiederentdeckt und ihr Wirken gerade von jüngeren Kunstwissenschaftlerinnen erforscht wird“, so Pia Müller-Tamm, die Direktorin der Kunsthalle.

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