Der Sozialstaat als Milchkuh. – Das Theater Trier zeigt „Cash und ewig rauschen die Gelder“ von Michael Cooney.

Szene aus Cash – © Simon Hegenberg
 


von Eva-Maria Reuther
 
„Wer hat, dem wird noch gegeben“. Falsch. Das ist keine Kritik an der Steuerpolitik, sondern ein Erfahrungsbericht des biblischen Apostels Matthäus hinsichtlich der Eigendynamik von Talenten. Eine ähnliche Erfahrung macht der arbeitslose Eric Swan in Michael Cooneys Komödie „Cash und ewig rauschen die Gelder.“ Die Talente des gekündigten Angestellten der örtlichen Stadtwerke, der seiner Frau den Stellenverlust verschwiegen hat, sind von ganz spezieller Art. Als das Sozialamt seinem längst ausgewanderten Mieter unbeirrt seine Unterstützung weiterzahlt, kommt Swan auf den Geschmack und macht daraus eine erfolgreiche Geschäftsidee. Einfallsreich erfindet er eine ganze Korona leistungsberechtigter Hausbewohner und Kinder, sowie allerhand Gebrechen. Derart aufgestellt, kassiert er alles, was der Sozialstaat im Angebot hat, von diversen Renten über Arbeitslosen-,Kinder- und Krankengeld bis hin zur Schulmilch der Kinder und Sachzuwendungen wie Umstandskleidung und Korsetts. Mit letzteren betreibt Swan ein einträgliches Zusatzgeschäft. Alles in allem bringt er es dabei auf stattliche 25.000 Pfund Einkünfte pro Jahr. Das geht solange gut, bis ein Außenprüfer des Sozialamtes vor der Tür steht. Cooneys Bühnenstück gehört zu den beliebtesten Komödien gleichermaßen auf den Bühnen deutscher Theater wie denen der Theatervereine. Jetzt hat Caroline Stolz die Satire über den naiven Sozialstaat, der voll Vertrauen in die eigene Bürokratie, seine Akten schon für die ganze Welt nimmt, für das Trierer Theater inszeniert. (Übertragung ins Deutsche Paul Overhoff). Cooneys sozialkritisches Stück ist kein Kracher. Es lebt vom feinen Wortwitz und dem dichten Netz aus Verwechslungen. Mit Tempo und viel dramaturgischem Kunstgewerbe hat Stolz die Satire, deren groteskes Wesen in der ironischen Brechung alltagsgrauer Normalität liegt, aufgepeppt und daraus eine grelle Sitcom gemacht. Dazu hat Jan Hendrik Neidert die Bühne auf einen schmalen Korridor reduziert, durch dessen zahlreiche Türen das meist erregte Bühnenpersonal nach dem Motto „Tür auf, Tür zu“ hektisch auf- und abgeht. Davor verwickelt sich Swan (Wolfgang Böhm) heillos in sein Netz aus Lügen. Stolz setzt einmal mehr auf pralle Komik, drastische Effekte und Slapsticks. Nebel- und Windmaschine sind im Einsatz, wenn Mr. Jenkins (Sebastian Muskalla) vom Sozialamt im Sturm vor die Haustür geweht wird, wie der Inspektor von Scotland Yard aus dem Krimimuseum. Die Türen knallen den Akteuren vor den Kopf und die zum Teil völlig überzeichneten Figuren wirken weithin wie personifizierte Running Gags. Marie Scharfs Auftritt als Heulboje Brenda Dixon würde allerdings nicht mal mehr im ambitionierten Schultheater durchgehen, ebenso wenig wie die gebastelte Leiche des vermeintlich an einer Tropenkrankheit verschiedenen Onkels. Als einziger überzeugt Fabian Stromberger in der Rolle des ahnungs-und arglosen Freundes Norman Bassett. Die Komödie sei das Einzige, das uns noch beikomme, hat Friedrich Dürrenmatt einst befürchtet. Bei so viel dramaturgischem Gegenwind wie in Trier dürfte das schwierig werden. Was als Satire einsichtiges Lachen zeitigen soll, versandet hier in Jux und Klamauk. In Cooneys Originaltext wird Swan, nachdem sein Betrug aufgeflogen ist, nicht wie erwartet der Justiz übergeben. Angesichts seiner Erfahrung als hochtalentierter Sozialbetrüger wird er von der Stelle weg als Ermittler von eben der Behörde engagiert, die er betrogen hat. Auf solcherart Paradoxie, die erst ( ebenfalls nach Dürrenmatt) die Wirklichkeit sichtbar macht, verzichtet Stolz. Ihr Swan hat lediglich schlecht geträumt. Im Raum steht am Ende, dass sich womöglich Freund Norman künftig am Sozialstaat bedient. So beendet wird Cooney`s Satire nicht nur entschärft, sie wird auch als Gesellschaftskritikerin entmündigt.

Weitere Termine:
4. und 15. April, 31. Mai,
jeweils 19.30 Uhr,
Theater Trier Großes Haus

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