Das öffentliche Theater als Spiegel der Gesellschaft – Sein Bildungsauftrag und sein Beitrag zum demokratischen Diskurs

von Eva-Maria Reuther

Medea Monolog © Andrea Kremper

Es gibt in dieser Welt nichts und niemanden, dessen bloßes Sein nicht einen Zuschauer voraussetzte“, schrieb Hannah Arendt in ihrer wunderbaren Schrift „Vom Leben des Geistes“. Kaum irgendwo wird solche Abhängigkeit zwischen Sein, Erscheinung und der Notwendigkeit ihrer Wahrnehmung so unmittelbar und beispielhaft erfahren wie im Theater. Auf dem Gemeinschaftserlebnis von Spielern und Publikum gründet seine Wirkmacht. Wie alle Kunst ist auch das Theater stets Ausdruck seiner Zeit. Ihrem Wissen, ihrer Ideenlage und ihren darin überkommenen Traditionen bleibt es verhaftet. Auf sie reagiert es, sie hinterfragt es. Im Umkehrschluss kann das Theater auch nur sein Publikum erreichen, wenn es von ihm als aktuell erfahren wird. Unser Theater lebt vom Geist der Aufklärung Deutschland besitzt nicht nur eine einmalige Dichte an Theatern, sondern auch mit seinen Stadt-, Staats- und Landestheatern die großartige Tradition des öffentlich geförderten Theaters. Es entstand als Gegenentwurf zum höfischen Theater des Absolutismus, das der Unterhaltung und Selbstdarstellung seines Herrschers diente. Das öffentliche Theater geht aus dem Geist der Aufklärung hervor und dem eines sich emanzipierenden bürgerlichen Selbstbewusstseins, das seine Werte wie sein Repräsentationsbedürfnis im Theater verbildlicht und vermittelt sehen wollte. Als Einrichtung der Kulturpflege und der kulturellen Versorgung ist dem öffentlich geförderten Theater unserer Tage der Bildungsauftrag wie der Emanzipationsanspruch geblieben. Im Theater soll der Besucher die Möglichkeit erhalten, die eigene Individualität und Identität zu reflektieren und auszubilden, sich seiner gesellschaftlichen Lage bewusst zu werden und mittels der künstlerischen Auseinandersetzung am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen, auch dem kritisch widerständigen. Dazu wird das Theater subventioniert. Und damit ist es von seiner Idee her eine zutiefst demokratische Einrichtung. „Wir kriegen das Geld vor allem, um Widerstand zu leisten gegen die Mächtigen, gegen die schlechten Sitten, gegen die Korruption, gegen das Verbrechen, gegen den Faschismus, gegen den Antisemitismus“, hat Claus Peymann bewusst provokant aber unverändert aktuell formuliert. Damit steht er in der unmittelbaren Tradition der „moralischen Anstalt“ Schillers und Bert Brechts epischem Theater. Auf den öffentlichen Brettern, die die Welt bedeuten steht die Wahrheit der Person wie die der Gesellschaft zur Debatte. „Die Theater spiegeln die gesamtgesellschaftlichen Probleme und Ängste, die Herausforderungen einer Demokratie in ihren Spielplänen“ – so Marc Grandmontagne vom Deutschen Bühnenverein. Unterhaltsam darf es dabei durchaus zugehen. Seit jeher ist die Komödie die charmanteste Form der Kritik. Theatermachen ist ein offenes Programm, das wie alle Zeiterscheinung dem Wandel unterliegt. Das gilt gleichermaßen für den künstlerischen wie thematischen Wandel, die Rückbesinnung auf Traditionen wie den Bruch mit ihnen. All das geht üblicherweise mit permanenten Kontroversen und Krisen des Theaters einher bis zur Ankündigung seines nahen Todes. „Krise ist immer“, hat Botho Strauß quasi als Existenzbedingung des Theaters formuliert. Gestritten wird nicht nur um Geld oder hierarchische Strukturen und Arbeitsbedingungen, sondern auch um Ideenlagen und Ästhetiken. An ihnen herrscht inzwischen eine enorme Vielfalt. Darunter das Schauspielertheater, das Erzähltheater, das politische Theater sowie das Theater, dessen Ästhetik sich selbst genügt, wie das von Robert Wilson. Die nachhaltigste Innovation hat das moderne Theater zweifellos durch das so genannte Regietheater erfahren, das sich bis heute gegen den Vorwurf der Regie-Willkür verteidigen muss. Dabei ist das Regietheater im Grunde nichts anderes als die Entlassung des Theaters aus seinem Dienst als Unterhaltungsmedium und seine Erhebung zu einer Kunstform, bei der nicht der zugrunde liegende literarische Text szenisch aufgelöst wird, sondern der Regisseur als gestaltender und interpretierender Künstler in Aktion tritt, der Texte destilliert, analysiert und kristallisiert. Im gelungenen Fall führt solch ein Vorgehen zur Erhellung und Aktualisierung. Gewiss wurde dabei auch schon so mancher Text zum Steinbruch, dessen Geröll-Lawinen den Regisseur am Ende erschlugen. Ähnliches lässt sich vom postdramatischen Theater und seinem dekonstruktivistischem Ansatz sagen, dessen prominentester Vertreter Frank Castorf ist. Sinnstiftend und ästhetisch überzeugend zu einem neuen Kosmos mit anderen Versatzstücken verfugt, bedeuten solche postdramatischen Inszenierungen nicht Zertrümmerung einer literarischen Vorlage, sondern Horizonterweiterung. Das Theater lebt von der Bildfindung und -schöpfung. Dabei hat es seit dem letzten Jahrhundert erheblich Konkurrenz von den neuen visuellen Medien, von Film und Fernsehen bekommen. Gerade letzteres mit seiner massenmedialen Wirkmacht, seiner permanenten Präsenz und seiner Soap-Kultur dürfte erheblich die Sehgewohnheiten des zeitgenössischen Publikums geprägt haben. Videos und Filmeinspielungen gehören heute zu den selbstverständlichen dramaturgischen Mitteln. Allerdings sollte sich das Theater seiner spezifischen Eigenart bewusst bleiben. Nicht nur, dass es in der Abbildung der Realität dem Film hoffnungslos unterlegen ist. Im Unterschied zur Illusionsfabrik Film lebt das Theater vom Sinnbild und der Symbolik. Das Publikum liebt das Theater Das Publikum steht offensichtlich hinter seinen öffentlichen Theatern, wie der Blick auf die Statistik zeigt. Unverändert 140 von der öffentlichen Hand getragene Theater gab es in der Spielzeit 21016/17 in Deutschland. Im Vergleich der letzten sechs Spielzeiten ist die Besucherzahl mit 20 bis 21 Millionen Besuchern pro Spielzeit etwa gleich geblieben, ebenso wie die Kostendeckungsquote. Bemerkenswert ist die etwa fünfprozentige Zunahme der Teilnehmer an Einführungs- und anderen theaternahen Rahmenveranstaltungen. Ein Beleg, dass das zeitgenössische Theaterpublikum durchaus bildungsfreudig und Neuem gegenüber aufgeschlossen ist. Wenn dieser Tage dennoch vom Theater in der Krise gesprochen wird, so liegt das vor allem an den hochverschuldeten öffentlichen Haushalten. Ihretwegen tun sich politische Mandatsträger häufig schwer damit, vor ihren Wählern die hohen Theater-Subventionen zu rechtfertigen. Vielerorts droht das öffentliche Theater so zum Opfer einer populistischen Politik zu werden, die einzig mit den Füßen abstimmen lässt und die Qualitätsdebatte auf eine Akzeptanzdebatte reduziert hat. Derart unter Druck sich wohlfeil zu machen, entscheidet sich so mancher Theatermacher für das kunstgewerbliche Fun-Theater einer Spaßgesellschaft, statt für das Wagnis künstlerischer Qualität und Ernsthaftigkeit. Keine Frage: das öffentliche Theater muss nahe an seinem Publikum sein. Kein Bewerber auf eine Intendanten- oder Spartenleiterstelle versäumt inzwischen zu betonen, man spiele für die Menschen der Stadt und der Region. Die Realität beschränkt sich dann aber weitgehend auf einen vermuteten Kunstgeschmack und die Aufarbeitung regionalhistorischer und erinnerungskultureller Themen. Dem Konfliktpotential, das dem Antagonismus von öffentlicher Subvention und kritischen Auftrag systemimmanent ist, geht man gern aus dem Weg und verweist es auf die freie Szene. Experiment und Avantgarde fördern Wenige Theatermacher sind so mutig , wie die ehemalige Bonner Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp, unter deren Spartenleitung Themen wie die Bonner Stadtentwicklung, die örtliche vertretene Salafistenszene oder der Missbrauchsskandal am Jesuitenkolleg zur Diskussion gestellt wurden. Krisen bewältigen heißt auch beim öffentlichen Theater, Gegenwart zu analysieren, um Zukunftsfähigkeit zu schaffen, gerade für die kleineren und mittleren Häuser. Wenig förderlich ist dabei die Fokussierung auf die großen Zentren der Theaterwelt allen voran Hamburg, Berlin und München, zwischen denen – vergleichbar mit den Musikfestivals – ein gleich bleibender selbstreferentieller Wanderzirkus an Regisseuren und Schauspielern rotiert. Während die durchaus künstlerisch interessante, verdienstvolle Arbeit der restlichen vielfältigen Theaterlandschaft meist nur regional wahrgenommen wird. Zudem ist auch bei den Theatern inzwischen eine weder Vielfalt noch Eigenprofil fördernde zeitgeistige Bestsellermentalität zu beobachten, die Rankings der beliebtesten Stücke veranstaltet. Dass Jugendarbeit wie wirtschaftliches Arbeiten unabdingbar für die Zukunftssicherung sind, ist selbstverständlich. Wie alle Kulturförderung soll auch die des öffentlichen Theaters Experiment und Avantgarde fördern. Eins steht fest: das öffentliche Theater abzuschaffen heißt, ein Stück Demokratie abzuschaffen. ■ Eva-Maria Reuther

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