„da sein“ – Saarländische Galerie in der Berliner Charlottenstrasse

© Katja Strunz: Backbone Track, 2017, Stahl, VW Käfer -Teile, Holz/ steel, VW Käfer hoods, wood, 214 x 200 x 200 cm

Der Ausstellungstitel darf getrost programmatisch gelesen werden – „da sein“ als Desiderat in virulenten Zeiten – und das Vorhandensein  und auch Gezeigtwerden- können von Kunst als ebenso wesentliche Option. Nun war diesmal die Vernissage in der Saarländischen Galerie ungewohnt  wortkarg – ohne herzliche Begrüssungs – & kluge Einführungsreden. Grosse Freude allerdings darüber, dass ein vorläufiges Weiterbestehen des inzwischen ja traditionsreichen Ausstellungsforums gesichert scheint. Und die übliche Sommerpause ignoriert werden konnte. Das Publikum betrat in erlaubt kleinen Gruppen die Räume – und sah sich konfrontiert mit sechs hochkarätigen Garant(inn)en für reflektionsintensive Gegenwartskunst – alle mit einer Beziehung zum Saarland. Und alle mit derzeitigem Wohnort Berlin. Und alle bereits weltweit künstlerisch unterwegs.

Prominentester Vertreter – zumindest, was den gegenwärtigen Marktwert angeht – ist  wohl Gregor Hildebrandt, Jahrgang 1974 und seit fünf Jahren mit einer Professur für Malerei & Grafik an der Akademie der Bildenden Künste in München betraut.  Er spielt faktisch mit dem Medium Ton – zerschneidet Kassetten & Schallplatten, collagiert Bändersalat & Vinylschnipsel zu minimalistischen und eigen-sinnigen Flächen oder  Skulpturen mit häufig sehr poetischen Titeln. Nur einige Beispiele: „Der Raum ist die Miete“ von 2019 , „Tönend hallt die Jugend“  von 2018 oder „Alle Schläge sind erlaubt“  aus dem Jahr 2017. Das hier präsentierte Tableau „Gedanken formen doch ein Bild“ verweist auf just dieses  programmatische Anliegen, die medialen Überträger von Daten & Tönen zu optischen Statthaltern visueller Information zu überreden und sie in bildnerisch-gestalterischer  Zweckentfremdung mit einer gehörigen Portion Poesie auszustatten – was ihr neuer Rufname zeigt.  Hildebrandt war unter anderem 2012 auch im Saarländischen Künstler-haus in Saarbrücken mit „Ein Koffer aus Berlin“ zu erleben  und drei Jahre später mit einer Einzelpräsentation im Saarlandmuseum:  überzeugten Saraviensern also gewiss kein Unbekannter.

Zentral im grossen Raum die Installation von Katja Strunz,  Jahrgang 1970 – Teile des wohlvertrauten VW-Käfers : als Memorabilien einer Epoche wirkungsvoll aufgebahrt und zugleich erschreckend assoziativ in ihrem Zerstörungsmodus. Solche Verheerung kriegt ein grauslicher Unfall hin – der englische Titel „Backbone Track“ verweist auf Rückgrat & Spur und macht die Schrottplastik in ihrem zugegeben ästhetisch fast grazilen Gehalt wunderbar widersinnig. Und nachdenklich. Nicht nur wegen der putzigen Abdrücke von Pfötchen auf dem blauen Kühlerfragment… Auch Katja Strunz ist weltweit an prominenten Orten als Künstlerin vorgestellt worden – und ihre Arbeiten wurden ebenfalls bereits im Saarland Museumvorgeführt: ich erinnere mich an den „Einfall der Vier“, eine monumentale Skulptur aus Stahl.

Daneben an den Wänden die zunächst haptisch ungeheuer anziehenden plastischen  Gebilde von Minor Alexander, 1981 in der Ukraine geboren.  Seine Muttersprache ist russisch, doch die Vorfahren sind Deutsche, die zu Zeiten von Peter dem Grossen auswanderten.  Ich habe die Skulpturen, deren Titel auf mineralische Kostbarkeiten verweisen und die in edle Pigmenthäute gehüllt, sind ganz heimlich & ganz zart berührt: wie zarte Mäusepelzchen fühlte sich die farbigen Schaumstoffgebilde an. Verfremdung pur? Gut möglich – listig, hintersinnig und frech sind die mir bekannten Arbeiten von Minor allemal – das reicht von „feministischen Skeletten und Tonskulpturen“ bis zu Paraphrasierungen wohlbekannter Kunstwerke aus dem Kanon der Berühmtheiten, von Pablo bis Vincent. Und dazwischen „Jetzt wird’s ernst, Herr Berlinskij – oh, Verzeihung, ich meine Kandinsky“.  Ein ganzer Komplex von Arbeiten widmet sich diesem Thema – hier zwar nicht vorgeführt, aber der Hinweis auf diese These des  Künstlers muss auch noch sein: „Wir machen Luxuskunst“.

Eine Trouvaille in meinen Augen stellt ebenfalls die 1980 im Saarland geborene Emma Adler dar – der Name ist ein Pseudonym, wie zu erfahren war. Kompliziert und bei aufmerksamem Betrachten dann doch nicht nur sinnlich erfahrbar, sondern auch von der Konstruktion her begreifbar schien mir die Installation aus glänzenden Polycar-bonatplatten, Spiegeln, Tapeten  und LED-Röhren. Ein irritierender Schacht von schier unendlichen Ausmassen tut sich da auf, verschlingt das Gegenüber, verlangt nach  Abstand & zieht zugleich unwiderstehlich an. Es passt in das künstlerische Konzept der Urheberin, die „Installationen wie Bühnenräume“ erschafft, streng und bombastisch, wie  das eine Kritik formulierte. Schein und Sein werden mitformuliert in dieser Kiste, Schön-heit und Schrecken, Virtual reality, Fake und Copy stehen Pate – sehr jetzt-zeitige Parameter und konsequent gedanklich durchformuliert.

Und schliesslich die Arbeiten von Stoll & Wachall, zwei inzwischen ebenfalls prominente  und dem Saarland verbundene Künstlerinnen, die hier sowohl im vertrauten Zweier-pack als auch einzeln ihr Ansinnen eindrucksvoll vorstellen. Beide sind Absolventinnen der HBK Saar: Jacqueline Wachall studierte Malerei bei  Bodo Baumgarten, Klaudia Stoll Neue Medien bei der renommierten Ulrike Rosenbach. Beide schlossen als Meisterschü-lerinnen ab und firmieren seit 1997 als weltweit aktives Künstlerinnen-Duo. Von beiden gemeinsam stammt das Video „Kuschmiduba“ – eine Art Auseinander-setzung respektive humorvoll-ironisch-gender-konnotierte Illustration weiblichen Rollenspiels  im Tschador- eher sozialer Rollenzuweisung- in einer männerdominierten  und vorwiegend muslimisch geprägten Gesellschaft.  Von Jacqueline Wachall dann jene im Eingangsraum die vollen Lippen schürzende Sequenz reizender weiblicher Münder – Erotik pur. Und daneben  die sog. Schnapsedition, zum echten Berauschen gedacht , in Apothekerflaschen abgefüllte Kräutermischung mit Blutwurz – ein Destillat zum Bekämpfen von Weltschmerz, wie zu erfahren und das wohlfeil zu erwerben ist.  Wohl bekomm’s!

© Stoll & Wachall; Kuschmiduba Variation Beige / Rosa; HD Video 16:9, 2020, Edition: 5 (2)

Und schliesslich, im abschliessbaren Separée – ein dicker Band mit (mir) bislang unbekannten Skizzen von Klaudia Stoll – eher spontane Selbstfindungs- & -Reflektions-paraphrasen, Wortsegmente und Textbrösel, autobiografisch beziehbar, dennoch verrätselt. „Der Körper spricht“, heisst es einmal, oder – an anderer Stelle „Ich – gibt es das- und wo ist das in mir?“ Dazu eben jener bewusst kunstlose Zeichengestus , ruppig und auf eine Art intensiv, die anrührt.

Was diese Generation von heutigen Künstlerinnen & Künstlern eint ist sichtlich nicht das Abbilden von sondern eher die Antwort auf  visuelle & virtuelle  (Um)Welt & Gegenwart.

 

Ingeborg Koch-Haag

bis 14. August – Dienstag bis Freitag – 14 – 18 Uhr

 

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