Bubikopf und Charleston im Historischen Museum Saar

Die Zwanziger im Saarland

Blick in die Ausstellung, Inszenierung Café Monopol mit Charleston-Kleid ©Historisches Museum Saar, Foto André Mailänder

Der Fernseh-Mehrteiler „Berlin Babylon“ drängt sich sofort auf, wenn von den „Goldenen Zwanzigern“ des vergangenen Jahrhunderts die Rede ist. Saarbrücken ist natürlich nicht Berlin, aber am Ende durchweht doch mehr als nur ein laues Lüftchen das Historische Museum Saar, als die dramatischen Modernisierungen der Reichshauptstadt auch die Region an der Saar erreichten. Frauen trugen Bubikopf, besser Betuchte amüsierten sich bei Charleston und nicht minder prickelnden Getränken. Straßenbahnen, Omnibusse, Motorräder standen auch hierzulande für die neu zu entdeckende Mobilität, immerhin waren im Saargebiet 11.000 Autos gemeldet. Mode war angesagt, wer es sich in der Saarbevölkerung leisten konnte, investierte 15 Prozent seines Einkommens in textile Roben. Elektrizität hieß das Zauberwort, der Staubsauer „Vampyr“ erleichterte die Hausarbeit ebenso wie angsteinflößende Dauerwellen-Gerätschaften. Da blieb dann auch die nötige Zeit für Kinobesuche: 38 Lichtspielhäuser zählte man 1925 an der Saar. Zur Einweihung des Union-Theaters am 5. Oktober 1922 spielte man „Das Weib des Pharaos“, bei dem die beiden Mitglieder der jüdischen Saar-Gemeinde John (Kinobesitzer) und Paul Davidson als Produzenten eine wichtige Rolle spielten, übrigens unter der Regie von Ernst Lubitsch mit Emil Jannings in der Hauptrolle. Hauptstadt-Flair an der Saar! Die Stadt mauserte sich zur „Metropole des Westens“, Theater, Museum, Tanzveranstaltungen waren angesagt, auf Normalverdiener warteten die Kirmes und der Boxkampf.

Mit modernster Technik katapultiert sich das Historische Museum Saar hundert Jahre zurück. Im Museum selbst gibt es Tag-Nacht-Effekte, denn die Nacht war auch in Saarbrücken nicht nur zum Schlafen da. Jakob Hinrichs hat eine coole Animation der Saarbrücker Innenstadt aus jenen Tagen geschaffen, das Institut K8 steuert interaktive Module vom Kinoraum bis hin zur abwechslungsreich multimedial gestalteten Museumsfassade bei. Kurzum: ein großes Vergnügen für Menschen jeden Alters.

Burkhard Jellonnek im OPUS Kulturmagazin Nr. 77 (Januar / Februar 2020) auf S. 154 f.

Ausstellung “Die 20er Jahre. Leben zwischen Tradition und Moderne im internationalen Saargebiet” bis zum 24.5.2020.

Weitere Informationen: www.historisches-museum.org

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