Bruckner neu gelesen “Der neue Chefdirigent der Deutschen Radio Philharmonie mit seiner besonderen Hommage an Stanislaw Skrowaczewskki” von Friedrich Spangemacher

Gleich zu Anfang seiner Zusammenarbeit mit der Deutschen Radio Philharmonie dirigierte Pietari Inkinen ein Gedenkkonzert für den kürzlich verstorbenen, hochgeschätzten Ehrendirigenten des Orchesters, Stanislaw Skrowaczewski. Es war ein Programm, das der Geehrte eigentlich noch selbst hätte dirigieren wollen. Doch nun ist es ein Programm „in memoriam“ geworden. Der neue Chefdirigent hatte seine eigenen Deutungen für die Werke, die im Zentrum des Repertoires von Skrowaczewski lagen und er hat damit das Saarbrücker Publikum verblüfft und es mit seiner jugendlichen Unbeschwertheit letztlich auch hingerissen. Aus den Endzeitstücken waren neue Welten, Öffnngen entstanden. Richard Strauss’ „Metamorphosen“ waren hier kein Abschied, sondern ein Gesellschafts- und Konversationsstück mit farbigem Innenleben, mit großer Spannung musiziert, und mit schönem Klang erarbeitet. Das gab einen lebendigen Einblick in die Vielfalt der 23 Streicherstimmen, die alle zu ihrem Recht kamen.

Dann aber Bruckner 9. Sinfonie, sein Abgesang, sein Abschied von der Welt, dem lieben Gott persönlich gewidmet. Die Dichte der Textur, die Innigkeit, die man von Skrowaczewski bei Bruckner kannte, fehlte hier; wer darüber enttäuscht war, der wurde schnell eines Besseren belehrt. Inkinen nahm den Hörer mit auf eine neue Reise; kein „memento mori“ sondern Aufbruch war. Inkinen ließ gern die etwas abseitgen Wege der Partitur zum Strahlen kommen, er entwickelt Klangfarben, die – etwa im letzten Adagio – gelegentlich schon an Debussy mahnten. Er konnte die Musik quasi explodieren lassen, und gab viel Raum für ostinate Rhythmen, bei denen man schon fast Strawinsky im Kopf haben konnte. Inkinen bewegte sich wie auf eine Rasierklinge, an der man sich bös hätte schneiden können, was hier aber für eine phantastisches Abenteuer sorgte. Skrowaczewski hätte mit seiner Deutung der Neunten den Himmel geöffnet, Inkinen hat unseren Blick in den bunte expansive Weltall gegeben. Diesem Ansatz konnte sich kaum jemand im Saal entziehen. ‘Der König ist tot, es lebe der König’ hätte man sagen können, danach gefragt, welche Rolle Inkinen denn gespielt habe, welche Antwort er dem Altmeister gegeben habe. Wem das vielleicht zu weit ging der hat Bewährtes nicht verloren. Inkinen hat sich nämlich sehr auf die Klangpalette, die Skrowaczewski dem Orchester eingegeben hat, verlassen können, und er hat damit auch weitergearbeitet, in einer perfekten Kontinuität. Aber doch gab es seine – durchaus nordisch angehauchte – Deutung. Großartig.

Foto:(C)Tom Oettle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.