Aus der Not eine Tugend machen

Kultur in Zeiten der Corona-Pandemie

Kuratorin Dr. Gabriele Pieke bei Video-Aufnahmen in der Sonderausstellung „Yesterday – Tomorrow” der Reiss-Engelhorn-Museen © rem, Foto Maria Schumann

„Wir erkennen in dieser Situation: Kultur ist nicht ein Luxus, den man sich in guten Zeiten gönnt, sondern wir sehen jetzt, wie sehr sie uns fehlt, wenn wir für eine gewisse Zeit auf sie verzichten müssen.“ Mitte März gingen diese Worte der Kulturstaatsministerin Monika Grütters in den Sozialen Medien viral. Inzwischen ist das Kulturleben, wie wir es kennen, gänzlich zum Erliegen gekommen. Fast alle Kulturinstitutionen in der Großregion sind geschlossen, viele werden je nach Gefahrenlage erst im Mai oder gar später wieder öffnen. Auch wenn sich Kulturliebhaber*innen dadurch auf einer Durststrecke ihres liebgewonnenen Freizeitverhaltens befinden, trifft es die Institutionen und vor allem freischaffende Künstler*innen deutlich härter: Sie durchleben eine existenzgefährdende Krise. Zwar werden von politischer Seite Finanzhilfen (auch für Selbstständige und Kleinunternehmer*innen) angekündigt, in den ersten Wochen der Krise konnte der Kultur-, Kreativ- und Medienbranche mit wirtschaftlichen Notfallmaßnahmen wie Sofortkrediten, Zuschüssen und Zeitarbeitergeld jedoch nicht geholfen werden.

Nun lieben wir die Kunst, in all ihren Facetten, ja primär für ihre Kreativität, für Erfindungsreichtum und neue Wege. Und tatsächlich: Wo bisher viele Häuser in alten Mustern feststeckten, wird das scheinbar Unmögliche nun einfach umgesetzt: Kultur ist digital erlebbar. Virtuell können wir durch Museen und Galerien schlendern, uns besondere Stücke der Sammlung über Social Media anschauen und selbst das Theater kommt via Streaming direkt zu uns nach Hause. Mal werden ganze Vorstellungen online übertragen, gegebenenfalls als Teil einer Spendenaktion oder Crowdfundingkampagne, mal lernen wir die Akteur*innen des Betriebs über Behind-The-Scenes-Videos ganz privat kennen. Interaktivität steht stärker im Mittelpunkt, der Kontakt zum Publikum: gerade in Zeiten der „sozialen Distanz“ elementar. Das Team des Arrival Rooms aus Saarbrücken hat aus der aktuellen Not gar eine Tugend gemacht: Innerhalb weniger Tage stellten sie das „Social Distancing Art Festival“ auf die Beine, bei dem zuerst online und später in den üblichen Räumlichkeiten ausgestellt wird. „Die dabei entstandene Kunst wird als Dokumentation der aktuellen Geschehnisse dienen. Wir denken, dass das Thema Social Distancing über die Corona-Krise hinaus relevant bleibt und dass die Debatte lebhaft sein wird“, so Eugen Georg. 

Durch Hilferufe wie #aktionticketbehalten, bei der Besucher*innen aufgefordert werden, auf Rückerstattungen bereits erworbener Tickets zur finanziellen Unterstützung der Veranstalter*innen zu verzichten, versucht die Szene sich am Leben zu halten. Wie wird es weitergehen, wenn die Häuser wieder ihre Türen öffnen dürfen? Im besten Fall kehren wir eben nicht zurück zum Status quo, sondern ziehen einen Nutzen aus den neuen Kanälen und Strukturen: Stellen sich Opern, Theater und Museen virtuell einer breiten Öffentlichkeit vor, können neue Besucher*innen gewonnen werden. Kultur wird grenzüberschreitend erlebbar, unabhängig von Raum, Zeit und jeglichen Eintrittsbarrieren.

Auch das OPUS Kulturmagazin berichtet längst nicht mehr ausschließlich im Printformat. Die Website ermöglicht es uns, tagesaktuell – und das besonders in diesen Zeiten der Ungewissheit – über die Kultur in der Großregion zu informieren. Hoffnungsvoll und solidarisch mit allen Kulturschaffenden blicken wir auf die kommenden Wochen und wünschen uns, dass jetzt gerade, während Sie diese Zeilen lesen, der Höhepunkt der Krise bereits überstanden ist.

Tanja Block im OPUS Kulturmagazin Nr. 79 (Mai/Juni 2020) in der Rubrik Kulturpolitik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.