Aufgewischt und hell beleuchtet – Caroline Stolz inszeniert „Hinter der Fassade (Die Kehrseite der Medaille)“ am Theater Trier

Foto: (C)Simon Hegenberg

Freunde gediegener Decken-und Stehleuchten kommen hier voll auf ihre Kosten. In eine Art Lampenausstellung hat Ausstatterin Susanne Weibler die Studiobühne  des Theaters Trier verwandelt. Dazwischen stehen zusammengewürfelt ein paar  Möbel, wie sie mancherorts als Vintage  bezeichnet werden, andernorts als Sperrmüll. Das traute Heim gehört Verlagslektor Daniel und  Lehrerin Isabelle, die zur Korrektur ihrer Schülerarbeiten offenbar Klebriges nascht und sich die Finger an der schmuddeligen Tischdecke abwischt. Derweil ist ihr Mann mit dem heimlichen Öffnen einer Flasche und der Frage „Wie sag ich`s meiner Frau?“ beschäftigt. Wobei er mächtig zittert. Was er mitzuteilen hat, ist schließlich die sensible Nachricht, dass er ihren alten Freund Patrick mit seiner neuen Partnerin Emma eingeladen hat, ein Neuzugang, dem Isabelle zutiefst misstraut. Wir sind augenblicklich erleuchtet. In der Beziehung von Daniel und Isabelle sind längst die Lichter und der Ofen aus. Die reichlich angestaubte, aber gut beleuchtete Idylle ist Makulatur. Mit Florian Zellers Komödie „Hinter der Fassade (Die Kehrseite der Medaille)“ stellt sich Caroline Stolz als inszenierende Interims- Schauspieldirektorin am Theater Trier vor. Das Stück ist eine  Beziehungskiste mit doppeltem Boden. Die Krise einer Freundschaft, die der Besuch besagten Paares auslöst, entpuppt sich als Beziehungskrise der Eheleute Daniel und Isabelle. Zellers gleich im Titel kommentierte Komödie wird hierzulande kaum gespielt. Was seinen guten Grund haben mag. Ist  das Stück des französischen Autors doch eine ausgesprochen hausbackene Schwester seiner spritzigen Boulevard-Komödie „Die Wahrheit“. Die schwächelnden Dialoge gleicht Stolz mit drastischen dramatischen Mitteln aus und inszeniert einen Boulevard- Kracher im Wortsinn. Neben etwas Erotik mit angezogener Handbremse, wird viel gebrüllt, reichlich Flüssigkeit verschüttet und Matschiges herumgeschmissen. „Er hat noch kein Wort gesagt und schon bin ich auf hundertachtzig“ bekennt Isabelle. Die andern sagen auch nicht wirklich viel, sind aber wie die Hausherrin, leicht erregbar und überraschen wie sie mit plötzlichen Temperamentsausbrüchen. Kreuzbrav ist die Zeichnung der Personen. Vanessa Jeker (Isabelle) rückt im züchtigen Blümchenkleid ihren Busen zurecht, um angesichts Patricks „neuer Tussi“ Emma (Marie Scharf), die als verhinderter Vamp aufgemacht ist, konkurrenzfähig zu sein. Benjamin Schardt gibt einen unverdient depperten, unbeholfen grabschenden Daniel mit Küchenschürze und Rührschüssel. Unter den engagierten, aber wenig überzeugenden Spielern fallen noch am ehesten Marie Scharf und Niklas Maienschein auf, der als Patrick seine Midlife Crisis auslebt. Wie häufig weiß auch in dieser Komödie das Publikum mehr, da Stolz reichlich vom alten Stilmittel des Beiseite-Sprechens Gebrauch macht und sich die Schauspieler immer wieder direkt an ihre Zuschauer wenden. Die Fragen, die Theater bekanntlich stellen will, wirft hier vor allem der an der Wand lehnende, etwas unfrisch riechende  Wischmopp auf. Angesichts der Pfützen am Boden kommt er mehrfach zum Einsatz. Wozu eigens eine junge Frau aus dem Publikum herbeieilt. Da stellt sich die dringliche Frage: Dient das Engagement des Reinigungsgeräts nun der dramatischen Sinnfälligkeit oder schlicht der Arbeitssicherheit? Die Antwort weiß nur die Regie. Schließlich hat das scheinheilige Getue ein Ende. Patrick und Emma empfehlen sich auf Nimmerwiedersehen. Dafür erfährt Daniel und Isabelles Ehe die längst fällige Aufhellung. Zugegeben: das macht etwas Arbeit. Weshalb sich Vanessa Jeker so auf dem Sofa ausbreitet, wie sich die freiwillige Filmselbstkontrolle die „Femme fatale“ vorstellt. Endlich hat es auch bei Ehemann Daniel gezündet. Der entführt die wiedergewonnene Liebste ins Schlafzimmer nebenan. Allerdings nicht bevor die benutzten Gläser in die Küche geräumt sind. Ordnung muss schließlich sein. Aufgewischt ist schon.

Eva-Maria Reuther

Foto: (C)Simon Hegenberg

Weitere Aufführungen: 25., 28.Nov.,1.,14.,23.,27.Dez.,19.30 Uhr Studio

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