Auf den Hund gekommen: „Shakespeare in Love“ scheitert am Saarländischen Staatstheater

© Martin Kaufhold (Saarländisches Staatstheater) / Will immer einen Hund auf der Bühne: Königin Elisabeth (Vera Bukal)  mit ihrem Zuschauer-Gefolge.

von Burkhard Jellonnek

Früher war mehr Lametta. Stimmt!  Auf den Theaterbühnen der Wirtschaftswunderjahre füllten die Operetten die Zuschauerreihen mit der „ Christel von der Post“ oder der „Csárdásfürstin“. Das änderte sich erst mit dem Siegeszug der Musicals. Auch in Saarbrücken. Zu Beginn der Generalintendanz von Kurt Josef Schildknecht war es der Deutschen Nachrichten-Agentur noch ein  bundesweit verbreitetes Warteschlangen—Foto wert, als die „West Side Story“ die Publikumsmassen mit einer Neuinszenierung auf Berliner Niveau elektrisierte und Schildknecht und der damalige Kaufmännische Direktor Helmut Beckamp sogar überlegten, eine eigene Spielstätte für einen Ganzjahresbetrieb zu gründen. Von „Jesus Christ Superstar“ über eine ganze Reihe höchst erfolgreicher Musicals des Komponisten Frank Nimsgern fütterten den nicht zu übersehenden Boom, der am Ende zu einer fast inflationären Gründung von Musical-Häusern von Hamburg, Köln bis hin zu Offenbach führte. Auch die aktuelle Intendanz von Bodo Busse bediente zurecht derlei Publikumserwartungen mit einer aus Coburg erprobten Version der auch als Film-Welterfolg gefeierten „Blues Brothers“.

Nun also „Shakespeare in Love“, eine Neuproduktion, mit nicht geringen Erwartungen auf den Weg geschickt. Wie schon der Renner um das korrupte Brüderpaar zunächst als fulminanter Hollywood-Blockbuster an den Start gegangen, so war auch „ Shakespeare in Love“  1998 von John Maden nach dem Drehbuch von Marc Norman und Tom Stoppard mit sieben Oscars und 3 Golden Globes ein Jahr später ein Welterfolg. Bettina Bruinier, Bodos Busses Schauspiel-Verantwortliche, adaptierte Shakespeares mitreißende Liebesgeschichte von Romeo und Julia nun als fast 200 Minuten langes Bühnentreiben und erzählt lang wie breit von der Schreib-Blockade des gefeierten Literaten, der den geifernden Literaturagenten und Theaterintendanten Stücke verspricht, die noch gar nicht existieren. So nimmt das Unglück natürlich seinen Lauf, zumal sich Will Shakespeare, ganz Romeo gleich, in eine Dame der Gesellschaft verliebt, die als Schauspielerin reüssieren möchte, aber als Frau nicht auf die Bühne darf und deshalb in eine Hosenrolle schlüpft.

Bettina Bruinier will alles an diesem Abend: Kritisch die Kommerzialisierung des Theaters beklagen, das Publikum wie Bolle unterhalten und obendrein die musicalsüchtigen Gourmets an der Saar bedienen: aber die von Achim Schneider eigens komponierte und seiner vierköpfigen Formation präsentierte Musik hat keinen Flow und rockt nicht die Bühne, zumal viele der zum Einsatz kommenden Stimmen leider nicht Musical-Ansprüchen genügen. Auch lässt  das Arrangement  zwischen Musik- und Gesangseinsatz manchmal zu wünschen übrig. Stattdessen gibt Bruinier dem Affen Zucker, lässt Klamotte spielen und selbst ihre besten Ensemblekräfte sich übersteuernd unter Wert verkaufen. Grell und überzogen wie die Kostüme, die Lagerfeld, Versace ebenso wie den grausam schlechten Geschmack zitieren, gibt ein Gregor Trakis den Lord Wessex als den über die Bühne staksenden Komiker Otto oder ein Raimund Widra als Finanzier Fennyman die platte Atze-Schröder-Parodie, so dass man schon froh ist, wenn Vera Bukal als coole Queen Elisabeth stoisch immer einen Hund auf der Bühne verlangt. Dabei ist diese Inszenierung buchstäblich auf den Hund gekommen. Der hat mit seinem Gebell jede Romantik, jede Poesie, jeden betörenden Klang von Shakespeares Zunge von der Bühne vertrieben. In Liebe ist da keiner, schon gar nicht Shakespeare und Viola, alias Romeo und Julia.

Burkhard Jellonnek

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