Saarländisches Staatstheater: Arthur Millers historisierende „Hexenjagd“ als Mahnung für heute

Christoph Mehlers Inszenierung am Saarländischen Staatstheater schenkt dem Publikum nichts

Ekstatischer Tanz, Auslöser allen Treibens: Ensemble4 des Saarländischen Staatstheaters in Aktion bei Arthur Millers „Hexenjagd“. © Foto: Martin Kaufhold (Saarländisches Staatstheater)

Manchmal muss es das volle Programm sein. Schon Arthur Miller schonte mit seinem wortgewaltigen, auch bei uns seit Jahrzehnten zum Klassiker gewordenen Schauspiel „Hexenjagd“ sein Publikum nicht vor ellenlangen Exerzitien. Seine engagierte Kampfansage an McCarthys Kommunistenverfolgung, sicherheitshalber in die graue Vorzeit und in Vokabeln von Hexenverfolgung und Satanismus gepackt, sind eine leider auch heute wieder gültige Auseinandersetzung mit überbordenden Fake News, Vorurteilen und Verschwörungstheorien. Einmal in die Welt gesetzt, entwickeln sie ihre eigenen Dynamik, hängen an den Menschen wie die Kletten: Man kann das Lügengebäude nicht mehr zurückbauen, sondern rutscht immer tiefer in den Strudel.

Christoph Mehlers Inszenierung lässt das Publikum nicht aus den Fängen. Was scheinbar harmlos beginnt als wilder Tanz gegen übergroße Strenge aufbegehrender Schülerinnen, wird schnell durch Abigail Williams Liebesabenteuer mit dem verheirateten John Proctor zur gefährlichen Amour fou befeuert, dessen sittenstrenge Gattin Elizabeth bei Ehebruch keinen Spaß mehr versteht. In dem puritanisch-sittenstrengen Dorf Salem des Jahres 1692 schaukelt sich die Geschichte hoch zu einem gefährlichen Pakt mit dem Satan, zu hoch notpeinlichen Verhören des überforderten Pfarrers Samuel Parris und eines eigens einbestellten Richters Danforth, der nur zu gern seine Theorie des Satanismus bestätigt sehen möchte. Das Unglück nimmt seinen Lauf, zumal kaum noch jemand die Wahrheit sagt.

Christoph Mehlers Inszenierung nimmt das Publikum mit auf diese buchstäbliche Höllenfahrt, bringt das Feuer in dem auf die Drehbühne gestellten, übergroßen Rundgerüst auf den Siedepunkt wie in einem brodelnden Hexenkessel. Dazu faucht Tituba (teuflisch gut: Laura Trapp) heiße Rhythmen in das Mikrophon und hangelt sich katzengleich durch das Gestänge. Die 19köpfige Mädchengruppe im strahlend-weißen Novizinnen-Outfit, allesamt aus dem ensemble4, erreicht mit ihrem hysterischen Gekreische immer wieder den Schmerzpegel, als wollten sie ihrem Lügengebäude vom Pakt mit dem Satan dadurch mehr Glaubwürdigkeit verschaffen. Vor dieser Drohkulisse kann auch Schülerin Mary Warrens (Anne Rieckhof) Versuch, zur Wahrheit zurückzufinden und den Tanz als abgekartetes Spiel der Mädchen zu erklären,  dem  angeklagten John Proctor mit Ali Berber als einer der Glanzpunkte der Aufführung das Fell nicht mehr retten. Das Lügengebäude schnürt allen Beteiligten den Atem ab, das Ergebnis der Verhöre, eindringlich inszeniert als Wortgefecht von dem in die Zuschauerloge platzierten Richter Danforth (Thorsten Köhler) mit allen auf der Bühne sitzenden Beschuldigten und Zeugen, wird zum großartigen Schlagabtausch. Am Ende verlieren alle, die Wahrheit bleibt auf der Strecke. Christoph Mehlers fast zweihundertminütiges Spiel schenkt dem Publikum nichts. Es muss den ernüchternden Weg um Lügen, Verleumdung, Hass und Misstrauen mitgehen! Ein buchstäblich überwältigender Abend!

Burkhard Jellonnek

Info:www.staatstheater.saarland

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