Absage an blutrünstige Götter und machtgierige Potentaten Am Theater Trier hatte Mozarts Oper Idomeneo Premiere

In Zeiten, da Menschen wieder im Namen Gottes Terror und Angst verbreiten, ist ein Werk wie Idomeneo fraglos wegweisend. In seiner Oper vom unglücklichen Kretischen König, dem die Götter das Blutopfer seines Sohnes abverlangen, entmachtet der aufgeklärte Humanist Mozart die alten wie die neuen blutrünstigen Gottheiten. Das antike Gesetz von der unentrinnbaren göttlichen Schicksalsmacht wird außer Kraft gesetzt. In Mozarts zutiefst einsichtigem Werk verblutet oder gesundet der Mensch allein an sich selbst. Das Theater Trier hat das „Dramma per musica“, des 24jährigen Komponisten, das 1780 uraufgeführt wurde, neu inszeniert und sich damit einer riesigen Herausforderung gestellt. Wie jetzt die Premiere zeigte, ist das Projekt eindrucksvoll gelungen. Jasmina Hadziahmetovic, die in Trier bereits Leo Janáceks „Broucek“ inszenierte, präsentiert sich auch diesmal als poetische Geschichtenerzählerin. Die bosnische Regisseurin erzählt die alte Geschichte so, dass der zeitgenössische Zuhörer sie als aktuell versteht. Ihre Soldaten, die auf der Königsburg patrouillieren, tragen Maschinengewehre. Die Toten werden in modernen Leichensäcken transportiert und der aus dem trojanischen Krieg heimkehrende König Idomeneo in Barett und ordensgeschmücktem Kampfanzug sieht aus, als ob er gerade von einem Kriegsschauplatz unserer Tage käme. Eine graue düstere Wand, die oben ein Maschendrahtzaun abschließt, beherrscht die sparsam eingerichtete Bühne (Ausstattung und Bühne Jule Saworski). Sie ist gleichermaßen Königsburg wie Grenzmauer jenes Seelen-Ghettos, in dem das Drama seinen Lauf nimmt. Mozarts Oper ist schließlich nicht nur eine aufklärerische Emanzipationsgeschichte. Idomeneo ist nicht weniger ein Psychodrama. Auf die komplexe Psychologie der Oper, ihre seelischen Verstrickungen und Widersprüche, setzen auch Hadziahmetovic und der musikalische Leiter Wouter Padberg. Über Musik und Spiel legen sie psychologische Zusammenhänge und Seelenzustände frei. Eben darin liegt die große Stärke der Inszenierung. Allen voran ist Bonko Karadjov in der Titelrolle ein großartiger stimmlich ausdrucksstarker Idomeneo, traumatisiert vom Schrecken des Krieges, zerrissen vom Widerspruch zwischen göttlichem Gebot, staatsmännischer Pflicht und der Liebe zu seinem Sohn. Fritz Spenglers beweglicher, beseelter Countertenor rührt als humaner Königssohn Idamante. Mit schlankem Sopran gibt Frauke Burg der selbstlosen Liebe der trojanischen Prinzessin Ilia eine Stimme. Lyrisch, wie hochdramatisch überzeugend, wird Eva Maria Amman als Elettra hin-und hergerissen zwischen Eifersucht und Sehnsucht. Warm und wohltönend: James Elliott als Arbace. La Voce: Lászlò Lukács. Vorzüglich singen Opernchor und Extrachor (Einstudierung Angela Händel), die hier gleichermaßen Volkes Stimme sind, wie Verkörperung jener Heimsuchungen, die Idomeneo bedrängen. Wouter Padberg dirigiert frisch und konturiert. Gemeinsam mit den Musikern des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier macht er das dichte Netz des feinen pschychologischen Gewirks der Musik hörbar und bringt nuancenreich die Vielfarbigkeit seiner Stimmungen zum Klingen. Sehr schön: die Bläser. Am Ende hat Hadziahmetovic etwas dick Theaterblut aufgetragen. Und weshalb Idomeneo zum Schluss das ganze Bühnenpersonal umnietet, bleibt ungeklärt. Davon abgesehen ist die Trierer Inszenierung ein eindrückliches Erlebnis.

Weitere Vorstellungen: 10.,20.,23.,25.,Juni,2.6.9.Juli, Theater Trier,Großes Haus,19.30Uhr

Eva-Maria Reuther

Bildunterschrift:Zum Foto:
Vater und Sohn Konflikt: v.l.n.r.: Bonko Karadjov als Idomeneo und Fritz Spengler als Idamante, Foto:(C)ArtEO

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