4. Matinée der Deutschen Radiophilharmonie SB / KL – Tschaikowsky-Erlebnis mit Tiefgang

von Friedrich Spangemacher

Der Dirigent Joshua Weilerstein © Sim Canetty-Clark

Die Deutsche Radio Philharmonie (DRP) zeigte sich in der Matinée am vergangenen Sonntag in bester Form: Die Musiker können Zeitgenössisches eines Jörg Widmann ebenso wie die gefühlsbetonte Romantik der „Pathetique“ von Peter Tschaikowsky. Vor ausverkauftem Haus begann das Konzert mit Widmanns Konzertouvertüre „Con brio“, die immer wieder große Anfangsgesten aufrief, in einem Klang, der gelegentlich entfernt an Beethoven erinnerte und man das Gefühl hatte, so hätte Beethoven heute vielleicht komponiert. Es war ein Abenteuer fürs Hören, durch das der Dirigent Joshua Weilerstein und die Musiker der DRP führten, mit geräuschhaften Klängen, mit fast rockartigen Rhythmen und mit rauschhaften Momenten. Das Publikum war begeistert. Ein Hörer meinte in der Pause, „Diese neue Musik kann ich richtig genießen.“

Vor der Pause kam dann die Klarinettistin Annelien van der Wauwe, die nicht immer ganz auf der Höhe war im Klarinettenkonzert in f-moll von Carl Maria von Weber. Zu oft versteckte sie sich im ersten Satz im Klang des Orchesters. Im zweiten Satz spielt sie sich in einem ‘Trio’ mit Hilfe der Hörner frei, bevor sie im Finalsatz mit rhythmischer Prägnanz nach vorne drängte. In der Zugabe spielte sie ein Klarinettenquintett von Gabriel Pirné mit Bravour und viel Einfühlungsvermögen.

Tschaikowskys gewaltige 6. Sinfonie kam dann am Schluss des Konzertes. Das Orchester entwickelte im ersten Satz einen sehr breiten und geladenen Klang, wobei auch die wenigen Pianissimo-Stellen von höchster Spannung blieben. Dem zweiten, rhythmisch betonten Satz ließ Weilerstein nicht nur fließen: Er füllte ihn mit Bedeutung auf. Der dritte Satz, ein Scherzo klang wie eine Rückschau durch die Brille von Prokofjew und Schostakowitsch und machte mit sarkastischen Momenten einen fast visionären Eindruck.  Den letzten, so persönlich gefärbten Satz spielte das Orchester mit höchster Intensität. Ein „Gefühlsfeuer“, wie das Programmheft titelte, war das Ganze nicht, eher ein Tschaikowsky-Erlebnis mit Tiefgang.

Friedrich Spangemacher

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