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KULTURKALENDER

 

Was den Mensch zum Menschen macht: Sozialisation und Bildung

Freitag, 6. Februar


Vortrag von Peter Winterhoff-Spurk bei der Ringvorlesung "Der Mensch ist das Maß aller Dinge" der Akademie für Palliativmedizin und Hospizarbeit Dresden in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden, dem Zentrum für Weiterbildung der TU Dresden und der Dresdner Seniorenakademie am 13. Januar 2009.

Gliederung
1.  „… die Anregung aller Kräfte des Menschen …“: Bildung
2.  „Das is wohl recht schwer?“: Grenzarbeit
3. „…dass die Umstellung auf Bachelor und Master für Arbeiterkinder auch Vorteile hat …“: Bologna

1. „…die Anregung aller Kräfte des Menschen …“:  Bildung

Wissen Sie,

meine Damen und Herren,

wie das Land heißt, in das Gulliver seine zweite Reise unternommen hat? Und wer war „das mächtige Häuflein“? Schließlich: Was ist Rugby?

Falls das nicht der Fall ist, dann sind Sie ziemlich ungebildet. Jedenfalls nach dem Verständnis von Dietrich Schwanitz, seinerzeit Professor für Englische Literatur und Kultur. Für ihn ist  „Bildung. Alles, was man wissen muß“. So heißt sein Buch aus dem Jahr 1999 mit rund 700 Seiten und da steht das alles drin. Falls Sie Bildung so wie er verstehen, will ich sicherheitshalber die richtigen Antworten nennen:

Brogdingnagg, eine Gruppe russischer Künstler um den Komponisten Michail Glinka und ein Ort in England mit einer berühmtem Privatschule. Ich hab’s nicht gewusst.

Wäre Schwanitz nicht so unglücklich gestorben – vermutlich am 17.12.2004 durch Lungenembolie - , müsste man sagen: Bildung auf Wissen zu reduzieren, gar auf ein Buch, das man kaufen und auswendig lernen könnte, um sich anschließend gebildet zu fühlen, das ist hanebüchen. Mit diesem Verständnis hätte man Dietrich Schwanitz beispielsweise fragen können, ob er selbst eigentlich weiß, was ‚hanebüchen’ bedeutet? Bei einem ‚Nein’ hätte man auch ihn getrost als nicht ausreichend gebildet bezeichnen können, denn das ‚Haus der Sprache’ gehörte für ihn dazu. Wir wissen natürlich, dass hanebüchen etymologisch von "Hainbuche" oder "Hagebuche" kommt und bedeutet: Grob wie das Holz dieser Pflanze. Aber wir kritisieren ihn nicht, denn für einen gebildeten Menschen gilt eben auch: De mortuis nihil nisi bene. Und deswegen gleich zum nächsten Beispiel.

Meine sächsische Großmutter, dritte Tochter einer typischen sächsischen Bildungsbürgerfamilie, sagte immer über ihr früheres Dienstmädchen, das ihr in den ersten Nachkriegsjahren durch den regelmäßigen Tausch gebrauchter Briefmarken (West) gegen frische Hühnereier (Ost) die Treue hielt: „Else hat Herzensbildung.“ Herzensbildung erschien mir Fünfjährigem als eine Art Wahrnehmungsstörung hinsichtlich des Tauschwertes von Dingen. Einfach gesagt: Lieb, aber doof. Erst später, als ich selbst mit dem Briefmarkensammeln anfing, habe ich realisiert, wie schlau unsere Else war. Aber auch gebildet? Herzensgebildet? Das Internet gibt in 45.000 Seiten lang keine rechte Antwort darauf. Als Synonyme werden u.a. genannt: Nettigkeit, Mitgefühl, Anstand, Taktgefühl, Güte, Sanftmut, Höflichkeit, Warmherzigkeit, Gefälligkeit, Zartgefühl, Herzlichkeit, Liebenswürdigkeit, Milde,  Aufrichtigkeit, Zuvorkommenheit usw. usf.  Ja, vieles davon hatte sie, die Else. Aber auch das, was in der Psychologie unter Herzensbildung verstanden wird, nämlich emotionale Intelligenz, konkret Selbstbewusstheit, Selbststeuerung, Motivation, Empathie, soziale Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit?

Bei so viel definitorischer Unklarheit kann nur  eine höhere Instanz aushelfen: Glücklicherweise hat ja auch Papst Benedikt der XVI. 2005  in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ von Herzensbildung gesprochen. „Für alle, die in den karitativen Organisationen der Kirche tätig sind, muß es kennzeichnend sein, daß sie nicht bloß auf gekonnte Weise das jetzt Anstehende tun, sondern sich dem andern mit dem Herzen zuwenden, so daß dieser ihre menschliche Güte zu spüren bekommt. Deswegen brauchen diese Helfer neben und mit der beruflichen Bildung vor allem Herzensbildung.“

Wer es doch lieber weltlich hat, dem hilft die TU Dresden. In deren Bibliothek gibt es eine „Monatschrift für Geistes- und Herzensbildung junger Frauenzimmer“ – allerdings aus dem Jahr 1802. Da diese Zeitschrift digitalisiert und also auch von Saarbrücken aus zugänglich ist, darf ich Ihnen ein Zitat aus dem Editorial „An unsere Leserinnen!“ des ersten Heftes vortragen: „Viele schöne weibliche Handlungen bleiben unbemerkt, weil sie weniger Geräusch machen und weniger Erfolge haben als die der Männer…“ (a.a.O., S. 13f.)

Aber keine Bange, „wir wissen wohl, dass eine gelehrte Miene einem weiblichen Gesichte nicht gut ansteht“ (a.a.O., S. 10). Das sahen die Frauen wohl schon damals anders, die Zeitschrift erschien nur zwei Jahrgänge lang.

Wissen und Gefühl, Geistes- und Herzensbildung, IQ und EQ zusammen, ist das Bildung?

Nein, es gibt wenigstens noch einen weiteren Ansatz, nämlich das Konzept des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Er hatte die geniale Idee, zur Analyse der modernen Dienstleistungsgesellschaft drei Dimensionen heranzuziehen. Die erste ist das ökonomische Kapital: Einkommen, Besitz und Vermögen. Die zweite ist das soziale Kapitel, also das "...Kapital an 'mondänen' Beziehun­gen, die bei Bedarf einen nützlichen Rückhalt bieten, Kapital an Ehrbarkeit und Ansehen, das in der Regel von allergrößtem Nutzen ist, um das Vertrauen der 'guten Gesellschaft' und damit der eige­nen Kundschaft zu gewinnen und zu erhalten, und das sich durchaus einmal z. B. in einer politischen Karriere be­zahlt machen kann" (Bourdieu, 1987, S. 204).

Und die dritte, hier interessierende Dimension ist das kulturelle Kapital: Es besteht aus Wissen und Fertigkeiten, die durch Erziehungs- und Bildungsaktivitäten erworben werden und nicht kurzfristig weitergegeben werden können. Indikatoren dieser Dimension sind u.a. entsprechende Titel und Bildungsabschlüsse, aber auch die Lektüre nicht berufsbezogener Lite­ratur und bestimmter Zeitungen, Theater-, Museums- und Galeriebesu­che, ferner  Eß- und Trinkgewohnheiten, Kleidung und Möblierung, Konversationstechniken bei gesellschaftlichen Anlässen, Urlaubsziele u.a.m.  Auch der Besitz kulturell hochwertiger Gegenstände – Bücher, Musikinstrumente - zählt dazu, deren angemessene Nutzung erlernt werden muß.

Konkret: Wer hohes kulturelles Kapital besitzt, bezieht seinen Riesling direkt vom Winzer in Meißen, die anderen kaufen ihr No-Name-Bier beim Supermarkt. Hohes kulturelles Kapital führt in den Ferien in die restaurierte Mühle in die Bretagne, Menschen mit geringem kul­turellen Kapital fahren mit dem Bus nach Saarbrücken 5, sprich: Lloret de Mar.

Erstere statten ihre Wohnungen mit Designer-Sofas, Biedermeier-Stühlen und Kupferstichen vom Antiquitätenhändler aus, letztere  mit altdeutschen Fernsehsesseln, Kü­chenstühlen aus Plastik und Fototapeten aus dem Kaufhaus. Und was Bücher angeht, so hat mir vor kurzem eine Kollegin den Unterschied selbstironisch so beschrieben: „Bei uns zuhause gab’s zwei Bücher: Ein Kochbuch und ein Telefonbuch.“ Sie ist dennoch Akademikerin geworden, die erste in der Familie.

Bildung als kulturelles Kapitel? Auch das leuchtet irgendwie ein. Auch, weil man sie ja kennt, die Ungebildeten, die „Habilation“ statt „Habilitation“ sagen, „Koryphäen“ statt „Koniferen“ im Garten anpflanzen und „Belletristik“ mit  „Bellestrik“ verwechseln. Ich geb’s  zu: Letzteres ist mir passiert, im Alter von 15 Jahren, bei einer Berufsberaterin, die ich ein bisschen anschwärmte und deswegen mit meiner Bildung beeindrucken wollte. Nach ihrer lächelnd gegebenen Antwort: „Ach, meinen Sie Belletristik?“ wäre ich am liebsten im Boden versunken.

Bildung als Wissen, Herzensbildung, kulturelles Kapital? Alles ein bisschen zu einseitig. Gehen wir daher nun endlich zurück zu Wilhelm von Humboldt: „Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse“, sagt er, „die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger und seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist“ (Humboldt, 1809, zit. nach Ellwein, 1985, S. 116). Bildung der Gesinnung und des Charakters definiert er als „ …die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen“. Erst auf dieser Grundlage erfolgt dann die Ausbildung zu einer spezifischen Profession.

Es wird schon auch das eigene, ziemlich privilegierte Leben gewesen sein, dass diese schönen Vorstellungen geprägt hat: Geboren am 22.6.1767 in Potsdam, wurde Humboldt schon als Heranwachsender von den führenden Köpfen der Berliner Aufklärung erzogen. Er studierte in Franfurt (Oder) und Göttingen Naturwissenschaften,  ferner Griechisch, Latein, Französisch, Staatswissenschaften und Philosophie. 1790 trat er in den preußischen Staatsdienst ein, verließ ihn aber schon im Mai 1791 wieder. Er heiratete im gleichen Jahr und verbrachte die folgenden Jahre als Privatgelehrter auf den Familiengütern seiner Frau in Thüringen. Im Juni 1794 siedelte er nach Jena über, wo er als kritischer Berater Schillers, später auch Goethes wirkte.

1797 zog er nach Paris, hatte auch dort Kontakte zu Intellektuellen und Schriftstellern. 1802, mit 35 Jahren, trat er wieder in den preußischen Staatsdienst ein, wurde preußischer Ministerresident in Rom am Hl. Stuhl. Nach dem Zusammenbruch Preußens kehrte er 1808 nach Deutschland zurück und übernahm die Sektion für Kultus und Unterricht im Preußischen Innenministerium. Hier leitete er die grundlegenden Reformen, durch die ein allgemeines und durchgehendes Erziehungssystem entstand. Zwischen 1810 und 1818 wurde er mit diplomatischen Missionen in Wien, Frankfurt und London betraut. 1819 kehrte er schließlich als Minister für ständische Angelegenheiten nach Berlin zurück,  wurde aber im gleichen Jahr wegen seines Widerstandes gegen die Karlsbader Beschlüsse und seines Versuches, eine liberale Verfassung für Preußen durchzusetzen, aller Ämter enthoben. Er zog auf den Familiensitz nach Tegel, wo er sich als Privatgelehrter seinen sprachwissenschaftlichen Forschungen widmete. Dort starb er am 08. April 1835. Was für ein Leben!

2. „Das is wohl recht schwer?“ -  Grenzarbeit

Im Humboldtschen Bildungsbegriff ist also beides enthalten: Wissen und Herzensbildung. Man kann also das ganze Buch von Schwanitz auswendig kennen und dennoch nicht gebildet sein. Und man kann ein grundgütiger, warmherziger, anständiger, aber leider ebenfalls ein ungebildeter Mensch sein. Beides zusammen ist notwendig, um die angestrebte „Bildung der Gesinnungen und des Charakters“ zu erreichen. Und selbst das ist nur eine notwendige, keine hinreichende Voraussetzung. Das Besondere an den Humboldtschen Ideen ist nämlich, dass sie auch etwas darüber sagt, wie man sich Wissen und Herzensbildung aneignen soll, also auch eine Sozialisationstheorie umfaßt.

"Sozialisation", so heißt es beispielsweise in einem Lehrbuch für Pädagogische Psychologie (Weidenmann & Krapp, 1986, S, 122ff.), ist der „Prozeß der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt.“  Und ein  entwicklungspsychologisches Lehrbuch ergänzt (Oerter & Montada, 2002, S. 38), „Sozialisation erfolgt durch Anleitung und Anforderung, Information und Belehrung, durch Beobachtung und Nachahmung von Vorbildern, durch Strafen und Belohnungen ... .“

Und genau so hat Humboldt sich das vorgestellt. Der Mensch wird in seinem Bildungssystem dadurch zum Menschen, dass er von engagierten Lehrern je nach seinen Begabungen gezielt gefordert und gefördert wird. Mit anderen Worten: Man wird nicht gebildet, sondern man bildet sich.

Insbesondere für die Universität entstand daraus das Konzept der Einheit von Forschung und Lehre. Noch heute heißt es dazu im „Leitbild der Humboldt-Universität“ in Berlin: „Hierzu gehören die Weitergabe von Wissen aus dem Geist der Forschung und die Idee der forschenden Lehre. Studierende und Lehrende sind durch die kritische Auseinandersetzung mit den Wissensbeständen sowie in der aktiven Mitarbeit an der Erweiterung des Wissens vereint. Deshalb fördert die Humboldt-Universität die sozialen und kommunikativen Kompetenzen ihrer Mitglieder und unterstützt deren eigene Initiativen.“

Öffnet externen Link in neuem Fenster http://www.hu-berlin.de/ueberblick/leitbild/

Anfang des 19. Jahrhunderts war das leicht: Damals gab es an den deutschsprachigen Universitäten rund 1.000 Professoren und etwa 15.000 Studenten (Ellwein, 1985, S. 317). Das ergab eine für uns heute kaum vorstellbare Betreuungsrelation von 1:15. Die Studenten studieren nicht an einer Universität, sondern bei einem Professor, teilweise sogar bei ihm zuhause. Seinetwegen waren sie an diese oder jene Universität gekommen. Auch die studentischen Verbindungen pflegten den Kontakt zu ‚ihren’ Professoren. Wer wollte, konnte also nach dem Humboldtschen Ideal studieren.

Auf alle Fälle hat er es für sich selbst so gehalten, bevor er in den Staatsdienst eintrat, sein eben skizzierter Lebenslauf macht dies deutlich. Für die weniger Begüterten schuf er ein einheitliches Schulsystem: In der Elementarschule sollte allgemeine Bildung, in der Gelehrtenschule philosophisch grundierte, wissenschaftliche Bildung erworben werden. Letztere war die  Voraussetzung für die höchste Form von Bildung, die zweckfreie und ergebnisoffene Beschäftigung vor allem mit Philologie, Philosophie und Geschichte an der Universität.

Politisch hatte er dafür ein günstiges Zeitfenster erwischt: Das offenkundige politische und militärische Versagen des preußischen Adels in der Auseinandersetzung mit Napoleon erlaubte eine kurze Zeit lang eine neue Bildungspolitik, bevor sich wieder eine stärker ständische Bildungspolitik durchsetzte. Allerdings boten die Humboldtschen Ideen dafür auch zwei Angriffspunkte.

Da ist zum einen die Dreiteilung des Bildungssystems. Sie war Ausdruck einer sozialen Entwicklung: Mitte des 18. Jahrhunderts bildete sich in Deutschland eine neue soziale Schicht: Staatsbeamte, Hochschul- und Gymnasiallehrer, Pfarrer, Schriftsteller, Buchhändler und Verleger, Ärzte und Notare. Allesamt Menschen, die ihre berufliche Stellung nicht ihrer Geburt, sondern ihrer akademischen Bildung verdankten. Der moderne absolutistische Staat brauchte sie und räumte ihnen allerlei Privilegien ein: Von der Steuerbefreiung bis zur Freistellung vom Kriegsdienst. So entstand eine ‚adlig-bürgerliche Bildungselite“ (François & Schulze, 2001, S. 7) wie die Familie Humboldt. Sie waren das Bildungsbürgertum, mit dem Adel und den Besitzbürgern gehörte es im 19. Jahrhundert zur Oberschicht.

Allerdings: Wie jede neue Klasse, hatte auch diese sogleich ‚soziale Grenzarbeit’ zu leisten (Müller, 1994). Norbert Elias hat es so formuliert: „Bürgerliche Gruppen kehren immer stärker und betonter ein eigenes, spezifisch bürgerliches Selbstbewußtsein hervor; sie setzen immer entschiedener und bewusster eigene Gebots- und Verbotstafeln den höfisch-aristokratischen entgegen. Sie stellen … die Arbeit gegen den aristokratischen Müßiggang, die ‚Natur’ gegen die Etikette, die Pflege des Wissens gegen die Pflege der Umgangsformen …“ (Elias, 1997, S. 439).

Einerseits schimmert ja in der Idee einer allgemeinen Menschenbildung das Gleichheitsideal der französischen Revolution durch: Die von Humboldt postulierte Bildung brauchen alle, vom Bettler bis zum Edelmann. Das markierte sowohl einen Unterschied im Denken nach oben, wie einen Anspruch: Denn zugleich grenzte die Bildungselite sich durch die akademischen Titel vom Adel ab. Diese wurden ja (oft genug: mühsam) erworben, den Adelstitel bekam man in der Regel durch Geburt geschenkt. Das wirkt übrigens bis heute nach: Der Doktorgrad kann als einziger akademischer Titel in den Personalausweis eingetragen werden. Und nach unten konnte man mit Strategien der Herablassung oder der Entwer­tung von Verhaltensweisen, Bildungsabschlüssen, Objekten und Ideen, den sozialen, ökonomischen und kulturellen Abstand zwi­schen sich und den nachdrängenden Unterschichten bewahren.

Die kulturpolitische Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Sozialschichten um die Definition dessen, was als kulturelles Kapital gilt, ist der eine Punkt. Der andere ist das in mit der industriellen Revolution verbundene Aufkommen der Naturwissenschaften. Staat und Wirtschaft brauchten ja nicht nur Juristen, Offiziere und Lehrer, sondern auch Ingenieure, Biologen und Chemiker. Da diese immer einen stärkeren Bezug zur beruflichen Anwendung haben als die von Humboldt favorisierten Disziplinen, passten sie nicht recht in dessen Bildungssystem: Mittel- und Realschulen, naturwissenschaftliche Gymnasien, Ingenieurschulen, Berg- und Forstakademien sowie Technische Hochschulen traten in Konkurrenz zur Universität, die selbst die ‚modernen Wissenschaften’ zulassen mußte.

So standen die Humboldtsche Bildungsidee und ihre institutionelle Realisierung von Anfang an unter dem Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse. Zum einen strebten immer mehr Menschen nach sozialem Aufstieg durch Bildung. Auch die Arbeiterklasse hatte sich „Wissen ist Macht“ auf ihre Fahnen geschrieben; erstmal so formuliert in einer Rede Wilhelm Liebknechts am 05. Februar 1872  vor dem Arbeiterbildungsverein, hier in Dresden. Zum anderen begannen die Naturwissenschaften ihren Siegeszug und mit ihnen die industrielle Revolution. Die Folge: Das ‚Brotstudium’ trat in Konkurrenz zur Philosophie, der ‚Brotgelehrte’ zum ‚philosophischen Kopf’, die realistische zur humanistischen Bildung.

Am Beispiel der kulturellen Grenzarbeit wurde deutlich, dass Bildungsinhalte und Vermittlungskonzepte immer auch Ausdruck sozialer und ökonomischer Veränderungen sind. Das zeigt sich übrigens auch in meinem eigenen Fach, der Psychologie. Sie war ursprünglich Teil der Philosophie. Erst durch Wilhelm Wundt und das von ihm 1879 in Leipzig gegründete, erste Experimentalpsychologische Laboratorium wurde sie zur Naturwissenschaft hin geöffnet. Mein Lieblingskönig, Friedrich August III., der letzte sächsische König, hatte dafür so gar kein Verständnis. Sein Unbehagen wie eine durchaus selbstbewusste bildungsbürgerliche Replik  werden in der folgenden Anekdote deutlich: „Bei Exzellenz Wundt hörte Friedrich August wohl oder übel ein Kolleg über Experimentalpsychologie. Das Dargebotene stand etwa … auf der Höhe einer humanistischen Physikstunde und war mit leicht fasslichen Scherzen auffrisiert. Hinterher fragte August den alten Wundt: ‚Das is wohl recht schwer?’ Was Wundt unter einem Lächeln einräumte: „ ‚Ja, Majestät, es ist nicht ganz einfach’ “ (Eulenspiegel Verlag, 2001, S.25f.).

3. „…dass die Umstellung auf Bachelor und Master für Arbeiterkinder auch Vorteile hat …“ – Bologna

Und Humboldt heute, Bildung heute? Dafür steht der Ort Bologna -  seit 1088 Universitätsstadt, eine der ältesten weltweit, mit aktuell rund 100.000 Studenten. Und seit 1999 der Ort, in dem die Bildungsminister 29 europäischer Staaten beschlossen, bis 2010 ein einheitliches Hochschulrecht in Europa zu schaffen.

Die  –  völkerrechtlich übrigens unverbindlichen – Ziele (Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.bund-freiheit-der-wissenschaft.de/downloads/texte/vt_240903_schiedermair.pdf):

- ein System leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse und
- ein zweistufiges System von Studienabschlüssen (undergraduate/graduate) zu schaffen,
- ein Leistungspunktesystem einzuführen,
- die Mobilität durch Beseitigung von Mobilitätshemmnissen und
- die europäische Zusammenarbeit im Bereich der Qualitätssicherung sowie
- die europäische Dimension in der Hochschulausbildung zu fördern
(Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.bmbf.de/de/3336.php#Die_Inhalte).

„Wunderbar“, würde Wilhelm von Humboldt sagen, „vieles davon ist meinem Bildungsideal vereinbar: Mobilität, europäische Zusammenarbeit, Weltbürgertum.“ Aber ein genauer Blick in die Bologna-Protokolle würde ihn belehren: In Tat und Wahrheit ist es das Ende seiner Idee. Formen, Inhalte und Funktionen der  Universität werden völlig neu bestimmt. Besonders deutlich wird das am BA-Studium, also der ersten Phase eines Hochschulstudiums neuer Art. Nach nur drei Jahren gehen die Absolventen mit dem Bachelor of Arts, Science, Engineering, Laws oder Education wieder weg. Manche von ihnen dürfen sich wenigstens noch Bakkalaureus nennen.

„Mit dem Bachelor ist ein Studienabschluss eingeführt“, erläutert das Bundesministerium für Bildung und Forschung, „der bereits nach drei bis vier Jahren zu einem berufsbefähigenden Abschluss führt, so dass früher als bisher ein Berufseinstieg möglich ist.“ Und in einem von der KMK 2005 beschlossenen Papier heißt es: Die Absolventen sollen ihr Wissen und Verstehen auf ihre Tätigkeit oder ihren Beruf anwenden und Problemlösungen und Argumente in ihrem Fachgebiet erarbeiten und weiterentwickeln.

Humboldt? Die „ …Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen“ ist in diesem Modell eindeutig nicht mehr Funktion der Universität. Jetzt kommt zuerst – und für viele auch ausschließlich – die fachspezifische, berufsqualifizierende Ausbildung – Humboldt von den Füßen auf den Kopf gestellt.

In schöner Klarheit wird das  im „Nationalen Bildungsbericht 2008“ im Auftrag der KMK und des BMBF festgestellt, ich zitiere (Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.bildungsbericht.de/):

„Unter den Bedingungen wissensgesellschaftlicher Modernisierung wird die Hochschule mehr und mehr zu einer zentralen Institution beruflicher Qualifizierung.“ (a.a.O., S. 117). Wie weit die ökonomische Betrachtung von Bildung im ‚Nationalen Bildungsbericht’ gediehen ist, zeigt  die Berechnung von sog. Bildungsrenditen: Dort ist zu lesen, dass der durchschnittliche Renditezuwachs eines Hochschulstudiums gegenüber einem Vollzeitbeschäftigten mit abgeschlossener dualer Berufsausbildung rund 46 Prozentpunkte beträgt (a.a.O., S. 208).

Über ‚Bildung’ allgemein heißt es im Bildungsbericht: „Bildung bestimmt nicht nur die Entwicklungs- und Handlungschancen jedes und jeder Einzelnen in Beruf, Privatleben und als Bürger, sondern auch die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Dies hängt zum einen mit Veränderungen im Wirtschafts- und Beschäftigungssystem zusammen: Die Humanressourcen sind in hoch entwickelten Volkswirtschaften für die Wirtschaftsdynamik wichtiger als das Sachkapital“ (a.a.O., S. 6).

Da ist es nur konsequent, die Funktion des Bildungswesens schließlich so zu bestimmen: „Der Beitrag des Bildungswesens zu den Humanressourcen richtet sich sowohl auf die Sicherstellung und Weiterentwicklung des quantitativen und qualitativen Arbeitskräftevolumens als auch auf die Vermittlung von Kompetenzen, die den Menschen eine ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechende Erwerbsarbeit ermöglichen.“
(Konsortium Bildungsberichterstattung 2006, S. 2; Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.bildungsbericht.de/daten2008/bb_2008.pdf).

Was sich schon zu Zeiten Humboldts  andeutete, findet sich nun als dominantes Merkmal: Bildung wird konsequent in den Dienst des Wirtschaftslebens genommen. Ein besonders deutliches Beispiel dafür sind die sog. Stiftungsprofessuren des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft – einer Gemeinschaftsaktion der deutschen Wirtschaft. Der Verband zahlt für fünf Jahre das Gehalt sowie 15.000 Euro an Sachmitteln – rund 200 Professuren hat er seit 1985 gefördert. Auf seiner Homepage liest man dazu ziemlich unverhüllt: „Stiftungslehrstühle sind … nicht an Auftragsforschung gekoppelt. Doch ein förderndes Unternehmen kann durch den von ihm bestimmten Zuschnitt der Professur die für sich wichtigen Themen an der Hochschule verankern - und frühzeitig Nachwuchskräfte erkennen.“

Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.stifterverband.de/wissenschaft_und_hochschule/stiftungsprofessuren/index.html

Humboldt würde zu alledem sagen: „Fängt man aber von dem besonderen Berufe an, so macht man (den Menschen) einseitig und er erlangt nie die Geschicklichkeit und die Freiheit , die notwendig ist, um auch in seinem Berufe allein nicht bloß mechanisch, was andere vor ihm getan, nachzuahmen, sondern selbst Erweiterungen und Verbesserungen vorzunehmen. Der Mensch verliert dadurch an Kraft und Selbständigkeit …“ (zit. nach Ellwein, 1985, S. 116).

Und, glauben Sie mir, der nächste Schritt wird sein: Bildung selbst zum Gegenstand wirtschaftlichen Handelns, zur Ware zu machen. Der globale Bildungsmarkt wird auf 2.200 Milliarden US-Dollar geschätzt (Krautz, 2007, S. 159).

Ein Beispiel aus Deutschland dafür ist die Firma Phorms Management AG in Berlin. Sie betreibt bereits zwei private Gymnasien und sieben Grundschulen mit rund 1.000 Schülern. Die Firma schreibt über sich selbst:  „Eine Aktiengesellschaft im Schulsektor ist in Deutschland revolutionär. Unser primäres Ziel ist es, exzellente Bildung zu ermöglichen. Wir sind davon überzeugt, dass dies möglich ist, wenn man einerseits den Bildungsauftrag neu interpretiert und ihn zukunftsweisend gestaltet und andererseits wirtschaftlich denkt und handelt.  … Wir stehen für die Etablierung eines Bildungsunternehmens, das durch effektives und professionelles Management sowie dem Angebot zentralisierter Dienstleistungen positiv wirtschaftet“
(Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.phorms.de/index.php?id=66).

Das Bildungsziel wird u.a. so bestimmt: „Wir stärken Schülerinnen und Schüler in ihrem kritischen Blick, unternehmerischen Fähigkeiten und Selbstvertrauen. Unternehmerisches Handeln definieren wir dabei gemäß dem OECD-Bericht 2001 als

- Medienkompetenz,
- ausgeprägte Kommunikations- und Teamfähigkeit,
- kritisches Denken und Anpassungsfähigkeit sowie
- Ergebnisorientiertheit und Durchhaltevermögen.“

Es bleibt übrigens nicht bei der Bildung. Die ‚Marke Phorms’ vertreibt auch Schulkleidung und Fondspapieren aus dem Bildungsbereich.

Anwendungsorientierung statt allgemeiner Bildung ist das Eine. Das Andere ist, auch schon zu Humboldts Zeiten erkennbar, die Öffnung der Universitäten für soziale Gruppen, denen sie bislang kaum zugänglich war. Wie seinerzeit der abolutistische Staat nicht ohne ein gebildetes Bürgertum auskam, so funktioniert jetzt die Wirtschaft nicht ohne gut ausgebildete Akademiker aus der Mittel- und Unterschicht. Das findet sich in den Studentenzahlen: Um 1960 herum rund 160.000 Studenten, 1975 schon 836.000, gegenwärtig sind es 1.979.000 – mehr als zwölf mal so viel wie 1960 (alte und neue Bundesländer zusammen). Inzwischen sind nach einem OECD-Bericht aus dem Jahr 2008 rund 16 % der Studierenden Arbeiterkinder, die Tendenz ist allerdings wieder leicht sinkend.

Auch wenn der Prozeß das kulturelle Kapital der Bildungseliten entwertet, aus der Humboldtschen Perspektive einer allgemeinen Menschenbildung ist diese Öffnung ohne ‚wenn’ und ‚aber’ zu begrüßen. Leider gibt es einige ‚wenns’ und ‚abers’ hinsichtlich der Folgen: Bis heute  sind die Universitäten dafür finanziell und personell nicht entsprechend ausgestattet: Allein die Betreuungsrelation beträgt heute - knapp 2 Millionen Studenten und 38.000 Professoren – 1:52. Bei den Geisteswissenschaften liegt sie bei über 100
(Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.bundestag.de/dasparlament/2006/48/Beilage/001.html).

Sie ist also durchschnittlich dreieinhalb Mal, in den Geisteswissenschaften bald sieben Mal  schlechter als zu Humboldts Zeiten (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2008). In manchen Massenfächern sehen die Studenten ‚ihren’ Professor das erste Mal bei der Abschlußprüfung. Und was die Gebäude angeht: Bundesweit schätzt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Margret Wintermantel, einen Investitionsbedarf von 25 Milliarden Euro.

So ist eine allgemeine Menschenbildung nicht zu erreichen und so gesehen ist die Verschulung des Studiums im Bolognaprozeß durchaus konsequent. Mit solchen Massen kann die Universität nur fertig werden, wenn sie Bildung neu definiert und sich als Studentenfabrik organisiert. Folgerichtig müssen zukünftig alle Studiengänge in sog. Modulhandbüchern nach Form und Inhalten beschrieben werden, andernfalls werden sie von den eigens eingerichteten Akkreditierungsagenturen nicht zertifiziert. Zwischen 10.000 und 15.000 Euro kostet das pro Studiengang.

Und wenn die Universität schon verschult wird, dann kann man die Professorengehälter eigentlich auch denen der Lehrer anpassen: Nach einer Untersuchung des Wirtschaftshistorikers Jan-Otmar Hesse erhielten die Professoren in der Weimarer Republik noch das Zehnfache des Durchschnittseinkommens als Besoldung, in der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre noch das Fünffache, in den siebziger Jahren das Zweieinhalbfache und heute verdient ein W-2-Professor an der TU Dresden mit rund 3.700 Euro Grundgehalt (Ostbezüge) nur noch das 1,6fache des durchschnittlichen Ostgehalts, und damit etwa so viel wie ein 41jähriger Oberstudienrat am hiesigen Bertolt-Brecht-Gymnasium.

Überraschenderweise erhält diese Bildungspolitik Unterstützung von Bildungsaufsteigern, wie ein Zitat aus einem Interview mit Katja Urbatsch, der Gründerin der Homepage ‚arbeiterkind.de’, zeigt: „… ich glaube schon, dass die Umstellung auf Bachelor und Master für Arbeiterkinder auch Vorteile hat. Das Studium ist klarer strukturiert und nach sechs Semestern vorbei. Dieses Argument kann Eltern schon eher überzeugen – ein Bachelor dauert so lang wie eine Lehre, aber man hat damit bessere Berufschancen. Das kann die Hürde senken, sich für ein Studium zu entscheiden“
(Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/431492).

Aber ich will auch die Professoren nicht vergessen. Mich hat in letzter Zeit oft irritiert, wie kritiklos Kollegen den Bologna-Prozeß durchgeführt haben. Allzu häufig fühlte ich mich an dieses Bonmot erinnert: Wenn von der EU eine Neuerung kommt, fragen die Franzosen zuerst „Warum?“, die Deutschen „Bis wann?“. Inzwischen deutet sich aber auch ein Wandel im Meinungsklima an: In einem Thesenpapier zur Hochschulpolitik schreibt etwa der vormalige Kulturstaatsminister Nida-Rümelin: „Gemessen an seinen eigenen Zielen ist der Bologna-Prozess in Deutschland, die Umstellung auf gestufte, modularisierte Studiengänge ein Fehlschlag.“
(Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.nida-ruemelin.de/docs/bologna.pdf).

Und der Deutsche Hochschulverband, eine Berufsorganisation von knapp 23.000 Hochschullehrern, erklärte durch seinen Präsidenten, Prof. Dr. Kempen:  "Der Bologna-Prozess in Deutschland ist nur noch zu retten, wenn massiv gegengesteuert wird. Mit einem bloßen Nachsteuern ist es nicht getan"
(Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.hochschulverband.de/cms1/index.php?id=pressemitteilung&tx_ttnews[tt_news]=46&cHash=1d9016f06b).

Die Interessen der Wirtschaft  – inzwischen spricht das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (2006) von einer ‚Humankapitalschwäche’ -, der Wunsch kultureller Aufsteiger nach gehobenen und einkommensfördernden Bildungsabschlüssen und die politische Zurückhaltung vieler Hochschullehrer bilden hier eine mächtige Allianz. Über die Bildungspolitiker will ich gar nicht erst sprechen. Aber natürlich darf man auch die Frage stellen: Ist das wirklich so schlecht ? Humboldts Bildungsreform ist 200 Jahre her, jetzt muß doch einfach ein neues Bildungsideal her.

Die Antwort ist erstmal eine Gegenfrage: Muß es das wirklich? Auch die Ideale der französischen Revolution oder die ‚Virgina declaration of rights’ der Vereinigten Staaten von Amerika sind so alt – und sie gelten bis heute. Klar, was den Menschen zum Menschen macht, Bildung und Sozialisation, ist historischen Veränderungen unterworfen, gleichwohl bleiben doch auch einige Grundsätze über längere Zeiträume hin gültig. Dazu zählt aus meiner Sicht ganz gewiß die Humboldtsche Idee von der allgemeinen Bildung und von deren Priorität gegenüber der beruflichen Ausbildung.

Dafür sprechen zum einen schlichte Nützlichkeitserwägungen: Wie erwähnt, kann der allgemein gebildete Mensch sich besser an unterschiedliche Umwelten adaptieren als der zu früh spezialisierte.  Auch zivilisationstheoretisch ist der gebildete Mensch in der Regel einer, der eine höhere Affektkontrolle hat. Das erleichtert – etwa bei den Aggressionen - das soziale Zusammenleben. Schließlich braucht jedes demokratische Gemeinwesen hinreichend gebildete Bürger, um auf Dauer bestehen und funktionieren zu können. Zudem veraltet berufliches Expertenwissen vergleichsweise schnell.

Für mich persönlich gibt es darüber hinaus auch christlich-humanistische Gründe. Sie kennen ja das biblische Gleichnis von den Talenten (Matthäus 25, 20): „Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, siehe, andere fünf Talente habe ich zu denselben gewonnen.“ Das Wort „Talent“ verstehen wir heute als ‚von Gott anvertraute Fähigkeiten’. Damit ist man nicht mehr ferne von Luther, für den humanistische Bildung und ein gutes Schulwesen notwendig waren, damit die Bibel richtig verstanden wird und das Gemeinwesen richtig funktioniert: „Nun liegt einer Stadt Gedeihen nicht alleine darin, dass man große Schätze sammle, feste Mauern, schöne Häuser, viel Büchsen und Harnisch zeuge; ... sondern das ist einer Stadt bestes und allerreichstes Gedeihen, Heil und Kraft, dass sie viel feiner, gelehrter, vernünftiger, ehrbarer, wohlerzogener Bürger hat ...“.

Sowohl aus utilitaristischen wie aus ethischen Überlegungen heraus halte ich es nach allem für unabdingbar, den Humboldtschen Grundgedanken des zeitlichen und logischen Vorrangs einer allgemeinen Bildung gegenüber der berufsbezogenen Ausbildung nicht aufzugeben. Allerdings ist die Diskussion immer wieder neu darüber zu führen, welche Inhalte zur allgemeinen Bildung zu zählen sind. Daß es heute nicht mehr nur Philologie, Philosophie und Geschichte sein können, versteht sich von selbst. Die an den Universitäten zu beobachtende Umkehrung dieser Idee und die Ökonomisierung der Bildungsidee halte ich aus den skizzierten Gründen für eine ganz fatale Fehlentwicklung.

Was jetzt im Bildungsbereich – und besonders an den Universitäten - geschieht, ist die Begrenzung des Menschen auf Fertigkeiten und Begabungen, die seiner beruflichen Qualifikation und darüber hinaus den Interessen der Wirtschaft und des Staates dienen. Den Preis dafür werden die nächsten Studentengenerationen - und später wir alle - zahlen müssen. Was den Menschen zum Menschen macht, ist aber weitaus mehr, nämlich  – so zum Schluß noch einmal Wilhelm von Humboldt -  „...daß die wahre Vernunft des Menschen keinen anderen Zustand als einen solchen wünschen kann, in welchem nicht nur jeder Einzelne der ungebundensten Freiheit genießt, sich aus sich selbst, in seiner Eigentümlichkeit zu entwickeln, sondern in welchem auch die physische Natur keine andere Gestalt von Menschenhänden empfängt, als ihr jeder Einzelne nach dem Maß seines Bedürfnisses und seiner Neigung, nur beschränkt durch die Grenzen seiner Kraft und seines Rechtes selbst und willkürlich gibt."

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Univ. Prof. Dr. Peter Winterhoff-Spurk
Universität des Saarlandes
AE Medien- und Organisationspsychologie
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66041 Saarbrücken
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