
KULTURKALENDER
Ein rauschendes Fest der Sinne
Montag, 11. MaiDas Luxemburger Nationalmuseum für Geschichte und Kunst zeigt „Zwischen Heiligem und Profanem“, barocke Meisterwerke aus dem Besitz italienischer Banken.
Gewiss: Wir lieben das Geistige in der Kunst und haben uns daran gewöhnt, das Alltägliche zur Kunstikone zu erheben. Und doch: Beim Anblick der barocken Meisterwerke, die für ein paar Wochen ihre Tresore verlassen durften und jetzt im Musée national d’histoire et d’art in Luxemburg hängen, überkommt einen plötzlich eine geradezu hungrige Freude am Sehen.
Schwelgen ist angesagt beim Anblick der Gemälde aus dem 17. Jh., die dort am Fischmarkt ein rauschendes Fest aus Farben, Temperament und Sinnenfreude feiern. Die Fülle des italienischen Barocks tut sich inhaltlich und malerisch auf, jene Epoche tiefster Innerlichkeit und höchster Ekstase, in der sich – worauf der Titel der Schau hinweist - Weltenlust und Himmelssehnsucht verbinden. Es ist die Zeit, in der die Kunst menschlich wird und der Himmel darin gleichsam auf die Erde kommt, erfahrbar mit den eigenen Sinnen.
In sieben Abteilungen ist die Schau geordnet, deren Bilder zum Teil aus so bedeutenden Sammlungen stammen wie denen der italienischen Adelsfamilien Pallavicini und Barbarini. Es geht um Altarbilder, Heiligenlegenden und Allegorien, um die Kraft des Mythos, um Historienmalerei, Dichtung und Porträt. Neben den Adelshäusern war die Kirche der größte Auftraggeber für die barocke Bildkunst. „Was nicht der Wirklichkeit entspricht, ist nichtig“, Caravaggios berühmte Einsicht nutzten auch die geistlichen Auftrageber der Gegenreformation, die, wohlwissend um die Überzeugungskraft der Bilder und bestens erfahren im PR, lange bevor es den Begriff gab, die Kunst in ihren Dienst nahmen. Man muss sich nur die plastischen weichen Leiber der Heiligen und des Jesuskindes ansehen, die scheinbar fühlbaren Stoffe oder Guido Renis großartigen Moses, dessen roter Mantel das Bild befeuert. In Spadarinos wunderbar intimem Bild mit dem Engel gleicht der Himmelsbote dem kleinen Jungen von nebenan, der sich ein Buch vorlesen lässt. Nur dass der nicht so hinreißend blaue Flügel hat. Das Barock ist aber auch die große Zeit der Feste, des Pomps, der Mythen und des Theaters. All das geht – wie hier zu sehen - in die Malerei ein. Das Bild wird zur Inszenierung von Leidenschaft und Rausch. Jede Linie gerät in Bewegung.
Die barocken Italiener sind Meister der Dramaturgie, der Lichtregie. Sie verstehen sich auf Hell-Dunkel-Wirkungen, auf Innenwelten, die sich in Gebärde und Mienenspiel veräußerlichen. Wer in Allessandro Tiarinis Bild „Rinaldo und Armida“, die weiße entblößte Brust Armidas und ihren angstvollen Blick sieht, hat schon das ganze Drama verstanden. Ein atemraubendes Handgemenge ist Massimo Stanziones „Massaker der unschuldigen Kinder“. Zu den Highlights gehören die Bilder von Guido Reni, Lorenzo Pasinellis wunderbarer entwaffneter Amor, Luca Giordanos „Susanne und die Alten“, Rutilio Manettis Hl. Sebastian, Battistellos großartige „Heilige Familie“ und Bernadino Meis „Fortuna zwischen Tugend und Notwendigkeit“. Es reicht nicht, diese Bilder zu betrachten, man muss sie im Wortsinn er-leben und das am besten nicht nur einmal.
Eva-Maria Reuther
Bis 17. Mai, Di - So 10-17 Uhr, Do bis 20 Uhr, Tel.: 00352 47 93 30-1, www.mnha.lu




