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KULTURKALENDER

 

Dem Künstler, nicht dem Kunstvermittler

Samstag, 9. Mai


Jo Enzweiler erhält den Albert-Weisgerber-Preis für Bildende Kunst der Stadt St. Ingbert

Jo Enzweiler - Preisträger des Albert-Weisgerber-Preises für Bildende Kunst 2009



Jo Enzweiler erhält den Albert-Weisgerber-Preis für Bildende Kunst der Stadt St. Ingbert 2009

 „Ich habe gemerkt, dass ich im Umgang mit der Kunst die größte Ruhe für mich selbst gefunden habe. Und dann habe ich versucht, das ordentlich zu machen, habe mir Lehrer gesucht, habe das Studium begonnen und was damit zusammenhängt“, begründete einmal Jo Enzweiler seinen Wechsel von Jura zur Kunst. Mehr als 50 Jahre liegt dieser Entschluss zurück und verpflichtet hat ihn seitdem der Anspruch, in seinem Beruf als Künstler etwas „ordentlich zu machen.“  Dabei hat er nie nur die eigene Arbeit im Blick gehabt, sondern immer auch den Zusammenhang, in dem seine Arbeit ihren Platz hat.  

„Und dann habe ich versucht, das ordentlich zu machen…“  

Jo Enzweiler hat sich dieser Aufgabe grundlegend gestellt. Er suchte sich seine Lehrer. In Toulon an der Ecole des Beaux-Arts Olive Tamari, an der Universität Aix-en-Provence, an der Akademie der Bildenden Künste Ernst Geitlinger und in Saarbrücken am Hochschulinstitut für Kunst- und Werkerziehung an der Staatlichen Werkkunstschule Saarbrücken schließlich Boris Kleint. Jo Enzweiler absolvierte sein Kunststudium und trat als examinierter Kunsterzieher in den Schuldienst an einem Saarbrücker Gymnasium ein. Bei vielen endet damit die eigene künstlerische Arbeit, aber nicht bei ihm. Enzweiler hatte die längst die von Boris Kleint gegründete „neue gruppe saar“ mit seinen ehemaligen Studienkollegen übernommen und mit Ausstellungen in Saarbrücken, vor allem aber über Ausstellungen in der Bundesrepublik und im Ausland allmählich ein Netzwerk aufgebaut, das bis heute trägt. Aus der offenen Künstlergruppe, in der sich Vertreter der ungegenständlichen Kunst begegneten, verschärfte allmählich ihr Profil hin zur Konstruktiv-Konkreten Kunst und fand 1969 in der neugegründeten Galerie St. Johann in Saarbrücken ihr Forum. Seitdem gehört Enzweiler dieser in der Rechtform einer GmbH organisierten Galerie als künstlerischer Berater an.  

Enzweiler blieb Kunsterzieher jedoch weitete er sein Wirkungsfeld über die Schulräume hinaus aus. Er sah den größeren Zusammenhang, weil er wusste, dass künstlerische Arbeit im Saarland auf Dauer nur mit einer entsprechenden Infrastruktur zu entwickeln ist. Dazu gehörte die Ausbildung angehender Kunsterzieher. 1972 wechselte er an die damals noch bestehende Pädagogische Hochschule der Saarlandes, um dort Graphische Gestaltung zu lehren. Nach Auflösung der Schule überführte man seine Stelle in den Fachbereich Design an die Fachhochschule des Saarlandes. Er kehrte damit zu seinen Anfängen in Saarbrücken zurück. Denn der Fachbereich Design bildete den kümmerlichen Rest der einst in Saarbrücken seit 1924 bestehenden Tradition der Kunstschulausbildung.  Enzweiler kümmerte sich auch dort um das Lehrgebiet der Künstlerischen Druckgraphik. Doch der Rahmen schien ihm noch nicht ordentlich genug. Mitte der achtziger Jahre kam die Diskussion auf, im Saarland wieder eine Kunsthochschule zu gründen. 1987 wurde dieser Plan konkret. Ein Jahr darauf gehörte Jo Enzweiler zum Gründungsbeirat und war Gründungsrektor, als 1989 die Hochschule der Bildenden Künste Saar offiziell eröffnet wurde. Dort hatte er bis er 1999 mit 65 Jahren aus der Lehre ausschied eine Professur für Malerei.    

Hommage à El Lissitzky  

Als Künstler hatte Enzweiler bereits 1978 den öffentlichen Raum als Kunstort für sich definiert. Auf dem St. Johanner Markt in Saarbrücken hatte er seine Installation „Hommage à El Lissitzky“ gesetzt. Darin bündelte sich, was seine Arbeit bestimmte, wie der Saarbrücker Kunsthistoriker Lorenz Dittmann aus Anlass der Verleihung des Albert Weisgerber Preises für Bildende Kunst, feststellte. Enzweiler der alles andere als ein Theoretiker der Konkreten Kunst ist, folgt in der Praxis, im Schaffensprozess ihren Prinzipien, die zugleich sein Werk beschreiben: „Konkret ist Einfachheit, konkret ihre Materialbezogenheit und ihre geometrische Orientierung.“ Dabei folgt er in der Wahl seines Werkstoffs, dem Papier, „der saarländischen Schule der Konkreten“, erinnerte Lorenz Dittmann.

Altpapier gebündelt und zu einem Haus getürmt, hatte er zur Skulptur auf dem St. Johanner Markt gefügt. In deren Innern zeigte sich das, was er in den späten Sechzigern entdeckt und seitdem zu seinem Feld gewählt hat: Den Karton, dem er durch Risse und Schnitte in die Oberfläche eine ganze Bildwelt entlockte.   Im öffentlichen Raum und in öffentlichen Gebäuden haben in der Zwischenzeit viele seiner Reißreliefe Platz gefunden. Den öffentlichen Raum zu gestalten, galt für ihn noch in anderer Hinsicht. 1993 gründete er das Institut für aktuelle Kunst im Saarland, das sich rund um die Begriffstrias Archivieren-Informieren-Publizieren sich mit der Kunst im öffentlichen Raum und einem Archiv der Künstler der Region in Publikationen beschäftigt. Einem Land künstlerische Strukturen geben, bindet Enzweiler als Künstler und Kunstvermittler.

Dass es dazu immer auch Verbündete und Partner braucht, war für ihn immer selbstverständlich. Zusammen mit der Sparda Bank Südwest und deren Stiftung Kunst, Kultur, Soziales baute er als deren künstlerischer Berater für einen Kunstraum in der Saarbrücker Niederlassung eine Sammlung mit ausgewählten Arbeiten der Konstruktiv-Konkreten Kunst auf. Verantwortung für das Werk und die Werke anderer, aus denen sich die künstlerische Infrastruktur eines Landes bildet, bindet ihn bis heute. Aktuell ist der Plan, ein Stiftermuseum für die Künstlernachlässe und Sammlungen zu schaffen, in das die Lebenswerk von Sammlern und Künstler eingehen können und so vor dem Zerfall und dem Vergessen bewahrt werden.    

Das Gleichnis des Marburg-Projektes  

Die künstlerische Arbeit Enzweiler mag dabei für manchen in den Hintergrund treten. Jedoch nie für ihn selbst. Die Auszeichnung mit dem Albert-Weisgerber-Preis für Bildende Kunst der Stadt St. Ingbert und die 10.000 Euro Preisgeld bezeugt seine Existenz als Künstler öffentlich. Das ist ihm, erklärt er, „das Angenehme daran.“  Die eigene künstlerische Arbeit gehörte immer dazu und lebt von dem, was ihn ausmacht: „von der Fähigkeit, sich selbst zu organisieren und Probleme so zu strukturieren, dass es zum Erfolg führt.“ Dazu braucht es die Disziplin und „bei der Sache bleiben“, fasst es Jo Enzweiler zusammen, „und sich selbst Möglichkeiten schaffen.“ Gerade sind es die neuen plastischen Arbeiten aus dem ihm vertrauten Karton und Papier, die mit der Erfahrung aus 50 Jahren in Kopf und Händen entstehen. Dabei gilt, was für ihn immer galt: „Man muss es nur machen.“  

Lorenz Dittmann, der bei der Preisverleihung in der Stadthalle St. Ingbert am 10. Mai, dem Todestag Weisgerbers,  die Laudatio auf Enzweiler hielt, hat dabei im Werk Enzweilers dessen künstlerische Wesenszug ausgemacht. Das 2003 für den Marburger Kunstverein entwickelte „Marburgprojekt“ zeigt 189 Bildtafeln. Kadmiumgelber Karton überzieht die Holztafeln, denen Enzweiler eine Reißrhythmus einverleibte und ihnen die gemessene Bewegung eines souveränen Entdeckers in der Welt des Papiers gab. Für Dittmann ist dieses Werk nichts weniger als ein Gleichnis „für Enzweilers Geduld und Ausdauer, für sein Festhalten an dem einmal gefassten Plan, für seine Sorgfalt im Kleinsten wie im Größten und für seinen langen Atem in der Verfolgung umfassender, weit vorausschauender Ideen. Dafür gebührt ihm der Albert-Weisgerber-Preis für Bildende Kunst der Stadt St. Ingbert 2009.“   sg  

Preisverleihung an Professor Jo Enzweiler im Rahmen einer Feierstunde am Sonntag, den 10. Mai um 11 Uhr in der Stadthalle St. Ingbert, Am Markt  

Künstlerblatt Jo Enzweiler erhältlich zum Preis von 5 Euro beim Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Choisyring 10, 66740 Saarlouis. Fon: 068 31/ 460 530; www.institut-aktuelle-kunst.de; email: info(at)institut-aktuelle-kunst.de

 www.joenzweiler.de

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