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KULTURKALENDER

 

DECOR. UM - Manieriertes made Meisenthal

Freitag, 1. Mai


DECOR UM - Statt Blumen ziehen Kondenstreifen um den Glasrand

Glasdekor von Carsten Feil, Saarbrücken



Glasausstellung im Ministerium für Finanzen des Saarlandes

Im Grenzland von Saarland, Rheinland-Pfalz und Lothringen liegt das Dorf Meisenthal. Dort wurde seit 1704 Haushalts- und Gebrauchsglas produziert. Einen ersten Höhepunkt erlebten Meisenthal und seine Glashütte im 19. Jahrhundert, als man sich zusätzlich auf die Produktion von Kunstglas verlegte. Dafür steht der Name Gallé. Schon der Vater des bedeutenden Glasmachers und Fabrikanten Emile Gallé, der Großhändler Charles Gallé arbeitete mit der von Mathieu Burgun betriebenen Glashütte in Meisenthal zusammen. Sohn Emile wurde hier zum Glasmacher ausgebildet. Zwischen 1885 und 1894 fertigte die Glasmanufaktur Meisenthal an 20 Tagen im Monat ausschließlich nach den Entwürfen Emil Gallé. Die „ausführende Hand Gallés“, wie sich Désiré Christian selbst bezeichnete, versah diese Aufgabe als Leiter des Malerateliers der Hütte seit 1877.  

Bereits 1874 war eigens für Gallé ein Atelier mit Versuchsöfen eingerichtet worden. Auch sein Bruder Francois stand als Keramikmaler in Diensten Gallés. Die Pointe dieser Zusammenarbeit setzten die politischen Verhältnisse. Denn Meisenthal gehörte nach dem Krieg von 1870/71 zu Deutschland, während Nancy, der Geschäftssitz des Patrioten Gallés war. Daher wurden die in Meisenthal von Désiré Christian gefertigten Glasobjekte mit dem Namenszug Gallés und der Ortsangabe „Nancy“ versehen. Désiré Christian blieb im Schatten, was ihm später, als er 1898/99 mit Bruder Francois und Sohn Armand ein eigenes Atelier eröffnet hatte, den Ruf einbrachte, in der „Art Gallés“ zu arbeiten. Als er mit 61 Jahren 1907 starb, war damit auch das Ende des Ateliers Christian markiert.  

Meisenthal – auf den Spuren der Vergangenheit in die Gegenwart  

Meisenthal produzierte weiterhin Glas, versuchte sich an der Massenproduktion und scheiterte im internationalen Wettbewerb. Dafür fehlten dem kleinen Ort am Rande Lothringens die Kapazitäten. Nach einer kurzen Phase der industriellen Fertigung von Pressglas für den Hausgebrauch in den zwanziger und dreißiger Jahren stieg die Hütte nach 1945 wieder aufs Glashandwerk um. Jedoch fand sie keinen Markt mehr für ihre Erzeugnisse und schloss 1969. Die Anlage zerfiel, die Region, ohnehin strukturschwach, konnte dem nichts entgegen setzen. Ein Förderkreis aus ehemaligen Glashüttenarbeitern formierte sich 1975 und plante den Aufbau eines Glasmuseums Die Hütte lag danieder, aber nicht ihre Erbe. Der Förderkreise sammelte Geräte zur Glasherstellung sowie Glaskunst der Jugendstilzeit. Darauf gründete das 1983 eröffnete Glasmuseum. Dessen  bis dahin eher verborgene Geschichte verband sich in den neunziger Jahren eng mit der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken.    

Durch den Plan der 1989 gegründeten Kunstschule, hier einen Studiengang für Glaskunst aufzubauen, erhielt Meisenthal wieder eine Perspektive. Zwar gab es keinen Studiengang, doch finden seit 1992 Glaskunst, regelmäßig Workshops mit international angesehenen Glaskünstlern und Designern wie Borek Sipek, Jasper Morrison und Enzo Mari für Studierende der Kunstschulen in Saarbrücken und Nancy statt. Künstlerischer Leiter der Meisenthaler Aktivitäten war bis 2003 der in Saarbrücken lehrende Produktdesigner Andreas Brandolini.  

Glasdekor – Zierrat mit Bremsspuren    

Die Ergebnisse dieser Arbeitstreffen zeigte 1995 die Ausstellung „Reflexionen“ im Historischen Museum Saar  und 2002 die Schau „Touché“ im Hofhaus Wadgassen, den späteren Räumen des Deutschen Zeitungsmuseums Wadgassen. Nun zieht „DECOR UM“ im Foyer des saarländischen Finanzministeriums mit 600 Prototypen von 80 Designern, wozu auch die Studierenden gezählt werden, die Bilanz der Jahre 2005 bis 2008. Die Grundlagen sind nicht nur in Meisenthal längst gelegt, darum kann man sich durchaus auch um das Dekor, die Zierde der Oberflächen kümmern. DECOR.UM widmet sich daher den zeitgenössischen Interpretation traditioneller Glasdekortechniken. Sprich, dem Ätzen, Sandstrahlen, Versilbern, Gravieren und Emaillieren, das auf Infotafeln und in Videos erklärt wird. Überhaupt erweist sich die sympathisch-sachliche  Präsentation des besseren Transports wegen auf Holzpaletten und in verglasten Holzkästen als erfreulich pragmatische Präsentation, die sich erst gar nicht verblasen kunstvoll gibt.  

Die Farbgebung der Kästen von blassem Orange bis mattem Blau lässt die Arbeit der Studierenden von denen der Designer unterscheiden. Obschon das auch so gut zu erkennen ist: Experimentierfreudig und unbeschwert die Studierenden, souverän mit Blick aufs Serienprodukt die Prototypen die berufserfahrenen Designer und dazwischen die Gruppe der Jungdesigner. Sie liefern zum Teil bezaubernde Einfälle, in Gestalt von beiden Seiten ins Glas geschliffener Blüten oder anhand von Kondensstreifen ziehenden Flugzeugen, Reifenspuren bremsender Formel-Eins-Boliden oder ein aufgezogener Reißverschluss, die sich auf und im Glas wiederfinden und damit der Tradition der Glaskunst neue Aspekte abgewinnen.  

sg

 

Ausstellung bis zum 29. Mai im Foyer des saarländischen Finanzministeriums. Öffnungszeiten von Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr.  

www.hbksaar.de  

Internationales Glaszentrum (CIAV) Meisenthal und Glasmuseum, Place Robert Schuman Öffnungszeiten: täglich, außer Dienstag, von 14 bis 18 Uhr. Eintritt für Glaszentrum und Museum: 6 Euro, 3 Euro ermäßigt; Gruppen: 5 Euro/Person, 2,50 Euro ermäßigt. Anmeldung: 00 333-87 96 91 51; 00 333- 87 96 87 16, Email: ciav@wanadoo.fr; www.ciav-meisenthal.fr