Schwerpunkt Ausgabe 28
Wörter schrauben

Ein Crash-Kurs in Romanschreiben
Selbstredend, liebe Leserinnen und Leser, können Sie nicht ernsthaft erwarten, auf schmalen 4500 Zeichen einen vollständigen Schreibwerkstattkurs präsentiert zu bekommen – aber einige knappe Lektionen, das geht, sofern man sich auf die Leistungsfähigkeit von Literatur konzentriert.
Ich möchte vier Fähigkeiten unterscheiden: Die Literatur verstärkt Wirklichkeit; die Literatur konstituiert Wirklichkeit; die Literatur inventarisiert Wirklichkeit; die Literatur rundet Wirklichkeit.
1. Die Literatur als Wirklichkeitsverstärker
In literarischen Porträts kommen die Protagonisten der Romane viel prominenter zur Darstellung, als es in der Lebenswelt schlechterdings möglich ist, weil der Eindruck, den eine Person real oder in den überlieferten Quellen macht, eine Verdichtung durchläuft. Literatur funktioniert also als Eindrucksverstärker. Der Roman ‚Der Besuch des Leibarztes‘ von Per Olof Enquist etwa verdichtet exemplarisch das Leben von Johann Friedrich Struensee, Leibarzt des dänischen Königs und Liebhaber der Königsgattin. Dem Leser steht das Bild dieses Mannes klarer vor Augen, als es den Zeitgenossen überhaupt möglich war.
Wir haben ein erstes Ergebnis und eine erste Lektion, die Sie bitte in den nächsten Tagen umsetzen: Beschreiben und vor allem: verdichten Sie den Eindruck, den eine Ihrer Alltagslegenden auf Sie macht. Sie dürfen sich von Ihrem Geschmack leiten lassen. Vielleicht nehmen Sie eine Figur aus dem Fußballbereich – Jürgen Klopp wäre hier der ideale Kandidat.
2. Die Literatur als Wirklichkeitserfinder
Literatur erfindet Wirklichkeit. Das ist die altbekannte Stärke literarischer Fiktion. Sie beschränkt sich nicht nur auf Lebensläufe, sondern, wenn sie Traute hat, erfindet sie mythopoetisch eine Geschichte über die Weltentstehung wie Doris Lessing in dem Roman ‚Die Kluft‘. Oder denken Sie an die Fähigkeit der Literatur, surreale Welten zu erschließen: In der herrlichen Erzählung ‚Die Nase‘ von Gogol stellt der Protagonist plötzlich fest, dass ihm seine Nase fehlt, er veröffentlicht sogar in der Zeitung eine Vermissten- und Suchanzeige. Oder, meine Lieblingsgeschichte, der seriöse Literaturprofessor David Kepesh erwacht in einem Kurzroman von Philip Roth als enorme weibliche Brust: ‚Die Brust‘.
Ein zweites Ergebnis lässt sich also vermelden: Literatur kann Wirklichkeiten oder sogar ganze Welten konstituieren. Machen Sie die Probe aufs Exempel. Schreiben Sie, das hat es so noch nicht gegeben, eine kleine Erzählung, in der Sie plötzlich als der linke Schuh (Highheels, bitte) Ihrer Schwägerin, oder, wenn Sie die Aufgabe zu sehr aufwühlt, von Paris Hilton erwachen.
3. Die Literatur als Wirklichkeitsspeicher
Keine kleine Kunst: Die Literatur speichert Wirklichkeit und das Gefühl vergangener Jahre. Die oft gescholtenen Romane von Johannes Mario Simmel leisteten diese Archivfunktion nahezu perfekt, oder denken Sie an die Romane der sogenannten Popkultur der neunziger Jahre, oder an die jüngst wiederentdeckten Familienromane, exemplarisch in dem fast tausend Seiten dicken Schmöker von Jan Brandt ‚Gegen die Welt‘.
Eine kleine Aufgabe: Archivieren Sie das Lebensgefühl der sexuellen Rebellion. Wer war auch noch Erika, oder Maybritt? War es in Mutlangen oder im Hinterhof des Lokals Bingert? Erinnern Sie ihr erstes Vorhof-Flimmern.
4. Die Literatur als Wirklichkeitsrunder
Zu Schluss die schwierigste Aufgabe: Das gute Ende. Einen offenen Romanschluss bekommt jeder Anfänger hin. Auch eine Tragödie ist relativ einfach zu schreiben, aber einen Romanschluss zu erfinden, der gut endet ohne in Kitsch abzurutschen, ist große Kunst. Ich möchte Ihnen einen Roman dringend zur Lektüre empfehlen, sofern Sie diesen Roman noch nicht gelesen haben: ‚Freiheit‘ von Jonathan Franzen. Vor allem das Ende. Große Kunst. Wie gesagt.
Ein letzter Auftrag: Schreiben Sie einen siebenhundert Seiten starken Roman vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Krisensituation – Stuttgart 21 etwa –, wählen Sie als Thema eine Familiengeschichte, in der die Mutter-Tochter-Geschichte, die Mutter hatte inzwischen ihr lesbisches Coming-out, kitschfrei endet.
Für alle Schreibhungrigen gilt: Haben Sie keine Angst. Auch wenn Sie nicht Walser heißen, gibt es für Sie eine Zukunft. Arbeiten Sie die Lektionen ab, die ich Ihnen vorgeschlagen habe. Für das Romanschreiben gilt: 10% Inspiration, 90% Transpiration. Hochprozentiges hilft leider selten.
Klaas Huizing




