Schwerpunkt Ausgabe 21
Chanson, das heißt hier manchmal auch Couplet …

- Ganz Chansonnière: Elfriede Ott als Chesterfield-Girl während der 70er Jahre ©Elfriede Ott
Die österreichische Schauspielerin
und Chansonnière Elfriede Ott wurde
85 und lebt nach wie vor auf der
Bühne
In Wien ist sie ein Urgestein, eine Art lebendiges
Bühnendenkmal und jeder weiß,
wenn von der ‚Ott‘ die Rede ist, daß es
sich um die Grande Dame des Schaupiels
und des Chansons nicht nur auf österreichischen
Bühnen handelt. Die gelernte
Uhrmacherin (*1925 in Wien) debütierte
1944 am Wiener Burgtheater. Als Pendlerin
zwischen den deutschsprachigen
Bühnen von Hamburg bis Graz während
der 50er und 60er Jahre ist sie bis heute
u. a. Mitglied des berühmten Theaters in
der Josefstadt. Dazu war sie in zahlreichen
TV-Serien zu sehen – sie spielte in der
bekannten Serie ‚Hallo Hotel Sacher, Portier!‘.
Als Chansonsängerin hat sie – oft
zusammen mit Bühnenpartnern wie Gerhard
Bronner oder Fritz Muliar – Furore
gemacht.
Ein zeitgenössisches Lexikon zu Kabarett
und Bühnenkunst untertitelt den Beitrag
über Elfriede Ott mit den Definitionen
‚Schauspielerin, Chansonnière, Regisseurin‘,
was der eigentlichen Vielfalt der
Talente dieses Bühnenmenschen nur annähernd
gerecht werden kann. Als langjährige
Leiterin des Wiener Konservatoriums
zur Ausbildung junger Schauspieler
und als Intendantin der Nestroy-Festspiele
auf Burg Liechtenstein gilt ein Gutteil
ihrer Leidenschaft auch dem Werk von
Johann Nepomuk Nestroy. Ein Kennzeichen
dieser Bühnenwerke sind die unzähligen
Couplets, meist gereimte Liedunterbrechungen,
die oft scherzhaft-satirisch,
manchmal auch witzig-zweideutig oder
frivol auf die reale Gegenwart verweisen,
worin man nicht nur Nähen zum Chanson
entdecken kann. Beide kommen ja aus der
gleichen mittelalterlichen Tradition der
Troubadoure und Kreuzfahrer und doch
haftet dem Couplet das spezifisch österreichische
an, das nicht zuletzt aufgrund
der Interpretationen durch Elfriede Ott
so eine besondere Popularität genießt.
Daß man in der Nähe des Chansons leicht
auch das Wienerlied ansiedeln kann –
wenn auch mit stärkerem Lokalkolorit –
versteht sich von selbst.
Zwischen Burgtheater, Nestroy, Wienerlied
viel intensivem Leben für und auf der Bühne hat die immer noch bühnenselige
Kammerschauspielerin und seit 2005 private
Schauspielschul-Leiterin Elfriede Ott
ein Chanson eigens über das Chanson
verfaßt. Mit einem ‚Vivat‘ und dem obligaten
„Hals- und Beinbruch“ zum 85sten
hier der ganze Chanson im Wortlaut:
Chanson
Du wirst
Gesungen geflüstert geplaudert gebrüllt,
verjubelt verhalten verschleiert zerfühlt,
erlebt und zerbebt und trocken gesprochen,
in Sätze zerlegt, in Worte zerbrochen.
Chanson – Chanson - Chanson –
Du hast in dir alle Chancen:
zum Schlager zum Hit,
du sagst was verhaucht ohne Stimme
und mit: Erlebtes, Erliebtes, Erlittenes,
verkündest Gezieltes, Verbittertes,
Verstecktes Verspieltes Zerrüttetes.
Erfindest Verschrecktes Betrübtes,
Erschüttertes
Chanson – Chanson - Chanson –
wenn man die Form nicht genau
definiert, sagt man:
das ist ein Chanson.
Ist es kein Lied, nur so locker serviert,
sagt man:
das ist ein Chanson.
Ist es kein Song heut für morgen kreiert,
sagt man:
das ist ein Chanson.
Ist es keine Arie ist es kein Choral,
ist es nicht Folkore ist es nicht sakral,
hat es keine Koloratur, singt man’s nicht
im Falsett,
ist es kein Quartett, keine Valse Musette,
hat es Geist in sich mit Gedankenstrich
das geht nur beim Chanson
da wird Liebliches Hohn
Salon wird Vision
ein Stein zum Ballon
ein Ton polyphon
Das geht nur im Chanson.
Wie erklärt man nun eigentlich Chanson?
Th! Geht nur im Chanson, geht nur im
Chanson!
(Elfriede Ott)
Patrick H. Feltes




