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Leseprobe Kultur Ausgabe 21

Seh’n! Seh’n! Seh’n! auf der Autobahn

20 km Autobahnkunst auf der A4 Richtung Paris ©Georg Bense

Kunst am Straßenrand

 

Blaue Momente. Gelbe Sekunden. Rote Augenblicke. Bei 130 km/h. Grüne Kugeln ,zwei, nein drei – vorbei. Grasböschung. Vorbei. Büsche, dazwischen eingelbgrüner Würfel. Bäume vor weitem Horizont. In der Ferne ein Gehöft. Blick auf Felder. Unterbrochen von Böschungen,belegt mit bunten Dreiecken. Quadraten.In schnellem Vorüber folgen Farben auf Farben. Unterwegs zwischen Saarbrücken und Paris. Autobahn A4.Hinter der Ausfahrt Sainte-Ménehouldbeginnen 20 Kilometer Autobahnkunst. Die Eintönigkeit der Landschaft ist aufgebrochen durch Formen und Farben. Stelen wie Totempfähle, vereinzelt und in Gruppen. Funktionslose Gestaltungselemente wachsen in den Himmel der Ostchampagne, erinnern sekunden lang an Bilder von Mondrian, Bill oder Albers.

 

Der deutsch-mexikanische Künstler Mathias Goeritz (1915 – 1990) war einer der Ersten, der autonome „skulptural entwickelte Kunstbauten“ in die gleißende Monotonie mexikanischer Wüstenstraßen setzte. Mehrfarbige Turmgruppen gegen die Eintönigkeit von Stadtlandschaften entwarf. Von „Signalen der Zukunft“, sprachen Kritiker, rühmten seine berühmten „Torres de Satélite“ in Mexiko-City.

„Eine Gruppe von Elementen wie zum Beispiel meine Turmgruppe wirkt wesentlich monumentaler als ein einzelnes Element, das einsam in der Gegend steht“,so Goeritz. „Solche Elemente müssen ein harter, farbiger Schlag sein, ein Hit in der Langeweile einer Landschaft“. In der monotonen Einsamkeit der Champagne sind die bunten Elemente an der Autobahn nicht unbedingt ein Hit, wohl aber eine Überraschung, die unerwartet im Blickfeld des Fahrers auftaucht, schnell im Rückspiegel zurückbleibt.

 

Kuben, Pyramiden,Kugeln und Zylinder, alles vertraute Formen, deren Farbigkeit mit einem kurzen Blick erfasst, registriert werden kann und als Stakkato von Formen und Farben das gelangweilte Auge fesselt. Kunst am Straßenrand verlangt Aufmerksamkeit um jeden Preis. Freiluftskulpturen, die sich sowohl an technischen wie auch ästhetischen Forderungen orientieren und denen wir abseits von Museen begegnen. Zielpunkte am Fahrbahnrand mit denen jenseits der Windschutzscheibe ein spontanes Treffen stattfindet.

 

Ästhetik für den Augenblick, die ihren Reiz aus dem Verkehrsflussschöpft. Dann, wenn die Autofenster einmal mehr zur Leinwand werden, auf der das Auge einer Kamerafahrt gleich, den Fahrbahnrand als Bildfolge registriert. Die darin integrierte Kunst ist aber nicht nur Teil eines schnellen Vorüber. Sie findet auch außerhalb des Autos statt. Aus dem Stand heraus. Als festes Bauwerk, dem man nicht ausweichen kann, das man schön oder hässlich, vielleicht überflüssig findet. Die Beziehung zum Verkehr bleibt jedoch bestehen..................

 

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Georg Bense