Saarland Online
 

Leseprobe Wissen Ausgabe 19

Famulus Rex

Die Metamorphosen des Bernhard Kramann

 

„Während meine schriftstellerische Karriere noch nicht einmal richtig begonnen hat, ist Patrizia auf der Karriereleiter ganz oben angekommen. Sie ist jetzt Geschäftsführerin eines großen Einkaufszentrums, und ihre spärliche Freizeit verbringt sie mit Dressurreiten. Das ist ein schöner Sport, aber leider konnte sie das Dressieren auch zu Hause nicht lassen. Bis zum großen Krach. Seitdem herrschen Ruhe und Frieden. Wir streiten uns nicht mehr –weil ich ausgezogen bin. Jetzt bin ich frei, aber auch frei von Ideen. Mir fällt nichts mehr ein. Und für Schriftsteller ist solch eine Schreibblockade eine Katastrophe.

“Pointiert und ironisch verknappt wird in dem neuen Roman von Bernhard Kramann Sterben ist leicht (Shaker Media Verlag,2010) mit einem eingängigen Bild das Wesen der (schriftstellerischen) Kultur eingefangen: Kultur ist das Wechselspiel von Wildwuchs und Dressur. Man darf nicht mehr ganz jung sein oder muss langwierige Nietzsche-Lektüren hinter sich  haben, um so griffig Kultur definieren zu können.

Bernhard Kramann besucht uns in der Redaktion. Ich habe ihn eingeladen, weil mich Doppelbegabungen interessieren, denn über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist Kramann als langjähriger Direktor der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie in Homburg, seine schriftstellerische Karriere hat er erst nach der Emeritierung begonnen.

So eben ist sein zweiter Roman erschienen. Man sieht Kramann – groß, schlank, gleichermaßen skeptisch reserviert und interessiert – seine Vorfahren an, aufgewachsen ist er im Westfälischen, „amSchreibtisch meiner Mutter“, wie er sagt. Seine Eltern sind beide Ärzte, und in der mutterwarmen Nähe durchläuft der junge Kramann eine jahrelange Famulatur.

Er lernt hier nicht nur den kranken Menschen zu beobachten („blasses Munddreieck“)  und Symptome zu deuten, sondernfür die spätere literarische Kunst hilfreich sind geschlechtsspezifische Einsichten, die er davon trägt: Antwortet ein Patient auf die Frage der Mutter: Haben Sie Kopfschmerzen? mit: Eigentlich nicht, bedeutet die Antwort bei Frauen: Ja, ich habe Kopfschmerzen, bei Männern: Nein, ich habe wirklich keine Kopfschmerzen.......

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