Schwerpunkt Ausgabe 19
Am Anfang war das Kaugummi-Bildchen

Roy Lichtensteins Adaption des Comic-Strips
Süßer Vogel Jugend?Bilder als Streitschrift für die Jeunesse dorée?Mitnichten.
Roy Lichtenstein, Sohn eines jüdischenImmobilienmaklers mit deutschen Wurzeln, aufgewachsen in Manhattans Upper Westside, ist bereits 37 Jahre alt und milde von der eigenen Karriere als Maler enttäuscht, als er sein privates Offenbarungserlebnis durchmacht. Bisher hat er sich im Stil des Abstrakten Expressionismus eines Willem de Kooning versucht, aber sein Naturell – intellektuell, distanziert, beobachtend– widerstreitet diesem Gestus.
Und dann, an einem Sommertag 1961, nörgeln seine Kinder so lange, bis er die Vorlage eines Kaugummi-Bildchens zu einem Riesenformat auswalzt und von der Wirkung selbst verblüfft ist. Wie jeder Offenbarungsjünger spricht Lichtenstein davon, dass an diesem Tag sein zweites Leben begann. Bereits dieses erste Bild Look Mickey strotzt vor Kraft und verändert die Kunst und den Maler grundsätzlich.
Mit Häme reagiert die Kunstkritik auf die erste große Ausstellung. Das Magazin Life fragt jenseits aller Regelnder Kunstkritik:
Ist Roy Lichtenstein Amerikas schlechtester Maler?
Nicht wenigerböse prophezeien andere Kritikerein schnelles Ende dieser clownesken Bewegung. Roy Lichtenstein hat sich in den nächsten Jahrzehnten gesund gelitten. Er zählt heute zu den Klassikern der Moderne – ein geduldiger Archivar der amerikanischen Mittelklasse, ein eigenwillige rRetter der Kunst seiner Vorgänger, ein zweiter Schöpfer der einfachen Dinge.Durch die Überdimensionierung und Neuanordnung der geliehenen Motivea us den Cartoons und Comics kommt es im Wahrnehmungsparcours der Kunst zu einer radikalen Neuerung: der Verknappung.
Lichtenstein konzentriert sich auf die Primärfarben Rot, Blau und Gelb, Zwischentöne werden durch Raster angedeutet,die im abstrakten Expressionismus aufgelösten Konturen bekommen eine drastisch schwarze Einfassung, Expressionenmacht Lichtenstein in Sprechblasen lesbar. Nähert man sich den Bildern,verschwimmen die Gegenstände zu einer neuen abstrakten Kunst. Nimmt man Abstand, fangen die Bilder an zu laufen– werden im Wortsinn zu Comic-Strips. Und das Pathos der großen Blondinenwird (endlich!) lesbar. Spannend und gegenwartsmächtig ist Lichtenstein noch in einer zweiten Hinsicht. Aktuell diskutiert das Feuilletonmit moralischem Gestus die geliehenenStimmen, die in dem Bestseller-Roman Axolotl Roadkill von Helene Hegemann ausgemacht worden sind. Roy Lichtenstein hat ab Anfang der 70-er Jahre bis in die Gegenwart hinein Bilder oder Bildausschnitte berühmter Vorgänger im Stile der Pop-Art gecovert: Matisse, Léger, Carrà,Picasso, van Gogh – ohne sich um Urheberrechte der gemalten Sujets zu kümmern. Auch hier das gleiche Verfahrender Verknappung. Die durch viele Plakateum ihre Aura gebrachten Vorgängerbilder werden wieder lesbarer, wesentlicher, klarer, konzentrierter. Lichtenstein ist ein Retter, genauer: ein Creator der einfachen Dinge. Gegenläufig zur Auflösung allerKonturen im Abstrakten Expressionismus,schöpft er die Dinge neu. Dahinterverbirgt sich das Wissen um die Schönheitder einfachen Dinge. Der Maler als zweiter Schöpfer – hier hat das alte Dictum einen neuen Platz im Leben gefunden. Lichtensteins Versuch, in den Achtzigern an die frühen expressiven Anfänge anzudocken, misslingt übrigens.
In den Neunzigern arbeitet Lichtenstein in seinen Bildern und Skulpturen bis zu seinem Tod 1997 erneut mit größter Präzision, randscharf und in seinem eigentümlichen Stil der Verknappung.
Die Kritiker hatten Unrecht: Lichtensteins Bilder sind noch immer, lange nachdem abgeflauten Hype der Pop-Art und dreizehn Jahre nach dem Tod des Malers, erstaunlich vital. Und aus der Jüngerschar der von Lichtenstein inspirierten Maler ragt heute C. O. Paeffgen mit seinen schwarzen Umrandungen der Figuren aus Zeitungen und Magazinen heraus. Das Projekt geht also weiter.
Süßer Vogel Jugend?
Nein. Die Gnade der späten Einsicht.
Klaas Huizing




