Leseprobe Kultur Ausgabe 17
Claus Rudolph oder: Die Entdeckung der Abundanzphotographie

Abundantia, die römische Göttin des Überflusses, hat offenbar Pate gestanden,als Claus Rudolph seine Photo-Kunst inszenierte. Das Auge kann sich nicht satt sehen an der Fülle der Details, die um die Aufmerksamkeitdes Betrachters buhlen.Das spätrömische Lebensgefühlkorrespondiert offenherzig mit den golden twenties, mit Kabarett und Kurtisanendämmerung, sind komödiant und bedeutungsschwer gleichermaßen. Hintersinnig zitiert Rudoph den Stil großer Filme, trifft genau den mondänen Schwulenlook aus Viscontis ‚Tod in Venedig‘ oder den A-capella-Stil aus Vilsmaiers ‚Comedian Harmonists‘. Und auf einem Bild glaubt man die Callas singen zu hören.
Die Titel seiner Bildersind häufig wunderbar barock: Die Herberge der Inhalte, aus denen die Träume sind. Im besten Sinn des Wortes ist der Photograph Rudolph ein Stimmungsmacher. Er visualisiertLebensgefühle, die auf den Betrachterüberspringen. Vorwiegend heiter.
Es sind Stills aus potentiellen Spielfilmen. Man muss nur das Kopfkinoanwerfen, und die Geschichten gehen weiter. Es sind satte Raubzügedurch die Kammern unseres Filmgedächtnisses. Diese erzählerischeKraft hat Claus Rudolph auchin seine Werbephotographie hinübergerettet.Der Bühnenaufwand wird zwar spürbar verschlankt, aber es bleibt die szenische Inszenierung, nicht das Produkt steht im Vordergrund,sondern das Lebensgefühl, das sich mit dem Produkt einstellen soll: etwa bei Märklin oder Villeroy und Boch.
OPUS 16 zierte ein Photo von Claus Rudolph. Die Geschichte geht weiter.
Klaas Huizing




