Leseprobe Erinnerung Ausgabe 17
Wo Indianer Mexikanerinnen schaukelten…

- Wer ist Indianer, wer Mexikaner? Bange Fragen auf dem Pre-Ma-Bü-Ba © Sabine Graf
Früher … Chiffre der Erinnerung an Ereignisse, abgelegt, verkapselt in den einen, schillernde Hülle – Surrogat einer Freude in den anderen, denen man davon erzählte.Der Verlust schafft eine Erzählung.
Ein Stoß oder ein leichter Schlag an diese Kapsel,und sie fällt, platzt, etwas treibt aus, verbreitet ein Fluidum, das kalt und heiß, eingehüllt in den Qualm von Zigarren, durchbrochen von Rufen sich durch Flure drängender Menschen, den leisen Momenteneines Augenaufschlags und den sich verfangenden Blicken. Am 7. Februar 1948 trafen sich junge Menschen im ehemaligenStadttheater Saarbrücken, hatten sich dafür „irgendeinen Fummel“ übergezogen,feierten in von ihnen gemalten Kulissenund nannten es „Pre-Ma-Bü-Ba“. „Es war das erste Erlebnis und Ereignis nach den Kriegsjahren“, sagt der Grafiker Roland Stigulinsky. Der Grund für dieses Fest war aus der Not geboren., so wie sein mit Perückenkleber vorgetäuschter Bart, den sich Mutter Stigulinsky buchstäblich aus den Kopfhaaren geschnitten hatte:
Wenn’s an allem fehlt, muss man improvisieren.Das galt damals. Denn das StadttheaterSaarbrücken war wie große Teile der Stadt durch einen Bombenangriff Ende Juli 1942 verwüstet. Zuschauerraum, Foyerund Kostümfundus brannten aus. Der Krieg war zu Ende. Das Theater war eine Ruine und taugte, notdürftig zusammengeflickt, zum mehr schlechten als rechten Provisorium. Mangel diktierte den Spielplan, und man servierte im schlecht oder gleich ungeheizten Theatersaal lebendes Eisbein an Lumpenklamotten. So rief man laut „Kostüme bitte“, aber niemand hatte etwas abzugeben. Dann sollten die Menschen eben in Kostümen ins Theater zu einem Ball kommen und durch ihr EintrittsgeldKostüme und Requisiten finanzierenhelfen. Da man keine Zeit mehr zu verlieren hatte, fasste man sich kurz und nannte das Fest „Pre-Ma-Bü-Ba“.
Hinter dem Kürzel verbargen sich drei Berufsgruppen,die als Veranstalter auftraten: Die Presse, die Maler, die Bühne. So neu war das nicht, denn schon 1914 und 1927 hatten Saarbrücker Theaterleute und der „Verband der Saarpresse“ zum „Presse- und Bühnenball“ geladen. Schon damals pflegte man das Kürzel und nannte diese, folgt man den 1969 in der „Saarbrücker Zeitung“ erschienenen Erinnerungen, Mischung aus „Offiziellem und fastnachtlichHeiterem“ den „Pre-Bü-Ball“ im ehemaligen Saalbau am Neumarkt. Die Vatermörder der frühen Jahre lagen in der Kommode, auch das Korsett hatte ausgedient, allenfalls noch als Karikatur des Feierlichen an zu Rokokodamen oder Toreros verwandelten Saarbrückerinnen und Saarbrückern, die in allen Räumen des Stadttheaters, „von der Malerwerkstattoben bis runter in den Keller“ tanztenund feierten. „Pre-Ma-Bü-Ba“ war ein Signal zum Aufbruch, nicht zum Tanz auf dem Vulkan, sondern, nach dessen gewaltigerDetonation, zum Schwof auf Trümmerhaufen,aus denen man, so der feste Wille, wieder etwas schaffen wollte.
Auch diejenigen, die man im Kleinbürgermief dieser Jahre als zwielichtige Abgesandte von „Schund und Schandwerk“ sah, zu dem der unermüdlich plappernde Volksmunddie ehemalige Staatliche Schule für Kunst und Handwerk verballhornte....................
Sabine Graf




