Schwerpunkt Ausgabe 16
Hans Bünte: Seelewig

Wie nähert man sich der „Seele der Musik“?
Durch unreflektiertes Genießen oder durch Zahlenklauberei?
„Seel-Ewig/ laß der Welt ihr Schwärmen/ Hüpffen/ Geigen/ Du solt in stillem Geist mit mir den Oel-Berg steigen. Laß jen‘ auff Rosen gehn/ tritt die bedornte Bahn. Sie eilen unterwerts/ wir klimmen Himmel an.“Hans Aßmann von Abschatz (1646-99), dessen Feder diese Zeilen entflossen, war nicht der einzige, der sich mit Seel-Ewig beschäftigte. Ein Vorgänger, der 1607 geborene Nürnberger Dichter und Übersetzer Georg Philipp Harsdörffer, hatte gemeinsam mit dem gleichaltrigen Musikerund Komponisten Sigmund Theophil Staden aus Kulmbach eine Art Singspiel geschaffen, das eine Zeitlang etwas vollmundigals erste erhaltene deutsche Oper bezeichnet wurde: „Das Geistliche Waldgedichtoder Freudenspiel, genant Seelewig“,„gesangsweis auf Italianische Art gesetzet“, was hier nicht mehr bedeutet als eine Folge von liedhaft schlichten Arien und „Sinfonia” genannten Zwischenspielen.
Noch fehlen die für die spätere Oper dramaturgisch wichtigen Übergänge in Form von Dialogen oder Rezitativen. Im Prolog bringt Frau Musica eine noch heute, dreieinhalb Jahrhunderte später, oft gehörte Klage zu Gehör: dass die gegenwärtige Unterhaltung so weltlich-flach sei. Unterstützt von ihrer Dichtkunst-Schwester fordert sie die Rückkehr zu ihrer wahren Bestimmung, nämlich Gott zu preisen. Rückkehr? Hatte die Musik früher diese Aufgabe? Die frühsteinzeitlichen Knochenflöten begleiteten Fruchtbarkeitsriten, steinzeitliche Rasseln vertrieben Geister. Pan blies die Syrinx zum eigenen Vergnügen, die Leier begleitete Homer, die Salpinx ertönte bei den ersten Olympischen Spielen. Und reiche Römer schwelgten bei den Klängen einer Wasserorgel. Das Stück beginnt mit einer Intrige:
Der mit Bocksfuß und Teufelshörnern geschlagene Satyr Trügewald verbündet sich mit dem Schäfer Künsteling, mit Ehrelob (Kraft), Reichimuth (Wohlstand) und Sinnigunda (Sinnlichkeit), um die schöne Nymphe Seelewig vom Pfad der Tugend abzubringen. Doch auch die hat Helfer: Gwissilda (Gewissen) und Herzigilde (Weisheit) warnen Seelewig. Trügewald tobt. Ergriffen werden will der normale Konzertbesucher; er lädt Schubert in den iPod: „Und meine Seele spannte / weit ihre Flügel aus“. Selbst Komponisten teilten diese Neigung. Ob Liszt oder Skrjabin,Mahler, Messiaen oder Stockhausen – sie alle neigten zumindest gelegentlich zum Nebulösen.
Immer noch besser als die vulgäre Variante in Form von Seelenmassage mit edlen ätherischen Ölen im Luxusspa, dazu Musik von der CD, konturlos sanft, formlos breiig. Dazu „Forschungsergebnisse“,denen zufolge „das menschliche Herz im Zustand der Liebe auf 8 Hz schwingt. Das entspricht genau der Hauptresonanzfrequenz der Erde. “Mittlerweile versuchen die sauberen Gesellen Künsteling, Ehrelob, Reichimuth and Sinnigunda Seelewig mit Geschenken (darunter ein Fernrohr – und das war gerade erst erfunden, also eine echte Versuchung) zu bestechen, doch abermals sind Gwissilda und Herzigilde schützend zur Stelle. Zu schade, dass der sensible Literaturkenner und hellsichtige Malereibetrachter Sigmund Freud mit der Tonkunst nichts am Hut hatte.
„In der Musik bin ich fast genussunfähig“, schreibt er, und er weiß auch, warum: „Eine rationalistische oder vielleicht analytische Anlage sträubt sich in mir dagegen, dass ich ergriffen sein und dabei nicht wissen solle, warum ich es bin und was mich ergreift. “Demnach gehörte er zu den anderen Musikhörern, die, statt unreflektiert zu genießen, lieber eine Definition zitieren, die Leibniz nachgesagt wird: „Musica est raptus numerare se nescientis animae“, also etwa „Musik als der Drang, zu zählen, ohne sich dessen bewusst zu sein“. Bei Schelling klingt es verblüffend ähnlich: „Die Musik ist ein reales Selbstzählen der Seele – aber eben deswegen wieder ein bewußtloses, sich selbst wieder vergessendes Zählen.“
Durch Zählen hatte schon Pythagoras mit Hilfe des Monochords die musikalischen Intervalle auf Zahlenbeziehungen zurückführen können. Und das Mittelalter fasste jene vier „Künste“ der septem artes liberales, die auf Zahlen basierten (und damit die göttlich-harmonische Weltordnung darstellen), als „Quadrivium“ zusammen: Arithmetik und Geometrie, Astronomie und Musik. Im 20. Jahrhundert lebte sich die Lust am Zählen in der Seriellen Musik aus, die Höhe, Dauerund Klangfarbe eines Tones errechnete und kompositorisch in Beziehung setzte. Heute ist mit Bits und Bytes der Gipfel erreicht.Aber auch ein ganz großer Musiker, dem man wohl kaum kühlen Rationalismus vorwerfen wird, nämlich J.S. Bach, schrieb im Alter, „Das Musikalische Opfer“, die „Canonischen Veränderungen über Vom Himmel hoch“ und die „Kunst der Fuge“. Allesamt Musiken in strengstem Kontrapunkt, im „alten Stil“ also, die bei ihm wunderbarerweise alles andere als konstruiertklingen – was sie doch vom ersten bis zum letzten Ton sind. Ist die „Seele“ dieser Musik also „nur“ ein Zahlenverhältnis? Seelewigs Drama kulminiert: Schon zuvor hatte sie das Echo um Rat gefragt, diesmal aber antwortet der böse Trügewald an Echos Stelle und rät ihr, sich den Freuden der Welt hinzugeben. Beim Blindekuh-Spiel schließlich nutzt Trügewald seine Chance und fängt Seelewig. Im letzten Moment reißen Gwissilda und Herzigildeihr die Binde von den Augen. Trügewald und seine Kumpane werden aus dem Wald gejagt, und ein Engelschor preist den Herrn.
„Musik allein ist die Weltsprache (…) da spricht Seele zu Seele”, behauptet Berthold Auerbach. Stimmt nicht. Ein Asiate hört gerne Bach, aber er versteht ihn ganz anders. Und unter Europäern ist es kaum besser – sonst gäbe es nicht so viel Streit um die „richtige“ Interpretation. Doch mit Worten kommt man der „Seele“ der Musik auch nicht bei. Was also tun? Bei Adorno nachschlagen: „Ihre (der Musik) Sprachähnlichkeit erfüllt sich, indem sie von der Sprache sich entfernt.“
Hans Bünte






