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Saarland Online
 

Leseprobe Wissen Ausgabe 15

Marlen Dittmann: Die andere Welt - Eine Erinnerung an die Modeklasse der „Schule für Kunst und Handwerk“

Modellkleid Entwurf in Nessel 1955 © Gisela Toussaint

„Nicht immer ist, was schön ist, Mode – Was aber Mode ist, ist immer schön.“ (Maggy Rouff)


Wir schreiben die 1950er Jahre. In einem Raum des Obergeschosses der „Schule für Kunst und Handwerk“, heute HBK, am Ludwigsplatz schart sich eine Gruppe junger Frauen mit modischem Haarschnitt und schicker Garderobe – und ein junger Mann – um die Dozentin Ruth Herzog. Sie begreifen, betasten, befühlen die auf einem Tisch ausgebreiteten Stoffmuster: kostbare Seiden, Kaschmir, Organza. Später werden sie diese Luxusstoffe auf naturgetreue Puppen drapieren und dabei den unterschiedlichen Stoff-Fall studieren, Faltenwürfe ausprobieren oder die Kleider am Körper modellieren, wie es in den großen Pariser Modeateliers gemacht wird. Die Schüler der Klasse für Mode und Modegrafik wollen keine Massenproduktion entwerfen sondern ihrem stilbildenden Vorbild, der Haute Couture nacheifern. Rücksicht auf eine mögliche berufliche Umsetzung in der Praxis nehmen sie nicht. Schließlich haben sie schon den Gesellenbrief als Schneiderin in der Tasche, Voraussetzung für das Studium. Jetzt erhalten sie Unterricht in Stil- und Kostümkunde, in Modellschnitt und Anatomie, Aktzeichnen und Kunstgeschichte, die Grundlehre zunächst bei Boris Kleint, später bei Oskar Holweck ist obligatorisch für alle Klassen. Für die Mode ganz wichtig ist der Entwurf, der in die entsprechende Garderobe umgesetzt werden muss. Die vorgegebenen Themen sind unterschiedlich, etwa Kleider im Stil der zwanziger Jahre. Um das Diplom zu erhalten, muss eine ganze  Kollektion entworfen werden. 1958 dürfen sich die Diplomanden vom  japanischen Kimono inspirieren lassen und ihn in zeitgemäße Mode verwandeln.

Vorher jedoch fahren sie nach Paris, nehmen an den Modeschauen bei Dior, Fath oder Coco Chanel teil und begutachten dabei schon einmal ein Kostüm im Original. Ein Abglanz dieses Pariser Flairs mit seiner raffinierten Eleganz, seiner Originalität und seinem Luxus fällt auf die in der Schule veranstalteten Vorführungen der Schülerinnen. Bei diesen Höhepunkten im Schulalltag zeigen sie ihre in einem langwierigen Prozess sorgfältig erarbeiteten Kostüme. Eine Papierskizze steht am Anfang, auf einer persönlichen Büste wird zunächst das Kleid in Nesselstoff modelliert, bevor das endgültige Modell genäht wird. Das Material finden sie im Saarbrücker Stoffhaus Stühler. Die Schau beginnt vielleicht mit einem Badeanzug und endet mit der großen Abendrobe. Auch das Hochzeitskleid gehört dazu......

Marlen Dittmann