Schwerpunkt Ausgabe 15
Klaas Huizing: Haut-Kultur

„Er (...) hatte etwas sehr Unregelmäßiges in seiner ganzen Gestalt und eine sonderbare Frisur. Sein Haar stand in einem hochfahrenden Kamm beinahe einen Viertelmeter über seiner Stirn empor.“
Diese Beschreibung gilt keinem Punk der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, sondern dem dänischen Philosophen Sören Aabye Kierkegaard, der in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts auf der Flaniermeile Kopenhagens als Élégant und Dandy seine Landsleute in mildes Erstaunen versetzte. Seine Kleidung war ausgesucht und mit modischen Details versehen – ein stets frisch gestärkter Vatermörder mit eleganter Halsbinde oder ein plissiertes Jabot mit Rüschen und Volants, ein Rock mit modischem Revers, als versteckte Anspielung auf die Wertherkleidung zuweilen eine gelbe Weste, eng anliegende Hosen, „Becher“-Stiefel, ein ausgefallener Stock und ein Hoher Hut.
Dieser forcierte Modeauftritt, diese nachdrückliche Selbstdarstellung, diente der sozialen und religiösen Abgrenzung und Neudefinition und erfüllte damit seinen Zweck, gegen die familiären und gesellschaftlichen Normen seines pietistischen Elternhauses pointiert Stellung zu beziehen. Die Mode war im 19. Jahrhundert zu einer nonverbalen Sprache aufgestiegen, die alle Gruppen einer Gesellschaft zu lesen verstanden.
Mode als Transferbegriff zwischen Hochkultur und Alltagskultur
Das bis zum Ende des 17. Jahrhunderts im Deutschen gebräuchliche Wort ‚alamodisch’ verweist auf die Herkunft des Begriffs Mode (abgeleitet von modus: lat., Art und Weise) aus dem im französischen Sprachraum verwendeten „à la mode moderne“, wo es seit dem 15. Jahrhundert nachgewiesen werden kann. Bis weit ins 18. Jahrhundert war „modisch“ noch als Synonym für „modern“ gebräuchlich. Gerettet hat sich diese Bedeutung bis heute in den an der Mode orientierten Kontrastbegriffen „altmodisch/(neu)modisch“.
In Modefragen galt die Vorbildfunktion von Paris über Jahrhunderte unhinterfragt. Inzwischen ist die Dominanz französischer Stilkunst gebrochen. Italien, die USA, neuerdings Japan und in Maßen auch Deutschland streiten um die Macht der Geschmacksbildung. Eine Spannung besteht bis heute zwischen der Haute Couture der großen Modeschöpfer, die sich als (nahezu) zweckfreie Künstler verstehen, die mit Stoffen komponieren und malen und sich zur Avantgarde rechnen, und der Haut-Kultur einer auf Tragbarkeit konzipierten Gebrauchsmode. Schaffen es die einen mit ihren Kreationen bis in die großen Museen, wo ihre Unikate zu auratischen Erinnerungsspuren des auf Dauer gestellten Wechsels aufsteigen, schafft es die angewandte Kunst allenfalls bis in den Katalog eines großen Versandhauses:
NECKERMANN MACHTS MÖGLICH. Mode ist seit den Anfängen ein Transferbegriff zwischen Hochkultur und Alltagskultur.
Die Mode macht Karriere in der Gelehrtenrepublik
Der spätestens in den achtziger Jahren sprichwörtlich gewordenen Ästhetisierung der Lebenswelt verdankt das Phänomen Mode eine gesteigerte Aufmerksamkeit innerhalb der Gelehrtenrepublik. Ganz unterschiedliche Wissenschaften bearbeiten inzwischen das Phänomen.
Die Konsumforschung untersucht das Kaufverhalten, die Prägekraft von Marken, den Zusammenhang von Luxus und Mode, die ökonomische Binnenlogik des inszenierten schnellen Wechsels, aber zunehmend auch pathologische Formen wie Kaufsucht und Sammelwut. Klammheimlich tauchen lange verbannte Fragen der alten Moralistik wieder auf, die die Mode als Putzsucht oder monetär verheerende Verschwendung diffamierte, als mäßig kaschierte Begierde, den Überfluss der höheren Stände nachzuahmen. Heute sind es nicht die höheren Stände, sondern die Stars, die stilbildend wirken. Die Soziologie hat eine Lebensstilforschung etabliert, die etwa minutiös die Inszenierung des Outfits und die Rituale des Verkleidens untersucht. Die Karnevalisierung, bisher eine soziologische Ausnahmesituation, hat sich in Modefragen zu einem Ganzjahresevent entwickelt. Erfragt werden auch die Milieus, die dazu beigetragen haben, aus lebenden Schaufensterpuppen, sprich: Models, Stars und Idole zu stilisieren. Die (klinische) Psychologie erforscht, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen Schönheitsidealen, die Models vorleben, und einer ständig steigenden Zahl an Anorexieerkrankungen. Ist die Anorexie im Doppelsinn des Wortes eine Modekrankheit?
Eine Kulturanthropologie deutet die Kleidung als Indikator kultureller Prozesse. Eine historische Schlüsselstellung dürfte hier der bürgerliche Salon eingenommen haben, wo, gefördert durch Gedanken der Aufklärung, die Mode den Gedanken der Geselligkeit, also den espritvollen Austausch von neuen und ungewohnten Themen, auch modisch inszenierte. Exemplarisch geschah das in dem ersten großen deutschen Salon von Jette und Marcus Herz in Berlin, wo Adelige, die sich in ihren Schlössern schrecklich langweilten, Kaufleute, Gelehrte und Künstler in einen geselligen und herrschaftsfreien Austausch traten und die künftige bürgerliche Gesellschaft vorab darstellten. Wahrscheinlich wurde in einem Berliner Salon von Ernst Moritz Arndt auch der deutsche Rock als Zeichen bürgerlicher Gesinnung erfunden.
Caspar David Friedrich hat auf vielen seiner Gemälde die Protagonisten mit dem deutschen Rock ausgestattet, auch dann noch, als das Tragen dieses Rocks durch Metternich verboten worden war. Die Genderforschung schließlich untersucht die lange gültige Gleichsetzung von Mode und Weiblichkeit - sieht man von der Figur des Dandys einmal ab. Ein Schwerpunkt liegt in der Erforschung des Zusammenhangs von Mode und weiblicher Erotik, thematisiert werden aber auch signifikante Abweichungen‚ wenn Frauen Männerkleidung tragen’. (Gertrud Lehnert)
Eingerahmt werden diese Diskurse von der Frage, ob sich die Mode, bisher ein Synonym für die Moderne, in der spät- oder postmodernen Epoche weiterhin als Darstellung der spannungsgeladenen Beziehung von Individuum, Gruppe und Gesellschaft lesen lässt. Kann man an der Salonkultur zeigen, wie die Geselligkeit einzelner Gruppen Modestile stiftete, so gibt es jetzt verstärkt Anzeichen dafür, dass der permanente Wechsel als solcher Sinn generieren soll. Die Mode orientiert sich nicht mehr an der Frage, welche Kollektion zu einer Person passt, sondern favorisiert wird das hochindividuelle Einzelstück, das sich mit keinem anderen Stück aus dem Kleiderschrank kombinieren lässt.
Eine Entschränkung der Mode von sub-stantiellen Elementen könnte auch ein Indiz für die Inhaltsentleerung etwa der Politik sein, wo zunehmend nur noch interessiert, bei welchem Starfriseur in Berlin sich die Kanzlerin ihre Haare ondulieren lässt und welchen Hosenanzug sie favorisiert. Ob dieser Geschmack stilbildend wirkt wie in Zeiten Bismarcks, als viele Männer Garderobe und Behaarung ihrem Vorbild anpassten, scheint mir mehr als unwahrscheinlich.
Die spannendste modische Gala aber ist aktuell der schräge und schrille Christopher-Street-Day, auf der sich heute wahrscheinlich auch Sören Kierkegaard einreihen würde.
Klaas Huizing






